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Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener trauert um Dorothea Buck

Dorothea Buck am Schreibtisch
Dorothea Buck am Schreibtisch
Foto: Reinhard Wojke

Bochum (kobinet) Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener trauert um Dorothea Buck. Deutschlands bekannteste Psychiatrie-Erfahrene ist am 9. Oktober 2019 im Alter von 102 Jahren verstorben, heißt es in einem Nachruf auf Dorothea Buck in einem Nachruf des Verbandes.

"Dorothea Buck war erfolgreiche Bildhauerin, Organistin und Lehrerin, bevor sie 73-jährig als Autorin und Aktivistin berühmt wurde. 1990 erschien ihr Buch 'Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung'. Der Untertitel war programmatisch: Wahn macht Sinn – wenn man ihn als Ausdruck seelischer Konflikte und Verletzungen versteht. Dorothea errang dieses Verstehen der Psychiatrie zum Trotz. 19-jährig als 'schwerer Fall von Schizophrenie' diagnostiziert, erlebte sie die deutsche Psychiatrie in fünf stationären Aufenthalten: 1936, 1938, 1943, 1946, 1959. Beim ersten wurde sie in der evangelischen Anstalt von Bethel zwangssterilisiert. 1943 in Frankfurt/Main hörte sie Gerüchte über mysteriöse Verlegungen von Patientinnen. Dass es sich dabei um Morde im Zuge der 'wilden Euthanasie' handelte, erfuhr sie erst viel später", heißt es im Nachruf.

Weiter heißt es im Nachruf des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener: "1959 erlebte sie die Einführung antipsychotischer Medikamente und bezweifelte, dass die resultierende 'erzwungene Stille' ein Fortschritt sei. Für sie bestand kein Zweifel: Das Dogma der somatischen Verursachung seelischen Leids verbaut den Weg zur Genesung. Seinetwegen sprachen die ÄrztInnen nicht mit den PatientInnen über deren Erleben. Und nur so, nicht des Gesprächs würdig, konnten Menschen als lebensunwert betrachtet und ermordet werden. Seit den 1960er Jahren recherchierte Dorothea zu den 'Euthanasie'-Verbrechen. Jedoch: Die Deutungshoheit behielten die Täter, nicht zuletzt, weil die Stigmatisierung 'Schizophrener' fortwirkte. Versuche der Aufarbeitung durch Betroffene fanden kein Interesse und gingen bis heute nicht ins kollektive Gedächtnis ein".

1969 schrieb Dorothea Buck ein Theaterstück "Die Tragödie der Euthanasie". Im Jahr 2000 wurde es gedruckt. "Psychiatrie-Erfahrene brauchen Verbündete, um gehört zu werden" – diese Überlegung prägte ihr politisches Handeln. Sie war bereit, auch bescheidene Erfolge umzusetzen. 1988 schlug sie der damaligen Gesundheitsministerin Süssmuth die Einrichtung eines Politik-beratenden Gremiums aus Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Psychiatern vor. Stattdessen entstanden bundesweit auf lokaler Ebene agierende Psychose-Seminare, die die genannten drei Gruppen im "Trialog“ zusammenführen. Seit 1970 engagierte sich Dorothea Buck in der Selbsthilfe. Sie beobachtete, dass diese lebendiger ist, wenn sie von den Betroffenen selbst geführt wird. 1992 war sie Mit-Gründerin des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener, fortan Vorstandsmitglied und später Ehrenvorsitzende. Neben der politischen Arbeit war Dorothea Buck immer auch persönlich ansprechbar - in Hunderten von Briefen, zahlreichen Telefonate noch als über 100-Jährige, heißt es weiter im Nachruf. "Sie war eine Mut-Macherin, vielen ein Vorbild, für manche die Wendung des Lebenswegs."

Mit wachsendem öffentlichem Interesse an der Aufarbeitung der "Euthanasie“-Verbrechen wurde auch Dorothea Buck als engagierte Überlebende gewürdigt. 2008 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. "Dorotheas Hoffnung, dass seelischem Leid grundsätzlich sinnvoll-verstehend und nicht primär mit somatischen Interventionen begegnet wird, gilt es in die Zukunft zu tragen", so der Appell des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener.

Zitate:

Aus Texten von Dorothea Buck: "Wir können nur hoffen, dass unsere heutigen Psychiater und Politiker mit der gleichen Bereitschaft, mit der ihre Vorgänger durch Sterilisationsanträge oder gar 'Euthanasie' zerstörend in unsere Geschicke und in das Leben der 'Euthanasie'-Oper eingriffen, nun auch die Hilfen geben, die zum Selbstverständnis und zu einem menschenwürdigen Leben notwendig sind.“ (Aus: "Antrag für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie", Brief an die Gesundheitsministerin, 8.6.1988, abgedruckt in Buck, Ermutigungen, Neumünster 2012, S. 78)

"Auf so ungenaues Denken stützte sich also die Theorie von den rein somatischen Ursachen der Psychose – ein Denkfehler mit schlimmen Folgen. Viele haben ihn mit dem Leben bezahlt, viele mit lebenslanger Isolierung und ich wie zahllose andere mit der Zwangssterilisation. Welche andere Wissenschaft darf sich solche Leichtfertigkeit erlauben? Wenn eine Brücke einstürzt, werden der entwerfende Ingenieur und die ausführende Baufirma haftbar gemacht. Die Psychiatrie aber durfte ungestraft an einem dogmatisierten Irrtum festhalten, dessen praktische Anwendung viele Leben zerstörte.“ (Aus: Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung, München u.a.1900, S. 155)

Stimme einer Psychiatrie-Erfahrenen anlässlich von Dorothea Bucks 100. Geburtstag: "Ihre Suche nach dem Sinn Ihrer Psychose-Inhalte und Ihr Heilungsprozess waren für mich im Jahre 1991 bahnbrechend. Meine Sichtweise auf meine 'Erkrankung' und die Behandlung in der Psychiatrie haben sich, während ich Ihr Buch […] las, auf sehr heilsame Weise verändert. Mein Recoveryprozess konnte beginnen. All das was ich las, hat mich aus meiner Hoffnungslosigkeit und Resignation geführt […] Durch Ihre Texte ist mir bewusst geworden, dass Psychopharmaka und auch psychiatrische Behandlung, insbesondere in vollstationären Kliniken, den tiefen, notwendigen Transformations- und Heilungsprozess verhindern. […] Liebe Frau Buck, 'Auf der Spur des Morgensterns' und die damals beginnenden Psychoseseminare waren Recoverymeilensteine für mich." (Aus J. Knabe-Hosse, in Psychose als Selbst-Findung. Bald 100 Stimmen zu Dorothea Bucks 100. Geburtstag, Bochum 2019, S. 83)