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Expert*innenrunde: Barrierefreiheit muss zum Standard werden

Logo: Noch 91 Tage für ein gutes Barrierefreiheitsrecht
Noch 91 Tage für ein gutes Barrierefreiheitsrecht
Foto: Marleen Soetandi

Berlin/Ellmau, Österreich (kobinet) "Die Veranstaltung machte wieder einmal deutlich: Barrierefreiheit geht uns alle an, schadet Niemandem und muss endlich zum Standard werden." So fasst Jessica Schröder von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ihren Bericht über die Online-Veranstaltung "Mit Herz und Verstand barrierefrei" der gabana Online-Akademie zusammen. Heute, am 27. März, verbleiben den Bundestagsabgeordneten noch 91 Tage, um in dieser Legislaturperiode ein gutes Barrierefreiheitsrecht zu verabschieden. Die Expert*innen sind sich einig: "Barrierefreiheit muss auch in der gebauten Umwelt zum Standard werden."

Bericht von Jessica Schröder

Barrierefreiheit muss auch in der gebauten Umwelt endlich zum Standard werden – Online-Expertenrunde der Gabana-Agentur für Barrierefreiheit

Die in Ellmau in Österreich angesiedelte gabana - Agentur für Barrierefreiheit führte am 16. März 2021 eine Online-Veranstaltung rund um die Vielfalt und dringende Notwendigkeit einer umfassenden Barrierefreiheit mit dem Titel "Mit Herz und Verstand barrierefrei" durch. Hier wurde insbesondere die Barrierefreiheit der baulichen Umwelt in den Blick genommen, mit dem klaren Appell an die Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene, zeitnah und zügig Regelungen auf den Weg zu bringen, die die Privatwirtschaft verpflichten, ihre Produkte und Dienstleistungen und die sie umgebende bauliche Umwelt endlich vollständig barrierefrei zu gestalten.

An der Veranstaltung wirkten spannende Gäste wie Dunja Fuhrmann mit, die hauptberuflich als Sozialarbeiterin und ehrenamtlich als engagierte Kämpferin für die Rechte von Menschen mit Behinderung aktiv ist. Als ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Stadt Saarbrücken und Vorstandsmitglied im Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter setzt sie sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein - zum Beispiel für mehr Barrierefreiheit in den Städten.

Wolfgang Stenger, Inklusionsbeauftragter von MSD Merck, Dohmen & Sharp, einem der weltweit führenden Pharmakonzerne, gewährte Einblick, warum sich MSD sehr engagiert für Barrierefreiheit einsetzt und wie das Thema auch in die bauliche Gestaltung der Firmenzentrale Eingang findet.

Jana Trinkus, Inhaberin des Resort Stettiner Haff, verriet, was sie und ihren Mann bewogen hat, ein hochwertiges, völlig barrierefreies Ferienresort im hohen Norden zu errichten.

Alexander Ledermair, Unternehmer aus Schwaz in Tirol erzählet, wie er es trotz Rollstuhl schaffte, sein Unternehmen mit ca. 200 Mitarbeiter*innen zu Tirols größtem Busunternehmen zu machen.

Helmut Muthers, einer der brillantesten Redner rund um das Thema Generation 50 Plus brachte das enorme Marktpotential dieser Generation auf den Punkt und was diese wohl kaufkräftigste Generation von Produkt- und Dienstleistungsanbietern erwartet.

Dunja Fuhrmann erkrankte im Alter von 16 Jahren an Borreliose, die, weil lange unentdeckt, bei ihr zu einer Querschnittslähmung führte. Von einem relativ unbeschwerten Leben mit eigener Vespa, Plänen für eine handwerkliche Ausbildung in greifbarer Nähe, Partys mit Freunden, Kinobesuche usw. wurde ihr Leben plötzlich zu einer Art Hindernislauf, weil die größtenteils rollstuhlfeindliche Gesellschaft, ihr vielfältige Barrieren aufzwang. Das Elternhaus und viele Klassenräume waren nur über Treppen erreichbar, so dass sie immer auf Hilfe von Mitschüler*innen und ihrer Familie angewiesen war. Die Kinos mit den besten Filmen waren nicht barrierefrei und auch Partys bei Freunden blieben häufig unzugänglich. Obwohl sie ihren Berufswunsch wegen ihrer Beeinträchtigung nicht realisieren konnte, ist Dunja Fuhrmann froh über ihr Studium der Sozialarbeit, dass ihr ermöglicht in Ihrem aktuellen Beruf behinderte Menschen in rechtlichen Angelegenheiten zu beraten und zu unterstützen. Wenngleich Dunja Fuhrmann heute ein selbstbestimmtes Leben führt, behindern immer noch viele bauliche Barrieren ihre gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe. Saarbrückens mit kopfsteingepflasterte Gehwege und Straßen sind für Rollstuhlnutzer*innen häufig unpassierbar oder erhöhen das Risiko zu stürzen, weil die Räder im Kopfsteinpflaster hängen bleiben. Rampen an Supermärkten sind zu steil und selbst der Lieferant muss beim Passieren dieser Rampen seine Ware auf der Sackkarre festschnallen. Beim Bäcker und bei der Post kann Dunja Fuhrmann nur draußen bedient werden, weil beide rollstuhlunzugänglich sind. Auch ihre eigene Wohnung ist nicht komplett barrierefrei. Das Bad ist zu schmal, um Toilette und Badewanne von allen Seiten anfahren zu können. Der Einstieg in die Badewanne ist nur mit Hilfe eines selbstkonstruierten Tools realisierbar und der Blick in den Spiegel nur durch eine am Waschbecken angebrachte Spiegelfliese möglich, da der eigentliche Spiegel zu weit oben angebracht wurde. Dunja Fuhrmann weist mit Nachdruck darauf hin, dass laut einer Studie ein eklatanter Mangel an barrierefreiem Wohnraum (Fehlbedarf von 3 Millionen Wohnungen) existiert. Auch Wohnungen, die als barrierefrei angepriesen werden, entsprechen nicht den Standards für barrierefreies Bauen. Schwellen und Teppichkanten sind mit Rollstühlen unpassierbar und führen bei alten Menschen zu Stürzen. Meist ist die Wohnfläche zu klein und Wohnmöbel und Küche sind nicht unterfahrbar. Niveaugleiche Duschen und barrierefreie Toiletten sind Mangelware. Viele behinderte Menschen leben in Wohnungen, die sie ohne fremde Hilfe nicht verlassen oder betreten können. Aufgrund von Schwellen können Balkone und Terrassen nicht genutzt werden und oft sind Vermieter*innen nicht bereit, einen Umbau der Wohnung zu genehmigen.

Dunja Fuhrmann setzt sich vehement für gesetzliche Regelungen ein, die die Privatwirtschaft verpflichten, eine umfassende bauliche Barrierefreiheit umzusetzen. Ihr Motto: "Barrierefreiheit schadet niemandem und ungehindert rollt besser.“

Wolfgang Stenger, Inklusionsbeauftragter von MSD Merck, Dohmen & Sharp, erläuterte anhand einer im Bau befindlichen Unternehmensfiliale in München sein Baukonzept für eine umfassende Barrierefreiheit, die auch behinderte Arbeitnehmer*innen und Jobsuchende motiviert, im Unternehmen tätig zu werden. Das Bürogebäude wird über sechs behindertengerechte Toiletten und Duschbäder verfügen, alle Schreibtische des Unternehmens sind unterfahrbar und höhenverstellbar. Die Nutzfläche des Gebäudes ist großzügig angelegt, um Rollstuhlnutzer*innen die barrierefreie Zugänglichkeit zu ermöglichen. Wichtig bei diesem Bauvorhaben ist, dass alle Räume, auch die Behinderten-WCs, ein Ambiente ausstrahlen, dass zur Nutzung und zum Verweilen einlädt. Ihren Aktionismus für Vielfalt und Inklusion bekräftigt das Unternehmen in dem es das Anna Schaffelhuber grenzenlos-Camp finanziell unterstützt und jährlich einen Neighbour-of-choice Award vergibt, der soziale Organisationen die in Bereichen wie Sozialengagement und Inklusion aktiv sind, finanziell unterstützt. Auch die Sozialhelden haben sich mit Ihrem Wheelmap-Projekt diesen Award schon verdient.

Alexander Ledermair, selbst Rollstuhlnutzer und Gründer eines Tiroler Busunternehmens, das ausschließlich barrierefreie Niederflurbusse im Linien-, Werk- und größtenteils auch im Fernbusverkehr nutzt, verwies auf die Wichtigkeit von umfassender Barrierefreiheit als Wegbereiter für die Akzeptanz der eigenen Beeinträchtigung. Aufgrund eines Snowboardunfalls querschnittsgelähmt, musste Alexander Ledermair wieder bei seinen Eltern einziehen, da die eigene Wohnung nicht barrierefrei war. Die Verarbeitung und Bewältigung der eigenen Behinderung wurde für Ihn anfangs zur echten Herausforderung, da er sich ständig mit neuen Barrieren konfrontiert sah, die sein gewohntes Leben mit Sport, Windsurfen und Auslandsreisen sehr stark einschränkten. Durch eine Auslandsreise, die ihn nach Hawaii und Kalifornien führte, gewann er wieder neue Kraft und Energie, die ihn bewog, im eigenen Familienunternehmen die Barrierefreiheit konsequent umzusetzen. Er berichtete, dass in den USA die Barrierefreiheit von öffentlichen und privaten Gebäuden sowie touristischen Einrichtungen vor allem durch die Ambitionen von kriegsversehrten Soldaten viel stärker umgesetzt wird als in Österreich und Deutschland. Touristen mit Behinderung werden dort nicht als Last und Unzumutbarkeit, sondern als gleichwertige und gewinnbringende Kund*innen akzeptiert, verbunden mit gleichen Teilhaberechten, wie sie auch allen anderen Menschen zugestanden werden. Für Österreich und Deutschland wünscht sich Alexander Ledermair eine Infrastruktur, die es behinderten Menschen endlich ermöglicht, auch spontan zu reisen, und eine Hotellerie, die genau weiß, ob und wie barrierefrei sie ist und dies auch konsequent in ihren Werbeangeboten und durch ihre Mitarbeitenden beschreiben kann.

Jana Trinkus hat mit ihrem Mann in Altwarb am Stettiner Haff ein weitestgehend barrierefreies Ferienressort aufgebaut. Motivator war für beide der Wunsch, alten Menschen unbeschwertes Reisen mit ihren Enkeln zu ermöglichen. Der Bedarf an generationsübergreifenden touristischen Angeboten steigt durch den demografischen Wandel stetig und wird in Deutschland bisher nicht ausreichend gedeckt. Das Ferienressort ist rollstuhlgerecht, verfügt über kontrastreiche und taktile Bodenleitsysteme, unterfahrbare Esstische und Küchenmöbel, unterfahrbare und elektrisch verstellbare Betten (Matratzenhöhe und Neigungswinkel) sowie über elektrische Sensoren, die Fenster/Gardinen öffnen bzw. schließen. Das Öffnen und Schließen von Schränken und Nachttischen ist zudem auch ohne Kraftaufwand möglich. Im Gespräch räumte Frau Trinkus ein, dass es noch Bereiche gibt (Sauna und Wellnessbereich), die bisher noch nicht vollständig barrierefrei sind. Es braucht Kreativität, Know-how und die Fähigkeit, sich in die Lebenswelt von behinderten Menschen einzufühlen, um ihrem Vorhaben angemessen gerecht zu werden. Die Erfahrungen von behinderten Gästen sind für sie der wichtigste Faktor, um in naher Zukunft umfassende Barrierefreiheit und chancengleiche Teilhabe gewehrleisten zu können.

Helmut Muters aus Linz am Rhein ist passionierter Aktivist für die Belange der Generation 50-Plus. In seinen Büchern und durch gezielte Beratung von Unternehmen der Handels-, Gastronomie- und Tourismusbranche sensibilisiert er für die Bedürfnisse älterer Menschen und schafft ein Bewusstsein für ihr massives Marktpotenzial. Heute liegen alte Menschen nach der Rente nicht senil im Schaukelstuhl und warten auf den Tod. Nein, sie haben Ziele und Pläne, wollen reisen, tragen die gleichen Klamotten, wie ihre Enkel und wollen endlich ihr Leben genießen. Die sogenannte Babyboomer-Generation ist die kaufkräftigste Gruppe und diejenige mit Angespartem, was nun endlich ausgegeben werden möchte. Ihre gelebte Erfahrung macht sie zu kritisch denkenden, anspruchsvollen und selbstbestimmten Kund*innen, die Respekt, die Begegnung auf Augenhöhe und Einfühlung in ihre Bedürfnisse verdienen, wie er betonte. In seinem neuen Buch "Mit 50 ist man alt genug, um zu wissen, was man will und was man kann“ stellt Muters ganz konkrete Tipps und Verhaltensregeln zusammen, wie ältere Menschen als Kunden gewonnen und gebunden werden können. Beispiele sind: Alte Menschen hassen Bevormundung, Verkaufsdruck und lange Wartezeiten. Sie lieben gute Umgangsformen, Diskretion und sie handeln beim Einkaufen oft nach Bauchgefühl. Sie wollen mit Wertschätzung und Vertrauen behandelt werden: festmontierte Kleiderbügel und angekettete Kugelschreiber sind kein Vertrauensbeweis. Alte Menschen sind allergisch gegen Anglizismen und wollen nicht mit Senior angesprochen werden. Natürlich ganz wichtig zum Reisen und einkaufen braucht es unbedingte und zwingende Barrierefreiheit der Infrastruktur und aller dazugehörigen Einrichtungen, damit sie von älteren Menschen, selbstbestimmt genutzt werden können.

Die Veranstaltung machte wieder einmal deutlich: Barrierefreiheit geht uns alle an, schadet Niemandem und muss endlich zum Standard werden.

Hinweis:

Noch bis zum 1. April steht die gut zweistündige Aufzeichnung der Veranstaltung noch zum kostenfreien Anschauen online zur Verfügung

Link zu weiteren Infos über die Veranstaltung der gabana Online-Akademie und zum Zugang zur Aufzeichnung der Veranstaltung

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