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Wenn Prävention beängstigend wird

Portrait von Julia Lippert
Julia Lippert
Foto: privat

Berlin (kobinet) Seit nicht wenigen Jahren fließen erstaunliche Mengen an Forschungsgeldern in die epidemiologische Erfassung von Krankheiten durch künstliche Intelligenz. Nicht zuletzt sollen diese Erkenntnisse dazu dienen, Krankheitsverläufe frühzeitig zu erkennen und möglichst frühzeitig zu intervenieren. Ein jüngstes Bespiel hierfür, ist ein Forschungsprojekt, das mittels Künstlicher Intelligenz Facebookdaten analysiert. Hierbei wurden die Daten von ca. 250 Probandinnen erfasst. So stellt der Bericht fest, dass zum Beispiel zu erkennen sei, dass Menschen in frühen Phasen ihrer Depressionen kleinere und blauere Bilder posten oder Menschen mit sogenannten affektiven Störungen häufiger Schimpfworte ...

Bericht von Julia Lippert

Besorgniserregend ist die Frage, welche Verläufe solche wohlmeinenden Techniken zukünftig nehmen werden. So hält der Bericht selbst fest, dass grundlegende rechtliche Klarstellungen zur Datensicherheit und Selbstbestimmungsrechten einer gesellschaftlichen Debatte bedürfen (S.7).

Warum ist das wichtig?

Krankheit um jeglichen Preis der Datenerfassung und -überwachung zu verhindern und damit Krankheit nach wie vor, als ein individuelles Problem zu betrachten, dass es durch frühzeitige therapeutische und medizinische Maßnahmen zu verhindern gilt, kann durchaus kontrovers betrachtet werden. Nicht nur wird die Frage, zu den gesellschaftlichen und sozialen Hintergründen der Entstehung von seelischen Erkrankungen, gar nicht erst gestellt. Sondern individuelle Entscheidungen, welche gesundheitsbezogenen Leistungen in Anspruch genommen werden, potentiell in Frage gestellt.

Die jüngste Rechtsprechung bekräftigt zwar (eigentlich) die "Freiheit zur Krankheit“ (siehe z.B. Beschluss BGH 5StR393/18, RN 29), dass heißt jede:r kann frei entscheiden, eine Behandlung, auch gegen ärztlichen Rat, abzulehnen. Aber!: gerade Menschen mit psychischen Behinderungen wird dieses Recht auf eine freie Entscheidung, auf Grund der sogenannten "krankheitsbedingen Einsichtsunfähigkeit“ (siehe hierzu 2 BvR 882/09, RN 48-51) rechtlich zulässig, durchaus abgesprochen.

Ein Gedankenspiel:

Ich mache morgens mein Smartphone an und auf dem Display erscheint folgende Nachricht:

"Liebe Nutzerin dieses Telefons, dank neuester Technik hat Programm xy analysiert, dass sich bei Ihnen eine psychische Erkrankung anbahnt. Ihrer Krankenakte ist zu entnehmen, dass sie bereits mehrfach psychiatrische Diagnosen erhielten. Weswegen die Annahme nahe liegt, dass es zu einem Wiedererscheinen ihrer Krankheitssymptome kommen wird. Um dies im Sinne ihrer Gesundheit und der daraus entstehenden gesundheitsbezogenen Kosten zu verhindern, im Folgenden eine Auflistung von Ärzten und Apotheken in der Nähe: ….

Bitte begeben sie sich möglichst bald in Behandlung, um nicht chronisch zu erkranken. Wenn sie dieser Bitte nicht nachkommen, sehen wir uns gezwungen, ihre fehlende Einsicht ihrer örtlichen Krankenkasse mitzuteilen. Welche Folgen das auf die Kostenerstattung ihrer vorauszuahnenden Krankheitskosten hat, regelt ihre zuständige Krankenkasse.

Bleiben sie gesund! Ihr Smartphone.“

Sicherlich ist dieses Gedankenspiel dank entsprechender Datenschutzbestimmungen so rechtlich noch nicht konstruierbar. Technisch ist es aber gar kein Problem.

Rechte geltend zu machen, ist auch Aufgabe zivilgesellschaftlicher Bewegungen und sie müssen immer wieder eingefordert und verteidigt werden, um nicht im Dschungel rechtlicher und gesetzlicher Entscheidungen unterzugehen. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, ist es sehr wichtig zivilgesellschaftliches Engagement und wirksame Partizipation von Menschen mit Behinderungen mit den notwendigen Ressourcen zu unterstützen.

Auch ihr Smartphone wird das verstehen.

Berlin (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sjlopy9