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Kein Home-Office für behinderte Arbeitnehmerin?

Im Homeoffice: Jennifer Sonntag an einem L-förmigen Schreibtisch mit Laptop, PC-Monitor und Smart-Phone im Stativ
Im Homeoffice: Jennifer Sonntag an einem L-förmigen Schreibtisch mit Laptop, PC-Monitor und Smart-Phone im Stativ
Foto: privat

Halle (kobinet) Unter dem Motto "Kein Home-Office für behinderte Arbeitnehmerin? Meiner Chefetage war Heimarbeitstag Dorn im Auge" hat die Journalistin und Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag sich Gedanken über das in der Corona-Pandemie populär gewordene Arbeiten im Home-Office gemacht und ihre eigenen Erfahrungen dazu geschildert.

Beitrag von Jennifer Sonntag

Kein Home-Office für behinderte Arbeitnehmerin?

Meiner Chefetage war Heimarbeitstag Dorn im Auge

Wie heftig sich der Wind dreht: noch vor drei Jahren schien Home-Office ziemlich exotisch auf dem Markt der Arbeitsplatzmodelle zu sein. In einigen Berufsfeldern war diese arbeitseffiziente Option jedoch längst etabliert, nicht nur bei Hipster Start-Ups der IT Branche oder Spiele-Entwicklern. Was traditionellen Arbeitgebern häufig ein gewisses Maß an Innovationsbewusstsein abverlangt, ist im Ursprung nicht neu. Heimarbeit, wenn auch die Gründe variierten, gibt es bereits seit dem Mittelalter. Modernen Anforderungen angepasst, können abgestimmte Heimarbeitstage heute auch Menschen mit Behinderungen bessere Chancen am Arbeitsmarkt ermöglichen. Hier kann, auf die behinderungsbedingten Möglichkeiten zugeschnitten, im Home-Office unter Umständen effizienter gearbeitet werden. Das hat, für alle die so argumentieren wollen, auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen, weil so aus Leistungsempfängern Beitragszahler werden und die Gesellschaft davon partizipiert. Nicht zu jedem behinderten Menschen passt ein Heimarbeitstag, für mich war er eine sehr hilfreiche Option, die mir die Aufrechterhaltung meines Arbeitsverhältnisses ermöglichte.

Meiner Chefetage war mein Heimarbeitstag jedoch stets ein Dorn im Auge. Ich möchte diese Erfahrung gern teilen und fragen, wie andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung das Thema Heimarbeitstag aktuell und in der Vergangenheit erleben und erlebten. Als ich noch in Festanstellung arbeitete, hatte ich mit dem Disability Management unseres Hauses einen Heimarbeitstag abgestimmt. Das war immer der Freitag, wenn ich keine Gästegruppen empfing und meine Kursmaterialien vor- und nachbereiten musste. An diesen Tagen konnte ich vergleichsweise viel schaffen, ich konnte meine Energie ganz meiner Arbeit widmen, da Ablenkungen und der behinderungsbedingte Mehraufwand nahezu wegfielen. Obwohl ich meine Heimarbeitsaufgaben seit Jahren sauber dokumentierte und auf Transparenz auch selbst großen Wert legte, erschien meiner neuen Vorgesetztenenebene dieser Tag als störender Fleck. So war der Heimarbeitstag auch das erste, was mir gestrichen wurde, als ich nach mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt hoffnungsvoll an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte.

Der lange Krankenhausaufenthalt war auch noch ausgerechnet nötig geworden, weil ich wegen psychosozialer Belastungen am Arbeitsplatz schwer erkrankt war. Auch wurde das Hamburger Modell (Modell zur stufenweisen Wiedereingliederung) nicht nach der Empfehlung des Krankenhauses und in Abstimmung mit mir umgesetzt und letztlich wurde sogar der Datenschutz gebrochen. War es Misstrauen, war es Missgunst? Die stufenweise Wiedereingliederung scheiterte an der Kooperationsbereitschaft des Betriebes und der Heimarbeitstag war gestrichen, sodass ich keine andere Chance sah, als meine Arbeitsstunden vertraglich zu reduzieren.

Dabei habe ich meine Arbeit geliebt, war seit 16 Jahren in diesem Haus tätig. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich insbesondere an meinen Heimarbeitstagen für meinen Arbeitgeber zahlreiche Konzepte und Kursmodule entwickelte und wichtige Projekte mit ins Rollen brachte, dabei konzentriert und fokussiert aus Überzeugung und Pflichtbewusstsein bei der Sache war. Rückblickend und mit den heutigen Entwicklungen finde ich es absurd, ausgerechnet einem schwerbehinderten Menschen diese Option abzusprechen, zumal der Heimarbeitstag seinerzeit nicht meine Erfindung war, sondern ein Angebot des Disability Managements, aufgrund meiner Behinderungen. Aber genau das war meiner Chefetage wohl höchst suspekt. Nichtbehinderte Bekannte von mir praktizierten Home-Office in ihren Berufsfeldern bereits erfolgreich, das war durchaus zeitgemäß. Es zeigte sich, dass disziplinierte und gut strukturierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre positiven Eigenschaften im Home-Office nicht ablegen, oft sogar verstärken. Warum ausgerechnet einem schwerbehinderten Menschen diese Möglichkeit nehmen, und dies in einer Einrichtung, die sich die berufliche Förderung behinderter Menschen auf die Fahne schreibt?

Mit den heutigen Erfahrungen kann ich sagen: Arbeitgeber habt mehr Vertrauen! Gerade für behinderte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kann Home-Office eine effiziente Arbeitsmethode sein, wenn sie zum jeweiligen Betroffenen passt und in dessen Sinne ist. Zeitgemäße Heimarbeit soll selbstverständlich Potenziale freilenken und kein Gefühl des Abgeschobenseins hinterlassen. Auch auf anderen Gebieten kann es sich lohnen, Inklusion und Innovation zusammen zu denken: etwa bei digitalen Bildungsangeboten, Tagungen, Kongressen oder Messen. Vor zwei Jahren hätte ich mir die Zähne daran ausgebissen, weil es da "nur“ um ein Randgruppenphänomen ging. Neue Teilhabeoptionen zu eröffnen heißt nicht, behinderte Menschen vollständig in digitale Räume abzuschieben. Hier dürfte klar sein: sowohl als auch und beides barrierefrei ausbauen! Außerdem wird zusehends erkennbar, neben epidemiologischen Gründen, das es auch ökonomische und vor allem ökologische Effekte hat, analog und digital zusammen zu planen. Keine Gesellschaft kann es sich leisten, dies zu ignorieren.

Halle (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scejos4

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