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Wie geht’s Jens Merkel?

Jens Merkel im Gespräch mit Jens Spahn
Jens Merkel im Gespräch mit Jens Spahn
Foto: privat

Grimma (kobinet) Bei Jens Merkel aus Grimma stellt sich langsam der Lagerkoller ein. Dies brachte der Aktivist für eine selbstbestimmte Assistenz vom Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA) zur aktuellen Corona-Situation im Interview mit kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul zum Ausdruck. "Meine Sehnsucht nach Sonne und langen Spazierfahrten nimmt zu", so Jens Merkel.

kobinet-nachrichten: Wie geht es Ihnen in Zeiten der Corona-Pandemie und wie gestalten Sie derzeit Ihren Alltag in Grimma?

Jens Merkel: Ich bin seit Anfang des Jahres bzw. seitdem in Deutschland niedrige Temperaturen herrschen, denn Winter kann man ja eigentlich nicht so richtig sagen, kaum an die frische Luft gekommen. Zum Glück habe ich in meinem Wohnhaus einen Discounter. Da fällt es einem leicht, schnell was zu holen, wenn man etwas vergessen hat. Naja und zum Glück habe ich Assistenz, damit wird mein Leben in dieser Zeit schon sehr erleichtert.

kobinet-nachrichten: Welche Fragen bzw. Themen beschäftigen Sie besonders in diesen ungewöhnlichen und äußerst herausfordernden Zeiten?

Jens Merkel: Da ich zur Corona Risikogruppe gehöre und dem Tod schon vor 2 Jahren von der Schippe gesprungen bin, muss ich natürlich jetzt besonders aufpassen. In den letzten 2 Jahren musste ich viele Dinge schon zurückfahren, so habe ich z. B. im Januar dieses Jahres den Vorsitz des regionalen Assistenzvereins niedergelegt und bin aus dem Verein ausgetreten. Zudem bin ich im Dezember 2019 überraschend nicht mehr zum Behindertenbeauftragten des Landkreises Leipzig wiedergewählt worden.

Aber so ganz kann ich nicht von der Arbeit rund um das Thema selbstbestimmt Leben Bewegung lassen. Natürlich bin ich noch im Vorstand des Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA) tätig. Ja, und ich muss sagen, dass mich gerade jetzt der Tod von Corina Zolle ganz schön mitgenommen hat. Schlussendlich aber müssen wir alle jetzt sagen, dass wir mit der Behindertenbewegung wieder nach vorn schauen müssen. Und es macht zum Teil richtig Spaß, viele Begegnungen über Telefon- und/oder Videokonferenzen zu machen. Ob das auch eine Form der „neuen Norm“ ist?

kobinet-nachrichten: Wie finden Sie die derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Covid19-Pandemie?

Jens Merkel: Grundsätzlich finde ich die Maßnahmen richtig, aber sie sind viel zu spät begonnen worden. Auch wenn ich zu Beginn der Pandemie der Meinung war, dass dies ja „nur“ eine Grippe sei, bin ich heute der Überzeugung (vielleicht auch durch die verschiedenen Medienberichte), dass es sich bei Corona Covid-19 um eine gefährliche Erkrankung, gerade für die sogenannten „Risikogruppen“ handelt. Naja nach „Corona“ haben wir statt derzeit 82 Millionen Virologen wieder 82 Millionen Fußballbundestrainer! Zum Glück!

kobinet-nachrichten: Wie gestaltet sich die Situation behinderter Menschen derzeit in Ihrer Region? Was beobachten Sie da?

Jens Merkel: Behinderte - vor allem die mit Vorerkrankungen - und ihre Angehörigen sind natürlich am meisten betroffen. Und natürlich läuft auch hier die Diskussion rund um Corona auf Hochtouren. Was mich am meisten stört, ist die Tatsache, dass selbst Reha-Dienste Pflegehilfsmittel nicht in ausreichender Form liefern können. Nur so mal als Beispiel: im Normalfall bekomme ich pro Monat 5 Pakete à 100 Stück Einmalhandschuhe geliefert. Im April war es ein Paket! Den Rest musste ich selbst besorgen und bezahlen. Und da kosten diese statt zwischen 7 und 8 € gleich mal zwischen 12 und 14 €!

Aber wie gesagt, die Arbeit rund um das Thema Selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmte Assistenz macht wieder Spaß, auch wenn es immer wieder Kraft und Anstrengung kostet, sich mit den Kostenträgern auseinanderzusetzen, und das öfters auch vor den Gerichten. Da geht soviel Lebenszeit verloren, die man für soviel Dinge nutzen könnte.

Selbst geht es mir so, dass ich solche Dinge, wie Freunde treffen, abends im Biergarten ein Glas Wein trinken oder einfach mit dem Assistenten eine Fahrrad-Rollstuhltour zu machen, vermisse.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Jens Merkel: Auch wenn es schwerfällt, sollten die Maßnahmen auf alle Fälle nicht so schnell geöffnet werden, denn wenn man jetzt alles blitzplatz wieder hochfährt wie beispielsweise in Schweden, sperrt man diejenigen mit einer Immunschwäche ein.

Ja und als zweites würde ich mir wünschen, dass ich im Sommer dennoch wenigstens ein paar Dinge von meiner To do Liste, (die ich vor etwa einem Jahr erstellt habe und Orte und Tätigkeiten enthält) streichen könnte, in meinem Leben noch gerne machen möchte. Die Liste ist aber so lang, dass man dafür durchaus bestimmt noch 20 oder 30 Jahre braucht, denn ich muss immer schön langsam machen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zum NITSA-Nachruf auf Corina Zolle

Grimma (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/skmtu14

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