Werbung:
Werbung
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Werbung
Banner mit Inklusion Jetzt und der Schrift Dabei am 5. Mai - Live-Blog zum Protesttag
Werbung
Ihre Werbung Banner
Springe zum Inhalt

Fragen, die ich mir nie stellen wollte

Porträt von Jennifer Sonntag mit ihr daneben
Porträt von Jennifer Sonntag mit ihr daneben
Foto: Dirk Rotzsch

Halle (kobinet) Die Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag gehört durch eine Bündelung aus Behinderungen und insbesondere Vorerkrankungen zur so genannten Risikogruppe. Sie muss sich daher in der derzeitigen Corona-Pandemie Fragen stellen, die sie sich nie stellen wollte, wie sie in einem Beitrag für die kobinet-nachrichten schreibt.

Beitrag von Jennifer Sonntag

Einerseits haben wir Menschen mit Einschränkungen einige wirksame Selbsthilfewerkzeuge zur Kriesenbewältigung im Gepäck, auf der anderen Seite verstärken zusätzliche Kriesenerfahrungen unsere ohnehin bereits vorhandenen und oft erheblichen Einschränkungen. Zwischen diesen zwei Polen bewege ich mich gerade und mir ist noch eine andere Frage sehr bewusst geworden, die ich mir nie stellen wollte: Ich gehöre durch meine Bündelung aus Behinderungen und insbesondere Vorerkrankungen zur so genannten Risikogruppe und muss mich aktuell besonders schützen. Mein Partner arbeitet in einem Pflegeheim und kocht dort mit seinem Team für die Bewohner. Es rührt mich zu tiefst, dass er diesen Job weiter machen kann. Auf der anderen Seite ist da auch immer eine gewisse Gefahr, mich als Risikopatientin doch noch über einen solchen Weg mit dem Corona-Virus in Kontakt zu bringen. Es bleibt eine moralische Frage, die sich wohl keiner je stellen wollte und die große Hoffnung, dass unter den verschärften Sicherheitsvorkehrungen für beide Seiten alles gut geht. Auch solche Gefühle gehören dazu und auch ich bin kein Übermensch.

Ich habe mir die Frage auch umgekehrt gestellt. Als Sozialpädagogin habe ich aktuell ebenfalls einen großen Drang, Menschen zu helfen. Wäre ich selbst gesund, würde ich mich vielem unbefangener ausliefern können. Was wäre aber, wenn ich einen gefährdeten Angehörigen zuhause hätte, der zum Beispiel vielleicht gerade eine Chemotherapie durchlaufen hat? Schwierige Fragen und auch für mich nochmal eine schonungslose Auseinandersetzung mit Liebe, Menschlichkeit, Verantwortungsgefühl, Loyalität und Ängsten in alle Richtungen.

Raul Krauthausens Apell "Wir bleiben zuhause" und auch die klare Positionierung von Laura Gelhaar, dass Menschen mit Vorbelastungen um ein Vielfaches dramatischere Verläufe erleiden könnten, machen die dringende Notwendigkeit unseres aktuellen Rückzugs aus der sozialen Umwelt nochmal sehr deutlich. Was aber, wenn Partner*innen oder Angehörige vorgeschädigter Menschen systemrelevante Berufe ausüben und täglich neue Außenimpulse in den engen familiären Schutzraum transportieren? Das sind für mich auch sehr menschliche Fragen, Zwiespälte und Zwickmühlen, die an die Substanz gehen. Durch problematische Verläufe anderer Viruserkrankungen bin ich persönlich bereits ausreichend traumatisiert und wünsche keinem Menschen mit Vorerkrankungen, zusätzlich mit einer Viruserkrankung konfrontiert zu sein, die einen schweren Verlauf nehmen könnte.

Auch war ich sogar während eines längeren Krankenhausaufenthaltes an einem Virus erkrankt und während dessen waren meine notwendigen Medikamente nicht wirksam, ich kolabierte dann zuhause und blieb mir selbst überlassen. Das Krankenhaus hatte die betroffenen Patienten während der heiklen Phase entlassen, um nicht die gesamte Station zu überlasten. Das war absolut unverantwortlich und ich bekam ansatzweise zu spüren, wie es Menschen mit zusätzlichen Beeinträchtigungen ergehen kann, wenn sie in Notlagen aus dem System fallen. Dass sich mein Gesundheitszustand danach über viele Monate auf allen Ebenen stark verschlimmert hatte, kann man sich sicher vorstellen.

Halle (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/segklno