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Selbstvertretung autistischer Menschen in den USA

Porträt von Birger Höhn
Birger Höhn
Foto: Stadt AG Dresden

Dresden (kobinet) Vier beeindruckende Tage bzw. Nächte liegen hinter dem Inklusionsbotschafter Birger Höhn. Coronabedingt fand dieses Jahr die Gala von The Autistic Self Advocacy Network (ASAN) online statt, was Birger Höhn die Möglichkeit gab, die US-amerikanische Bewegung autistischer Menschen näher kennen zu lernen und an der Veranstaltung teilzunehmen. "Es war wunderbar und beeindruckend", berichtet Birger Höhn, der einen Bericht über die Veranstaltung und die Unterschiede der Bewegung von Autist*innen in den USA und in Deutschland für die kobinet-nachrichten geschrieben hat.

Bericht von Birger Höhn

In den vergangenen vier Tagen bzw. besser gesagt Nächten hatte ich die große Freude, bei der online Video Gala von The Autistic Self Advocacy Network (ASAN) dabei sein zu können. Ich hatte mich ja schon vorher viel mit ASAN und deren sehr guter Arbeit für uns autistische Menschen beschäftigt. In verschiedenen Veranstaltungen wurden die Themen Übergang von Kindheit ins Erwachsenenalter, Programm für Autistische Studierende, LGBTQ und Neurodiversitäten Rechte thematisch erörtert sowie zur Rassismus und Justiz. Ausserdem gab es Programmangebote zum Thema Geschichte der Behindertenbewegung in den USA und weltweit, wo auch Euthanasie thematisiert wurde. Darüber hinaus gab es einen eigenen Programmpunkt zum Stop der Elektroschocks speziell am Judge Rotenberg Center im US Bundesstaat Massachussetts, wo die "Food an Drug Administration" (vorgesetzte Behörde) zwar den Stop ausgesprochen hat, der aber nicht umgesetzt wurde. Ausserdem wurde verstorbenen autistischen Aktivisten wie zum Beispiel Mel Baggs mit einem eigenen Programmpunkt gedacht.

Es war eine tolle und sehr, sehr bewegende Gala. Dabei sind mir natürlich auch die Unterschiede in Bezug auf unsere Situation in Deutschland deutlich geworden. Ich versuche das einmal aus meiner Sicht zusammenzufassen:

ASAN sieht alle autistischen Menschen im Spektrum und unterscheidet nicht zwischen den Diagnosen - high functioning autism, asperger syndrom, atypischer oder Kanner Autismus. In Deutschland legen mitunter noch viele autistische Menschen noch sehr viel Wert auf ihre jeweilige Diagnosen. Einige, finde und so sehe ich das zumindest, nutzen das auch um sich zur jeweils anderen autistischen Diagnose abzugrenzen; andere sprechen anderen dann ihre Diagnose ab. Das finde ich zum Teil sehr problematisch und kontraproduktiv. ASAN zeigt, dass man zusammen viel mehr Power und Energie hat, für ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen.

ASAN steht am konsequentesten für den Kampf um unsere (autistischen) Menschenrechte. Sie legen sich auch kräftig mit Hassgruppen wie zum Beispiel Autismus Speaks an. Das vermisse ich in Deutschland ebenfalls leider an vielen Stellen - so zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Autismus Deutschland und den viel zu zahlreichen Autismus Zentren, teilweise an Universitäten und ganz besonders der Einflußnahme vom ASDnet der Uni Marburg usw.

ASAN kämpft dabei nicht nur für die Rechte autistischer Menschen, sondern bringt und unterstützt, wie ich finde, auch anders behinderte Menschen und solidarisiert sich mit der Black Lives Matter Bewegung. Auch das sucht man in Deutschland auf der Bundesebene vergebens. Sie kooperieren mit verschiedenen anderen Selbstvertretungsorganisationen. Allgemein muss man leider der Behindertenbewegung in Deutschland attestieren, dass es eher eine weisse Bewegung ist. Farbige Menschen kann ich hier - wie auch in der Linken - leider eher wenig entdecken. Obwohl sich beide auch dafür einsetzen.

Das wäre in Deutschland ein Traum, wenn wir das mit einer bundesweiten autistischen Selbstvertretung hinbekämen. Es gibt zwar lokale Initiativen und auch bundesweite Vereine, wie zum Beispiel Leipzig und Autismus e.V., White unicorn, Autland Nürnberg und Queer Autland München, die aber oft eher sehr lokal agieren.

Allerdings muss man ja auch betonen, dass die USA - soweit ich weiß im Gegensatz zu Deutschland - die UN Behindertenrechtskonvention bisher nicht ratifiziert bzw. unterzeichnet haben.

Ich denke aber abschließend, im gegenseitigen und offenherzigen Austausch können wir viel von ASAN lernen und uns mit ihnen vernetzen. Kürzlich schaffte ja mit Jessica Benham als eine der ersten queeren Autist*innen den Sprung ins Landesparlament von Pennsylvania. Das sollte - behinderungsübergreifend - auch Vorbild und Ansporn für uns sein, dass sich mehr Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen (partei-)politisch engagieren und für Parlamente kandidieren.

Zum Schluß verlinke ich den Youtube Videokanal von ASAN, wo alle Veranstaltungen der diesjährigen ASAN Gala aufgezeichnet sind und angeschaut werden können. Und so viele andere Galen von ASAN und die ganzen Aktivitäten, in die ASAN sich einbringt und angeschoben hat. Sowas von beeindruckend!

https://www.youtube.com/c/AutisticadvocacyOrg/videos

Dresden (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sdfgx35