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Ich bin ein Glückskind

Foto von Michael Spörke. Er sitzt in der Sahara im Wüstensand bei Sonnenuntergang.
Foto von Michael Spörke. Er sitzt in der Sahara im Wüstensand bei Sonnenuntergang.
Foto: Privat

Ratingen (kobinet) Dr. Michael Spörke, 48 Jahre alt. Abteilungsleiter Sozialpolitik und Kommunales des SOVD, Landesverband Nordrhein-Westfalen.

Ein Mann, der am Ende seines Lebens gerne sagen würde:

„Das war ein geiler Trip.“

Das Portrait schrieb kobinet-Korrespondentin Gracia Schade.

Herkunft: Michael Spörke sagt von sich: „Ich bin ein Thüringer Kind.“. Aufgewachsen in Creuzburg, einer kleinen Stadt mit dörflichem Charakter. Er besuchte die regulären Schulen vor Ort. Er war der einzige Schüler mit Behinderung. Michael Spörke erzählt: „Meinen Eltern war es wichtig, dass ich ganz normal aufwachse, so wie meine Schwester. Um Abitur machen zu können, ging er 1989 nach Birkenwerder auf ein Internat. Durch die Nähe zu Berlin hat er den Mauerfall live miterlebt. Mit seinen Freunden war er in Berlin in der Disko und konnte erst nicht glauben, dass die Mauer offen ist. Diese Zeit des Aufbruchs bezeichnet Michael Spörke als produktives Chaos. „Wir wussten nicht, bleibt die Mauer offen? Wie geht es weiter? Das war faszinierend und beängstigend zugleich. Das Erleben dieser unsicheren Zeiten hat mir auch im späteren Leben geholfen, Unsicherheiten zu bewältigen.“ Michael Spörke studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie an der Universität Kassel, dort promovierte er 2008.

Internat: Erste Internatserfahrung sammelte er in Gotha, im Haus am Seeberg. Dort verbrachte er die beiden Jahre vor seiner Einschulung. „Meine Eltern waren berufstätig, und der Kindergarten wollte mich nicht aufnehmen. Die Zeit dort war grässlich, man hat sich kaum um uns Kinder gekümmert. Das hat Verlustängste in mir ausgelöst. Nur an eine Erzieherin kann ich mich erinnern, die sich viel Zeit für mich und andere nahm.“

Die kurze Zeit in Birkenwerder hat Michael Spörke in guter Erinnerung behalten. 1990 wechselte er in das Internat nach Hessisch-Lichtenau. „Nach dem Mauerfall war das eine Chance, wieder näher bei meiner Familie zu sein. Außerdem waren die Lehrer*innen in Birkenwerder immer noch die gleichen. Wie sollte das gehen? Viele von denen glaubten immer noch an den Sozialismus der DDR und sollten nun andere Lehren vermitteln.“ In Hessisch-Lichtenaus lebte erab dem zweiten Jahr in einer Außenwohnung des Internats in der Innenstadt. „Das fand ich cool. Allerdings die Regeln einer solchen Einrichtung fand ich schon immer schwierig.“ Michael Spörke ist inzwischen einer absoluter Gegner von institutionalisierten Einrichtungen.

Familie: Für Michael Spörke war es ein großes Glück, dass seine Eltern sich so rein gehangen haben und er immer dabei sein konnte. Hilfe und Unterstützung vom Staat gab es damals kaum. Heute lebt sein Vater in der Nähe von Kassel und seine Schwester in Köln. Die Mutter verstarb bereits vor 11 Jahren. Seine Familie ist sein Fundament, mit der er regelmäßig Kontakt hat. Heute ist das Leben mit seiner Ehefrau Nele sein großes Glück und damit die Kernfamilie.

Wohnen: Das helle Wohnzimmer mit den bodentiefen Fenstern setzt die vielen Kunstwerke an der Wand gut in Szene. Michael Spörke und seine Frau haben eine Leidenschaft für moderne Kunst. An der Wand hängt beispielsweise ein abstraktes Bild von Marilyn Monroe. Seine Frau ist selbst Künstlerin, daher finden sich hier auch viele Werke von ihr. An einer Wand dominiert ein großes Regal mit unendlich vielen CD’s. Michael Spörke und seine Frau nutzen beiden einen Rollstuhl, manch ein Besucher könnte daher verwundert sein, dass die beiden einen Faible für Designer-Stühle im Bauhaus-Stil haben.

Reisen: Eine große Leidenschaft von Michael Spörke und seiner Frau Nele ist das Reisen. Lange Zeit haben sie auf Reisen verzichtet, zu kompliziert war es, Assistenz für Nele zu organisieren. Doch seitdem sie im Reiseland selbst Assistenz suchen, genießen sie es wieder. „Man lernt die Menschen und die Länder viel besser kennen, wenn man jemand Einheimischen dabei hat. Die tollste Reise war bislang nach Marokko. Dort haben wir einen viertägigen Trip mit dem Jeep in die Sahara gemacht. Mit dem Fahrer konnten wir uns gar nicht verständigen, er konnte kein Englisch.“, erzählt Michael Spörke. Geplant war eine Übernachtung im Zelt, doch als der Fahrer sein Schlaflager draußen errichtete, zog es auch die anderen ins Freie. „Das war eine tolle Erfahrung, diese völlige Dunkelheit und Stille. Der Blick auf den Sternenteppich war einfach traumhaft, man wollte gar nicht schlafen. Und bei Tag hat der Sand viele verschiedene Farben, je nach Sonnenlicht. Diese Reise hat unsere Liebe für die Wüste entfacht.“ Die nächsten Ziele sind Israel und Jordanien. „Ich habe großes Interesse an Religionen und bin gespannt, was wir dort kennenlernen dürfen.“

Musik: Es gibt keinen Tag ohne Musik für Michael Spörke. Er erinnert sich noch: „Bei meinem ersten Trip in den Westen, drei Tage nach dem Mauerfall, bin ich in einen Plattenladen gegangen. Vom Begrüßungsgeld kaufte ich mir eine Platte von The Cure und Sisters of Mercy. Von der Auswahl dort war ich völlig überrascht, das kannte ich ja nicht.“ Sein Herz schlägt für Blues-Musik. Mit 14 Jahren hörte er im Radio eine Sendung über Janis Joplin, die Sendung hat er mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. Er erzählt: „Die Geschichte der Band und der Sängerin hat mich von da an fasziniert.“. 2001 hat er die Band auf dem Hippiefestival auf Burg Herzberg kennengelernt. „Leider hatte ich keine Chance, in den Backstage-Bereich zu kommen. Die Wege waren so schlammig, da kam ich nicht durch.“ Er selbst spielt Keyboard und Gitarre.

Schreiben: 2003 veröffentlichte Michael Spörke sein erstes Buch, eine Biographie der Band von Sängerin Janis Joplin, Big Brother and the Holding Company. Bei seiner Recherche hat er mit allen Bandmitgliedern Telefoninterviews geführt. Zwei der Mitglieder leben noch, mit denen verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis. Bis heute schreiben sie sich oder telefonieren miteinander. Das zweite Buch war eine Biographie über Big Mama Thornton, es erschien 2014. „Ich fand, die Frau hatte einfach eine Biographie verdient.“ Für das Buch hat er mit vielen alten Blues-Musikern bewegende Gespräche geführt. Um einen Verlag zu finden, halfen ihm die Musiker. Sein Recherche-Material übergab er dem Lippmann+Rau-Musikarchiv. Das Archiv widmet sich der Geschichte des Jazz und der populären Musik. „Mit diesen Erfahrungen hat mir das Leben einen großen Gefallen getan.“

Selbstbestimmt Leben: Während seines Studiums erwachte das Interesse an der Behindertenpolitik. „Ich wollte ein Bankkonto eröffnen und war wütend, dass die Filiale nicht barrierefrei war. Darüber wollte ich mich beschweren und ging in Kassel zum fab e.V. (Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter). Ich lernte Uwe Frevert kennen. Da wurde mir klar, aufregen ist das eine, machen das andere.“, erzählt Michael Spörke. Seitdem engagierte er sich beim fab e.V. als Mitmacher. Später schlug ihn dann Ottmar Miles-Paul für den Vorsitz des Kasseler Behindertenbeirates vor. „Da dachte ich, kneifen gilt nicht. Die Arbeit in dem Gremium hat mir viel Spaß gemacht.“ Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre für die ISL e.V. (Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland). Dazu sagt er: „Politik war schon immer meins, ich wollte die Welt schon immer ein wenig besser machen. Behindertenpolitik betrifft auch meine Lebenschancen. Mir sagt niemand, das geht nicht, weil ich eine Behinderung habe.“

Essen:„Ich genieße gern. Kochen ist für mich ein kreativer und schöpferischer Prozess. Am Wochenende koche ich oft sehr aufwendig, besonders gern italienisch oder spanisch. Mein Lieblingsessen ist Leber auf venezianische Art.“, schwärmt Michael Spörke.

Inklusion heißt für mich: „Dass jeder Mensch von Anfang an die gleichen Chancen bekommt. Es muss darum gehen, welche Möglichkeiten und Ressourcen jemand hat. Diese dürfen nicht durch mangelnde Unterstützung ausgebremst werden.“

Träume: Michael Spörke möchte noch viel von der Welt sehen, vor allem Wüstenländer. Abschließend sagt er: „Ich hoffe, dass wir fit bleiben und unser Leben noch lange so selbstbestimmt weiterführen können. Bisher läuft es gut, so kann es weiter gehen. Am Ende würde ich gern sagen können: Das war ein geiler Trip.“.

Ratingen (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sahiqvx