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Wie kommt man ohne Flugzeug nach Bolivien?

Foto Sabine Kumar vor dem Fenster stehend von hinten fotografiert
Foto Sabine Kumar
Foto: Privat

Nieder-Olm (kobinet) Sabine Kumar (Name geändert) ist eine Frau, die sich fragt, warum wir keine Politik finden, die sorgsamer mit Ressourcen umgeht und die meisten Bürger*innen dabei mitgehen können. In einem Porträt wird die 46jährige Frau, die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gesundheitsbereich einer deutschen Universität ist, u.a. mit der Frage „Wie kommt man ohne Flugzeug nach Bolivien“ von kobinet-Korrespondentin Gracia Schade vorgestellt.

Herkunft: Sabine Kumar wurde in Norddeutschland geboren, sie hat zwei jüngere Geschwister. Die Eltern wechselten aus beruflichen Gründen oft ihre Stelle. Bis zum Alter von zehn Jahren hat Sabine Kumar mehrere Grundschulen besucht. Sabine Kumar sagt: „Heimat kenne ich nicht, aber es gibt viele Orte, an denen ich mich wohl fühle, und die ein warmes Gefühl auslösen.“ Von der Mittelstufe bis zum Abitur lebte Sabine Kumar in einem kleinen Dorf in der Mitte von Deutschland. Als die Eltern überlegten, in ein anderes Land auszuwandern, streikten die Kinder. Sabine Kumar studierte Design und arbeitete dann einige Jahre für eine große Bundesbehörde.

Familie: „Besonders der Kontakt zu meinen Geschwistern ist mir wichtig, auch wenn wir uns selten sehen. Zu meinen Eltern hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren wieder gebessert. Früher fand ich deren Entscheidungen oft schwer nachvollziehbar und hatte das Gefühl, wir Kinder laufen nur so mit. Meine Eltern waren geprägt von Nächstenliebe und haben uns gute Werte mitgegeben“, schildert Sabine Kumar. Manchmal bedauert sie, dass die Eltern sich gegen die Auswanderung entschieden haben. „ Ich finde es spannend, zwei unterschiedliche Kulturen in sich zu vereinen.“

Wohnen: Mit ihrem Mann lebt sie in der Innenstadt eines multikulturellen und lauten Viertels. Das Wohnzimmer ist bunt und gemütlich. Die Möbel sind zusammengewürfelt und haben schon viel erlebt. Doch irgendwie passt alles zusammen und sieht ästhetisch aus. Darauf angesprochen, lacht Sabine Kumar und sagt: „Ich mag keine neuen Sachen.“ In der Nachbarschaft leben viele Menschen türkischer Herkunft. Auf einem großen Platz sind immer Drogendealer unterwegs, die Gras verkaufen. Nur hin und wieder geraten die Menschen dort in Streit, so dass die Polizei schlichten muss. Sabine Kumar wünscht sich manchmal mehr Ruhe, doch die kurzen Wege zur Arbeit sind einfach sehr verlockend.

Kunst: Früher hat sie viel fotografiert. Heute geht sie noch gerne ins Museum, aber sonst spielt die Kunst keine Rolle mehr in ihrem Leben. „Doch ich leide unter schlecht gemachten grafischen Erzeugnissen. Ästhetik und gute Nutzbarkeit sind mir wichtig. Ich bin allerdings erleichtert, dass ich in Sachen Kreativität nicht mehr so viel ausspucken muss.“

Psychologie: „Das Studium der Psychologie habe ich eigentlich per Zufall begonnen. Ich wollte günstige Studentenlizenzen für Software nutzen. Da habe ich geschaut, welches Fernstudium mich interessiert. Hinzu kam, dass ich mit meinem Beruf mehr Geld verdienen wollte, um meine Existenz zu sichern.“ Heute hat Sabine Kumar Feuer gefangen. „Durch das Studium habe ich ein Verständnis gewonnen, warum Menschen sich so oder so verhalten. Erleben erzeugt Verhalten, und man kann anderen in schwierigen Situationen helfen. Auch dabei, eigene Werte in Handlungen umzusetzen.“, schildert Sabine Kumar.

Essen: Spontan sagt sie: „Ich koche ungern, ich esse lieber.“ Das Ehepaar Kumar lebt vegan, dazu sagt sie: „Wir wollen nicht so viel kaputt machen und nachhaltig leben.“ Damit hat das Essen einen großen Stellenwert eingenommen. Man muss eingefahrene Denkmuster verlassen, wenn das Essen lecker sein soll. „Bei uns zu Hause sind wir dabei konsequent, doch wenn wir bei Freunden oder Familie essen, nicht. Mein Lieblingsessen sind immer noch Käsespätzle.“, schmunzelt Sabine Kumar.

Reisen: Sie reist gern in ferne Länder. Vor sechs Jahren haben ihr Mann und sie jedoch entschieden, auf Flugreisen zu verzichten. „Deutschland kenne ich gut, doch ich habe Lust auf was Neues. Um weit zu reisen, bräuchte ich viel mehr Zeit, weil ich andere Verkehrsmittel nutzen müsste. Vielleicht fliege ich doch noch einmal.“, sinniert Sabine Kumar.

Verluste: Vor 20 Jahren bekam sie die Diagnose Multiple Sklerose, MS genannt. Das löste in ihre große Angst aus, ein Pflegefall zu werden und sich nicht mehr selbst versorgen zu können. Die Angst vor möglichen Verlusten war größer, als die tatsächlichen Verluste. „Nach einigen Jahren war ich mit Medikamenten gut eingestellt, ich hatte wenig Schübe. Fast alle Einschränkungen haben sich wieder zurückgebildet.“, erzählt Sabine Kumar. Doch die Angst blieb, auch davor, keinen Beruf mehr ausüben zu können. Nach mehr als drei Jahren entschied sich Sabine Kumar, psychologische Unterstützung zu nutzen. „Das hat mir gezeigt, dass ich auch mit MS mein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Selbstbestimmtes Handeln ist mir einfach wichtig. In der ersten Zeit war ich oft müde nach geringer Belastung. Durch leichtes Lauftraining an der frischen Luft ist das besser geworden.“, erzählt sie. „Heute laufe ich manchmal die Ecken rund und mache schon mal eine unkontrollierte Bewegung, aber es geht mir gut.“

Politische Entwicklungen bereiten ihr Sorge. Sie sagt: „Ich habe den Eindruck, dass demokratische Institutionen von vielen Menschen nicht mehr so stark wertgeschätzt werden.“ Als nächstes nennt sie das Thema Klimawandel. „Der Klimawandel wird nicht adäquat angefasst, das führt zu Verlusten. Das tut mir weh.“ Weiter sagt sie: „Verlustgefühl entsteht oft, weil wir uns mit anderen vergleichen.“ Sie fragt: „Warum müssen denn so viele einen SUV fahren?“

Nähen: Ein Hobby, dem sie viel Zeit widmet. „Für mich ist das wie eine Art Meditation. Im geschützten Raum lerne ich, mit schwierigen Situationen umzugehen.“ Ein Lernprozess, auch in Sachen Geduld. Sabine Kumar näht gern praktische Dinge wie Rücksäcke, Schlafsäcke oder Windjacken. „Die Wertschätzung für die Herstellung ist bei mir dadurch viel größer geworden. Oft schaue ich mir Dinge an, wie sie genäht sind. Wenn etwas fertig ist, bin ich stolz, es selbst hergestellt zu haben.“

Naturerlebnisse: 2020 las Sabine Kumar das Buch „Weite Wege wandern“ von Christine Thürmer. „Das hat mich so neugierig gemacht, und ich wollte es selber ausprobieren. Leider konnte ich meinen Mann nicht davon begeistern.“, erzählt sie“. Die längste Tour ging über fünf Tage, am Tag wandert sie schon mal 30 km. Mit im Gepäck ein Zelt, ein Gaskocher und viele Tütensuppen. Sie erzählt: „Das Schwierigste ist, einen guten Schlafplatz zu finden. Einmal war ich zu nah an der Straße. Ein Hund hat mein Zelt entdeckt und ebenso sein Herrchen. Mehr Angst als in dem Moment kann man nicht haben.“

Die größten Glücksgefühle erlebt sie in der Stille der Natur, wenn sie den Geräuschen von Tieren, wie beispielsweise Käuzchen oder Regentropfen lauscht.

Planung: Auf die Frage, ob ihr Planung wichtig ist, sagt sie: „Oh ja, ich bin ein absoluter Planungsmensch. Planung verschafft mir gedanklichen Freiraum und gibt den schönen Dingen mehr Raum. Schlechte oder fehlende Planung ist ein Zeiträuber. Auch meine Wanderungen plane ich zu Hause, damit ich genau weiß, wo kann ich einkaufen, oder wo finde einen Schlafplatz.“

Ziele: Spontan sagt Sabine Kumar: „Mit meinem Mann noch viele Jahre zusammen verbringen. Und die Dissertation abschließen, das dauert noch ungefähr ein Jahr.“ Sie möchte ansonsten für ihre Eltern da sein und Freundschaften pflegen. Ein Traum von ihr, wäre nochmal nach Bolivien zu reisen. Dann würde sie weiter nach Mexiko fahren, um von dort nach Kanada zu wandern. Abschließend sagt Sabine Kumar: „Mit meinem Handeln möchte ich einen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft leisten.“

Nieder-Olm (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sfklrv8