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Rolf Allerdissen: Vom Corona-Test zur Mundschutzproduktion

Rolf Allerdissen von UNgehindert mit Atemmaske
Rolf Allerdissen mit Atemschutzmaske
Foto: UNgehindert

Leipzig (kobinet) Rolf Allerdissen hat es selbst erlebt, was es bedeutet, auf das Ergebnis eines Corona-Tests zu warten, nachdem er in einem Risikogebiet war. In seinem Bericht für die kobinet-nachrichten beschreibt der Vorsitzende des Vereins UNgehindert, wie es dazu kam, wie das für ihn war und vor allem, wie er dazu kam, die Produktion und Verteilung selbst genähter Mundschutze voranzutreiben.

Bericht von Rolf Allerdissen vom Verein UNgehindert

Im Februar 2020 wurde aus dem allgemeinen Begriff Corona, Covid19 oder SARS-CoV-2 und für mich war es geografisch in Asien und in Einzelfällen auch in Italien verortet. Ich verfolgte es, wie viele meiner Mitmenschen, mit halbwachen Augen auf dem Display meines Smartphones. Mein Facebook-Newsfeed war mit dem einen oder anderen Beitrag über das „Corona“ gefüllt, teils mit Witzchen und Bildern des gleichnamigen mexikanischen Bier, teils mit Verschwörungstheorien über die gezielte Verbreitung durch die chinesischen Kommunisten.

Ich als Patient mit Immundefizit wegen einer jahrelangen Therapie mit Immunsuppressiva und einer chronischen Atemwegserkrankung muss im Winter und Frühjahr eines jeden Jahres stets vorsichtig sein, um mich nicht mit Grippeviren anzustecken. Doch wie schon während der SARS-Pandemie 2002/2003 oder der Vogelgrippe H7N9 in 2013 war ich mir sicher, dass die Verbreitung keine derartigen Ausmaße nimmt wie in Italien, wo bereits zwei Orte in der Lombardei unter Quarantäne gestellt und mit der Polizei abgeriegelt wurden.

In der letzten Februarwoche war ich vollauf mit der Organisation unseres Inklusionsprojektes "Reisegruppe Niemand - Interrail inklusive!“ beschäftigt (dies sollte eine achttägige Bahnreise durch neun europäische Länder werden, um einen Vergleich der Umsetzung der EU-Richtlinien für die Rechte von Menschen mit Behinderungen im europäischen Zugverkehr durchzuführen). Nebenbei musste ich die Koffer für den anstehenden Skiurlaub mit meiner Partnerin im österreichischen Saalachtal und der Umgebung packen und eine akute Regenbogenhautentzündung eines Auges mit Kortison und Antibiotika behandeln. Da war nicht viel Platz für eine Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Covid19.

Die Beschwerden des Auges waren der Grund, weshalb wir am 28.02. auf der Reise nach Österreich in der Oberpfalz von der Autobahn abfuhren, um mittels des Kaufs von einem zusätzlichen Augenschutz mein schmerzendes Auge vor dem hellen Sonnenlicht zu schützen. Neben einer geschlossenen Apotheke befand sich ein Verbrauchermarkt, in dem wir schauten, ob es dort eine Augenklappe gibt. Wir entdeckten bei der Suche durch die Gänge, dass das Regal mit Klopapier sehr übersichtlich bestückt war und auch der Platz, wo die Desinfektionsmittel stehen, vollkommen leer war. Augenklappe gab es dort nicht und auch im Drogerie-Diskounter nebenan gab es weder Augenklappe noch Desinfektionsmittel und auch wenig Klopapier. Das waren die ersten Live-Bilder für mich von den sich anbahnenden sogenannten Klopapier-Hamsterkäufen, die ich in den nächsten Tagen nur über meinen Facebook-News-Feed erhielt. In der Urlaubswoche im Skigebiet und bei den Ausflügen nach Kitzbühel und Salzburg war die „Corona-Krise“ nirgendwo Thema. In unserem Hotel erhielten wir vom Betreiber auf unsere Frage „Wie sieht es eigentlich mit den Hamsterkäufen in Österreich aus?“ zur Antwort: „Davon weiß ich nichts und wenn auch, unsere Keller sind voll.“ Dieses konnten wir in den nächsten Tagen in drei Supermärkten selber sehen. Volle Regale mit allem notwendigen und auch mit Klopapier soweit das Auge reichte.

Als wir am 7. März unsere Rückreise aus Österreich antraten waren wir immer mehr verblüfft von den leeren Regalen für Klopapier und Billigkonserven in den Supermärkten in Leipzig, deckungsgleich mit den Bildern in den sozialen Medien. „Die Corona-Krise“ wurde in der Woche immer mehr Thema und auch die Uneinigkeit der Länder innerhalb der Bundesrepublik im Umgang mit den ersten Schutzmassnahmen durch Verbote. Am Freitag, den 13.3., fast eine Woche nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub wurde auch unser Reisegebiet rückwirkend als Risikogebiet deklariert. Leichte Symptome veranlassten uns, Kontakt mit der 116 117 aufzunehmen. Nach langem Warten und etlichen Versuchen konnten wir über die Hotline des Gesundheitsamts der Stadt Leipzig eine freundliche und kompetente Auskunft erhalten. Man erklärte uns dann, dass es aktuell keine Kapazitäten zu ambulanten Covid19-Test gäbe, wir das Haus nicht verlassen sollten, um am Montag morgen unseren Hausarzt zu konsultieren. Der folgende Samstag und der Sonntag waren praktisch wie ein Wochenende bei schlechtem Wetter, welches wir einfach zu Hause verbrachten.

Montag, 16.3. Nach telefonischer Absprache mit der Hausärztin sollten wir nach Schließung der Praxis vorbeikommen, um den Test durchzuführen.

Dienstag, 17.3. Mittags erhielten wir die Mitteilung, dass wir beide negativ getestet wurden.

Mittwoch, 18.3. Einkauf mit Mundschutz und Schutzbrille im Supermarkt mit sehr gemischten Gefühlen und der Erfahrung von viel Uneinsichtigkeit bei vielen Menschen, die zum Teil mit ganzen Familien zum Einkaufen gingen und auf den gebotenen Abstand zu anderen Menschen wenig Rücksicht nahmen. Das war die auslösende Situation um Alternativen zu fehlenden Abständen zwischen Menschen in der Öffentlichkeit zu suchen.

Donnerstag, 19.3. Recherche über die Wirksamkeit von Mundschutzen und versuchsweise Herstellung von den ersten Mundschutzen aus alten weißen Baumwollhemden, alten Bettlaken und 1. Wahl Gummilitze tief aus der Bastel- und Nähkiste mit der in der DDR üblichen Preis-Auszeichnung von EVP 1,90 Mark.

Freitag, 20.3. Test des „Prototypen“ des selbst hergestellten Mundschutzes, übers folgende Wochenende wurden notwendige bzw. nützliche Änderungen probiert und getestet

Montag, 23.3. Start des Aufrufs von Ungehindert e.V. auf Facebook, in dem wir freiwillige Nähhilfen suchten die Mundschutze nähen möchten. Innerhalb weniger Stunden boten sich zehn Freiwillige an, uns zu helfen. Über Amazon veranlasst, das Material direkt an die Adressen der Nähhilfen zu senden, ging zwar aufwendig aber noch unkompliziert durch.

Dienstag, 24.3. Amazon meldet, dass es zu Verzögerungen in den Lieferzeiten kommt, sodass ich mich entschloss, das Material bei den Großhändlern direkt zu bestellen, um die nächsten zehn Helfenden mit Material zu versorgen.

Die ersten 50 Mundschutze konnten bereits ab Freitag 25.3. versendet werden.

Seitdem verbringe ich ca. vier bis fünf Stunden täglich mit der Organisation, der Koordinierung des Einkaufs, dem Versenden der Materialien, dem Empfang der fertigen Mundschutze und dem Versenden dieser an die Betroffenen. Unsere Erwartung ist es in den nächsten 14 Tagen 500 Mundschutze den Assistenten und die Pflegenden von Menschen mit Behinderungen, speziell der Risikogruppe zu senden. Ich würde mich freuen wenn die Bundesregierung die Aufklärung der Öffentlichkeit übernimmt und es üblich wird, Mundschutze zu tragen gemäß der TAZ-Schlagzeile "Zeit für ein Vermummungsgebot“.

Link zum kobinet-Bericht über die Mundschutzproduktion und die Anmeldung von Bedarfen bei UNgehindert

Leipzig (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sdgins1

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