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Öffnung auf Bewährung

Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul
Foto: Franziska Vu ISL

Kassel (kobinet) Das gesellschaftliche Leben in Deutschland wird wieder Stück für Stück geöffnet. Die Ministerpräsident*innen der Länder und die Bundeskanzlerin haben sich darauf geeinigt, dass die Maßnahmen zur Bekampfung der Corona-Pandemie gelockert werden - allerdings mit klaren Grenzen bezüglich von Neuinfektionen und regionalen Unterschieden: also auf Bewährung. Was das von uns abverlangt und ob mit dieser Öffnung auch eine Öffnung zu mehr Toleranz und Respekt verbunden ist, darüber macht sich kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul in seinem Kommentar Gedanken.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Nach Wochen der Kontaktvermeidung, des Zuhause-Bleibens, geschlossener Geschäfte, Restaurants oder Kinos und abgesagter Veranstaltungen wird nun das gesellschaftliche Leben Schritt für Schritt wieder geöffnet - mit den gegebenen Sicherheitsabständen und Hygieneanforderungen. Das haben wir uns sicherlich verdient, nachdem sich fast alle konsequent an die coronabedingten Einschränkungen gehalten haben. Und soweit man den derzeit verfügbaren Zahlen trauen kann, hat sich diese von allen abverlangte Disziplin auch im Hinblick auf die zu beklagenden Opfer gelohnt, über die viel zu wenig in der aktuellen Diskussion gesprochen wird. Über 7.000 Menschen sind dem Coronavirus in Deutschland trotz dieser massiven Maßnahmen zum Opfer gefallen - viele ganz individuelle Schicksale, um die Angehörige und Freunde trauern. Wenn man diese Zahlen mit denen der USA, Großbritannien, Spanien, Frankreich, Italien oder auch von Schweden vergleicht, sind wir bezogen auf den Bevölkerungsanteil trotz des großen entstandenen Leids vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Ob die nun kommenden weiteren Lockerungen zu früh, zu spät oder gerade richtig sind, darüber kann man derzeit je nach Blickwinkel, Interessenslage oder Wissensstand nur spekulieren, dies wird uns die Zukunft weisen. Und wie diese Zukunft aussieht, daran hat sozusagen jede*r Einzelne einen entscheidenden Anteil, denn die Lockerungen sind sozusagen nur auf Bewährung.

Trotz der nun weitgehend auf die Länder und zum Teil sogar auf die Kommunen verlagerten Zuständigkeiten wurde eine Sicherheitslinie gezogen. Wenn innerhalb von sieben Tagen mehr als 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner*innen in einer Stadt oder einem Landkreis auftreten, muss die gesellschaftliche Öffnung wieder angepasst werden. In einer Stadt wie Kassel mit etwas mehr als 200.000 Einwohner*innen wären dies gut 100 Neuinfektion innerhalb von sieben Tagen. Diese Zahl kann bei Unachtsamkeit oder Übermut leicht erreicht werden und ob es den Gesundheitsämtern wirklich gelingt, die Infektionswege dann entsprechend nachzuverfolgen, steht ebenfalls in den Sternen. Es gilt also, nicht gleich die Sau raus zu lassen, sondern weiterhin mit Bedacht und auch mit gebührendem Abstand, Hygienemaßnahmen und respektvoll miteinander umzugehen.

Ob diese Zeit der "Besinnung" auch dazu beigetragen hat, dass Diskriminierungen gegenüber benachteiligten Gruppen zukünftig abgebaut und verhindert werden, das steht auch noch in den Sternen. Eine Veröffentlichung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes spricht hier leider erst einmal eine andere Sprache, denn dort sind verstärkt Meldungen von coronabedingten Diskriminierungen eingegangen. Wenn wir also eine Gesellschaft wollen, in der alle Menschen barrierefrei und inklusiv leben können und mit gebührendem Respekt behandelt werden, müssen wir das nun wieder aufkeimende gesellschaftliche Leben gründlich auf Reset setzen und am besten mit gutem Beispiel vorangehen bzw. -rollen.

Die Frage wird zudem sein, ob die Zeit der weitestgehenden Kontaktminimierung auch eine Zeit des Innehaltens und Dinge-Überdenkens war? Denn das "Normal" der Vergangenheit ist anders als das nun wachsende "Normal". Wir werden voraussichtlich noch längere Zeit mit dem lauernden Virus leben müssen, denn bis eine weitestgehende Impfung erfolgt ist, lauern immer noch viele Gefahren. Und wir werden mit enormen wirtschaftlichen und damit auch finanziellen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Erste Erfahrungen zeigen mir, dass es viel mehr verantwortungsvolle Menschen in unserem Land gibt, als ich je gedacht hätte. Und das ist richtig gut. Aber man stößt da draußen auch auf Menschen, die es nicht so mit dem Abstand Halten haben, die an Verschwörungstheorien glauben und diese engagiert verbrreiten, und die die Gefahr des Virus wegreden und mit ihrem Verhalten sich und andere gefährden. Dabei beobachte ich zunehmend, dass zum Teil gerade behinderte Menschen für solche Mißinformationen anfällig sind und nicht entsprechend über die aktuellen Regeln aufgeklärt sind. Dies ist durch den Flickenteppich der Regelungen der einzelnen Länder auch nicht einfacher geworden, aber auch aufgrund des Mangels an barrierefrei verfügbaren Informationen.

Wir brauchen also "Bewährungshelfer*innen" in Coronazeiten, die behinderte Menschen verstärkt dabei unterstützen, gut und sicher für sich und andere durch diese Zeit zu kommen. Und hier sehe ich viel Licht und Schatten. Es gibt Unterstützer*innen, die behinderte Menschen unheimlich gut in dieser Zeit unterstützt und begleitet haben. Es gibt aber auch andere, die sich selbst nicht einmal an die Vorschriften halten, Kolleg*innen sogar auslachen, wenn diese Masken tragen und seltsame Informationen an behinderte Menschen weitergeben, die dazu führen, dass sie sich und andere in Ansteckungsgefahr bringen. Leider sind es zum Teil sogar Vorgesetzte, die solche Verhaltensweisen an den Tag legen. Hier gilt es sehr aufmerksam in dieser Zeit der Bewährung zu sein und das auch beim Namen zu nennen, was es ist. Die Mutter von Forest Gump hat das gut in Worte gefasst: "dumm ist, wer dummes tut".

Kassel (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sbjlux5