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Was fehlt? Lindenstraße

Screenshot der 1. Folge der Lindenstraße
Screenshot von der 1. Folge der Lindenstraße
Foto: omp

Kassel (kobinet) In Zeiten der Corona-Pandemie sind es viele Dinge, die den Menschen derzeit richtig Sorgen machen und ihnen fehlen. Während die kobinet-nachrichten darüber in den letzten Wochen immer wieder berichtet haben, was den Menschen so richtig zu schaffen macht - und dies auch weiterhin zu tun gedenken -, hat sich kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul heute mit etwas ganz Benalem beschäftigt, was ihm fortan aber fehlen wird. Aber auch hierfür hat er eine kreative Lösung gefunden: Der erste Sonntag ohne Lindenstraße.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Ja, es ist absolut banal in Zeiten, in denen sich Menschen Sorgen um Leib, Leben und Seele bzw. um ihre Existenz machen müssen. Aber auch das vermeintlich Banale treibt uns gerade in diesen Zeiten, in denen wir trotz Frühling viel drinnen sein müssen, um. Und für mich ist dies heute der erste Sonntag danach. Der erste Sonntag ohne "meine" Nachbarschaft, die ich schon seit über 34 Jahren und vier Monaten kenne und die mein Leben in insgesamt 1.758 Folgen begleitet hat. Egal an welchen Orten ich gelebt oder mich aufgehalten habe. Und diese Nachbarschaft kannte ich besser, als man eine reale Nachbarschaft wohl jemals kennen lernen kann. Man durfte in ihre Wohnzimmer, Küchen, ja zuweilen sogar in ihre Schlafzimmer und hin und wieder auch tiefer in ihre Herzen mit allen Höhen und Tiefen blicken. Ich habe sie gesehen von der 1. bis zur letzten Folge über 34 Jahre und vier Monate hinweg: Die Lindenstraße!

Und diesen sonntäglichen Einblick in das Leben der vielen Charaktere, die zum Teil von Anfang an dabei waren und mit denen man sozusagen aufgewachsen ist, konnte ich mit vielen anderen teilen, die dieser Serie ebenfalls verfallen waren. Am Montag danach konnte man sich wunderbar darüber austauschen, was war und was wohl kommen könnte. Ab heute tritt sozusagen die große Leere ein, denn um die typische Lindenstraßen-Zeit läuft "Sportschau" - und das obwohl es momentan so gut wie keine Sportveranstaltung auf dieser Welt gibt, geschweige denn irgend etwas sinnstiftendes darüber zu berichten. Gestern lief schon in der Sportschau ein Pokalfinale von 2014, das zum Glück Bayern München gegen Borussia Dortmund gewann - in der Verlängerung, trotzdem Gähn!!!

Die Lindenstraße war nicht nur irgendeine Serie, sie war mit die erste eines solchen Formates. Sie hat immer wieder aktuelle Themen aufgegriffen und heiße Eisen angepackt. Der erste Kuss eines homosexuellen Paares sorgte für Empörung, Aktionen der Umweltbewegung fanden darin genauso ihren Platz, wie auch immer wieder das Thema Behinderung. Dr. Dressler agierte jahrelang als Doc. der Straße aus dem Rollstuhl heraus, recht früh gab es einen behinderten Mann, der Zivildienstleistende hatte, das Kind mit Down Syndrom, das mittlerweile erwachsen ist und in der letzten Folge mit einer Freundin am Arm auflief und auch der Umgang mit psychischen Beeinträchtigungen fanden ihren Platz in der Serie. Liebesfreuden und Liebesschmerz, genauso wie ehrenhafte Hilfe und Zuwendung, wie Niedertracht und kriminelle Energie. Die aktuellen Hochrechnungen wurden an Wahlabenden eingeblendet und im Film mit kurzen Kommentaren verarbeitet. Alles halt, wie im richtigen Leben.

Und damit ist ab heute Schluss. Die Abschiedsfolge mit dem Titel "Auf Wiedersehen" habe ich letzte Woche noch mit Spannung hingenommen und ja, auch getrauert, dass nun Schluss ist. Doch heute, kurz bevor das übliche Ritual vor dem Fernsehen ansteht, kommt das große Loch. Andere Serien gäbe es viele, in die man sich stürzen könnte - und vielleicht würde ich sogar noch einmal eine neue bunte Filmnachbarschaft finden. Aber das ist nicht so einfach. Und so ist, wie in diesen Tagen generell, wieder einmal Kreativität gefordert. Heute ereilte mich hierfür schließlich die entsprechende Eingebung: Seit drei Wochen machen wir virtuelle Reisen und kompensieren damit die Tatsache, dass man momentan kaum raus kann. Wir versuchen Speisen aus dem Land zuzubereiten, in das wir virtuell verreisen. Wir beschäftigen uns virtuell mit Land, Leuten, Kultur und was uns sonst noch einfällt. Da war der Schritt für eine kreative Lösung in Sachen Lindenstraße nicht weit.

Heute stelle ich einfach die Zeit zurück - sozusagen auf die Stunde Null, auf den 8. Dezember 1985, als zum ersten Mal die Erkennungsmelodie der Lindenstraße aus dem Fernsehen ertönte und die einzelnen Charaktere mein Wohnzimmer eroberten. Um 18:40 Uhr gehe ich ins Archiv der Lindenstraße und starte mit der ersten Folge einfach neu und setze alles auf Restart. "Herzlich willkommen" heißt es dann mit der 1. Folge der Lindenstraße - auch wenn die ersten Folgen erst einmal nur in einer Kurzfassung im Archiv eingestellt sind - aber das kann ja noch besser werden. Fortan werde ich also die Lindenstraße einfach von vorne an neu aufrollen, nostalgische Ausflüge in eine Zeit vor 34 Jahren machen und jeden Sonntag eine weitere Folge der Lindenstraße anschauen. Um meinen 90. Geburtstag herum könnte ich dann mit allen Folgen durch sein, wenn das Online-Archiv und ich bis dahin nicht schlapp machen. Eine Perspektive, die mich antreibt - auch wenn der Schmerz tief sitzt. Ob ich es nach über 22 Jahren so lange auch durchhalte Nachrichten, Berichte oder mehr oder weniger interessante bzw. sinnstiftende Beiträge für die kobinet-nachrichten zu schreiben, das steht allerdings genauso in den Sternen, wie die Frage, ob ich in meinem 90. Lebensjahr die Lindenstraße erneut wieder von vorne beginnen kann und werde. Auf jeden Fall freue ich mich auf die heutige 1. Folge der Lindenstraße mit den Beimers und all den anderen "neuen" Nachbar*innen.

Wer dabei sein will, hier der Link zur 1. Folge der Lindenstraße:

https://www1.wdr.de/daserste/lindenstrasse/folgen/1985/folge-herzlich-willkommen-100.html

Kassel (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/shq5689

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