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Sorgt Klimaschutzdebatte für sozial-ökologische Wende?

Bild von Greta Thunberg
Greta Thunberg
Foto: Greta Thunberg

Berlin / New York (kobinet) Heute tagt der Koalitionsausschuss zu möglichen Maßnahmen zur Klimapolitik, in Frankfurt werden am Wochenende Zehntausende zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt radeln oder zu Fuß demonstrieren, um gegen die althergebrachte Autolobby zu protestieren. Nächsten Freitag sollen im Klimakabinett Nägel mit Köpfen gemacht werden. Und genau an diesem Tag, dem 20. September, ist ein weltweiter Klimastreik geplant, an dem nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle für das Klima streiken sollen. Und dann ist da noch Greta Thunberg, die vieles ausgelöst hat und die mittlerweile in den USA Fuß fasst und in der Sendung Democracy Now ein ausführliches Interview gab, bei dem es auch um ihre Erfahrungen mit Autismus ging. So wie der Paritätische Wohlfahrtsverband, hoffen viele, dass diese Diskussionen nicht nur ökologisch, sondern auch sozial geführt wird.

Anlässlich der heutigen Beratungen des Koalitionsausschusses zur Klimapolitik appelliert der Paritätische Wohlfahrtsverband an Union und SPD ein Gesamtpaket zu schnüren, das nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verträglich und gerecht sei. Das Soziale dürfe nicht gegen den Klimaschutz ausgespielt werden, doch dürften die klimapolitischen Maßnahmen der Koalition auch nicht zur weiteren Spaltung dieser Gesellschaft führen, mahnt der Verband. Die aktuell diskutierten Vorschläge für Klimaprämien, beispielsweise für den Kauf von Elektroautos oder die Anschaffung energiesparender Haushaltsgeräte bewertet der Paritätische skeptisch. Der Verband kritisiert, dass diese an der Lebensrealität der vielen Menschen mit nur geringem Einkommen komplett vorbei gingen.

Der Paritätische fordert daher eine echte sozial-ökologische Wende. "Die klimapolitischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind eine große Chance, bestehende Konzepte von Mobilität oder Wohnen komplett neu zu denken. Jetzt ist die Zeit für innovative Konzepte, um unser Zusammenleben nicht nur ökologischer, sondern auch sozial gerechter zu gestalten“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Es brauche unter anderem neue Lösungen im Bereich des Wohnens, intelligente Verkehrskonzepte, für alle bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr und insgesamt eine bessere lokale Infrastruktur, um durch möglichst kurze Wege nicht nur Verkehr zu reduzieren, sondern auch ein gutes Leben für alle überall zu ermöglichen.

Während viele dieser Diskussionen recht abgehoben stattfinden, versucht die Klimaaktivistin Greta Thunberg, die vor über einem Jahr als 15jährige zuerst einen dreiwöchigen Schulstreik vor dem schwedischen Parlament initiiert hatte und nun jeden Freitag dort an Streikaktionen teilnimmt, wo sie sich gerade befindet, ihre mittlerweile große Popularität zu nutzen und mit möglichst konsequentem Leben zu verbinden. Dass das, was hierzulande landläufig von vielen als Schwäche formuliert wird, von ihr in eine Stärke verwandelt wurde - nämlich ihr Autismus - wird in einem ausführlichen Fernsehinterview sehr gut deutlich, das Greta Thunberg am Mittwochabend in New York für die Sendung Democracy Now gegeben hat. Ab Minute 25 spricht die mittlerweile 16jährige Schwedin sehr offen und differenziert über die Stärken, die der bei ihr vorhandene Autismus ihr verleiht, aber auch über die Krisen, die sie durchlebt hat. Ein Jahr hat sie so gut wie nicht gesprochen, war in einer tiefen psychischen Krise, hat immer weniger gegessen und hat schlichtweg nicht verstanden, warum fast alle anderen einfach so weiterleben und nicht verstehen, warum ihr die Besorgnis um den Klimawandel und die damit verbundenen Folgen so wichtig ist. Dieses Gefühl des Allein-Seins, das sicherlich viele - auch in der Behindertenbewegung - verspüren, wenn man sich für eine Sache stark einsetzt, schildert Greta Thunberg sehr eindrucksvoll in diesem Interview. Sie spricht aber auch darüber, wie sie aus dieser schweren Zeit herausgekommen ist und nun in einer enormen Konsequenz aktiv ist, sowohl politisch Dinge anzustoßen, als auch persönlich das zu leben, was sie für wichtig und richtig hält, ohne dabei als Moralapostel auftreten zu wollen. Nicht-Fliegen, möglichst nicht mit herkömmlichen Autos unterwegs sein, eine vegane Ernähungung und einen "shop-stop", also möglichst keine neuen Dinge kaufen, praktiziert sie weitgehend seit einiger Zeit. So mancher mag sich bei dieser Konsequenz und der Verbindung des Persönlichen mit dem Politischen an Mahatma Gandhi erinnert fühlen, wenn man das Interview in Democracy Now verfolgt.

Greta Thunberg ist also längst ein Beispiel für viele und erlebt auf der anderen Seite aber auch viel Haß und Ablehnung, die ihr von Gegnern von Maßnahmen gegen den Klimawandel entgegengebracht wird. Auch über den Umgang darüber und die Notwendigkeit, sich gegenseitig zu stärken, spricht sie im Interview. Heute wird die junge Schwedin ihren freitaglichen Streik vor dem Weißen Haus in Washington mit anderen Klimaaktivist*innen begehen, bevor sie dann wieder nach New York zurückkehrt, um am kommenden Freitag in New York am weltweit ausgerufenen Klimastreik mit anderen Aktivist*innen teilzunehmen. Gut 900 Beschäftigte von Amazon in Seattle haben schon ihre Solidarität erklärt, dass sie am 20. September ebenfalls streiken werden.

Link zum Fernsehinterview mit Greta Thunberg in Democracy Now vom 11. September 2019 in New York - leider nur in englischer Sprache

Interview mit Greta Thunberg in Democracy Now