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Runder Tisch mit prominenter Besetzung zu Barrieren in Zügen

Protestaktion in Holzkirchen gegen Barrieren an Zügen
Protestaktion Holzkirchen gegen Barrieren bei der Bahn
Foto: privat

Holzkirchen (kobinet) Die Bayerische RegioBahn (BRB) hat auf Initiative von Landtagspräsidentin Ilse Aigner zum Runden Tisch geladen. Unter anderem ging es um diskriminierende Züge, welche nun im Halbstunden-Tackt die Landeshauptstadt München und das bayerische Oberland miteinander verbinden. Der Verein Ungehindert hatte am 21. August mit einer Demonstration eine bessere Beteiligung von Behindertenvertreter*innenn und diskriminierungsfreies Reisen in den neuen Zügen gefordert. Inklusionsbotschafter und 2. Vorsitzender des Vereins, Markus Ertl, saß mit am Runden Tisch. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul hat bei ihm nachgefragt, wie es gelaufen ist.

kobnet-nachrichten: Was genau ist das diskriminierende an diesen Zügen?

Markus Ertl: Es handelt sich bei diesem Zug um einen CoradiaLINT 54, welcher von seinem Hersteller Alstom eigentlich für eine 55 Bahnsteighöhe gebaut wurde. Wir haben aber ein fast durchgängiges 76 cm Bahnsteigkonzept und hier passen die Züge halt einfach nicht. Der Ein- und Ausstieg kann für Rollstuhlnutzende, aber auch für andere Fahrgastgruppen nur mit einer auszulegenden Rampe ermöglicht werden. Hier wird der Reisende immer zum Bittsteller.

Die BRB gibt zwar ein Leistungsversprechen ab, dass jeder, auch spontan, mitgenommen wird. Wie belastbar ist dieses Versprechen aber, wenn Du am Bahnsteig stehst? Der Abstand zwischen Zug und dem Bahnsteig ist mit 37 cm für alle Reisenden eine äußerst unpassende Neuinvestition. Durch Sondereinbauten im Zug sind auf einmal zusätzliche Rampen notwendig, welche zu steil und zu schmal sind. Es gibt nur sehr enge Rangierflächen. Der zugewiesene Platz für rollstuhlfahrende ist mit bestem Blick auf und in die Toilette, Geruchserlebnis inklusive. Darf eine Toilette mit knapp 4 cm Schwelle wirklich als rollstuhlgerecht bezeichnet werden? Um hier nur die auffälligsten Punkte kurz zu skizzieren. Alles aber Kritikpunkte, die ein diskriminierungsfreies Reisen für Menschen im Rollstuhl unmöglich macht.

kobnet-nachrichten: Wie kam es, dass Sie an den Runden tisch mit Landtagspräsidentin Aigner eingeladen wurden und wer war sonst noch dabei?

Markus Ertl: Frau Aigner war ja zur Zeit der Bestellung der Züge die bayerische Staatsministerin für Bauen, Wohnen und Verkehr und wollte wohl dem Oberland was Gutes tun. Heute heißt die Ministerin Kerstin Schreyer, diese war aber nicht mit dabei. Dass ich dabei sein konnte, war eher Zufall. Mir hatte die BRB tags zuvor noch abgesagt, da aus Pandemiegründen nicht mehr Leute dabei sein können, hieß es. Nachdem ein Stuhl frei blieb und ich mit Demonstrierenden vor dem Holzkirchner Rathaus stand, bat eine eingeladene Behindertenbeauftragte, mir die Teilnahme zu ermöglichen und schon saß ich mit am Tisch.

Eingeladen waren neben Mitgliedern des Bayerischen Landtags auch die Landräte von Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen, viele Bürgermeister und Vertreter der bayerischen Eisenbahngesellschaft. Die BRB als einladende Instanz war natürlich auch dabei, um deren Züge ging es ja vornehmlich.

Eigentlich hätten wir uns noch mehr Behindertenvertreter gewünscht, um wenigstens am Runden Tisch eine adequate Beteiligung bei dem Thema zu erreichen. Wir, das heißt nicht mehr nur die Ungehindert-Demo, sondern mittlerweile ist es die Arbeitsgruppe BRB barrierefrei mit diversen Behindertenbeauftragten beider Landkreise und auch mit einer Unterstützung aus München, welche gemeinsam an einem Protest festhalten möchten.

kobnet-nachrichten: Was wurde zu den Problemen mit der fehlenden Barrierefreiheit gesagt?

Markus Ertl: Viele Probleme wurden wegnegiert. So hat die BRB zum Beispiel die bereits geschilderte Schwelle in die Toilette selbst mit nur 15 mm gemessen, dabei aber nicht bis zum Boden runter, sondern nur die Laufschiene für die Türe. Dass darunter ein Wulst von gut 2 cm noch ist, hat man vergessen. Die BRB erklärte auch, dass alles im Zug gemäß der TSI-PRM gemacht sei und der Zug aufgrund der Zertifizierung eine Zulassung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA) bekommen hat.

Der sehr große Spalt zwischen Zug und Bahnsteig war zwar bekannt, man wollte dies aber mit einem speziellen Serviceangebot wieder wett machen. Man hat den Spalt in kauf genommen, denn man hatte mit keinem so großen Widerstand gerechnet, sagte der Geschäftsführer der BRB, Fabian Amini, sinngemäß am Runden Tisch. Man wolle sehen, was nun im Nachgang verbessert werden kann und wolle nun mit den Behindertenvertreter*innen in den Dialog gehen.

kobnet-nachrichten: Sind Sie selbst, sind die Behindertenvertreter*innen vor Ort mit dem Gesprächsangebot zufrieden?

Markus Ertl: Wir hätten uns viel früher einen Dialog gewünscht. Spätestens, als bekannt war, wie groß der Spalt zwischen Zug und Bahnsteig ist, hätte die BRB den Dialog mit den Betroffenen suchen müssen. Im Nachgang nun zu sagen, man hätte weniger Widerstand erwartet, ist definitiv der falsche Weg. Es hieß sogar aus der Pressestelle der BRB, dass es keine Proteste der Behindertenvertreter gab. Bei der fehlenden Beteiligung eine doch schon sehr zynische Aussage, finde ich.

Dann steht die Aussage, der Zug wäre im Inneren gemäß der TSI-PRM gebaut entgegen unseren Messungen. Und da geht es alleine nicht um die Schwelle in das WC, sondern um zu steile Rampenneigung, um Begleitersitz mit zu geringem Komfort. Und dies ist auch mit einem Umbau im Zug nicht mehr so zu gestalten, dass die Norm noch zu erfüllen ist. Hier werden wir auf eine erneute Einschätzung der Zertifizierungsstelle pochen, gegebenenfalls auch auf ein neutrales Gutachten.

Wir sind selbstverständlich für einen Dialog, wo dieser auch Sinn macht. Wir sind aber auch bereit, einen Dialog mit der BRB auszuschlagen, wenn dieser keine nennenswerte Verbesserung bringen kann und genau das müssen wir bei den gegebenen Möglichkeiten leider annehmen. Wir regen uns hier über Züge auf, welche zwar von einem Eisenbahnverkehrsunternehmen gekauft wurden, diese aber nur in Abstimmung mit staatlichen Stellen, hier die BEG genau so in Auftrag gegeben wurden.

Meines Erachtens muss der Dialog auch politisch geführt werden. Darf es heute noch sein, dass Züge angeschafft werden, welche Menschen diskriminieren? Die Politik hat hier die Möglichkeiten, über mehr Ressourcen und mehr Vorgaben an das EBA und die BEG hier die notwendigen Weichen zu stellen. Es ist die gleiche Politik, welche uns Bayern barrierefrei 2023 versprochen hat und vor 11 Jahren bestätigt hat, dass Mobilität ein Menschenrecht ist.

kobnet-nachrichten: Sie sagten, Sie wollen an dem Protest festhalten. Was konkret ist geplant?

Markus Ertl: Nach dem ersten Runden Tisch wollen wir das erst einmal bis in die nächste Woche hinein sacken lassen. Wir führen bereits Gespräche mit vielen Leuten, welche unseren Protest unterstützen möchten. Wir denken offen über eine Petition nach und wollen dies in einer gut gemachten Kampagne in unserer Region begleiten. Auch haben wir noch weitere gute Ideen, um auch auf politischer Ebene den Druck zu erhöhen. Auf alle Fälle geht der Protest weiter

kobnet-nachrichten: Dann wünsche ich viel Erfolg bei der Petition und Ihren Aktionen.

Markus Ertl: Das wünschen wir uns auch, vielen Dank.

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/snru789

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