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Barrierefreier Tourismus in Deutschland nun ohne NatKo

André Nowak
André Nowak
Foto: Studioline / privat

BERLIN (KOBINET) Seit dem 9. September 1999 hatte es die Nationale Koordinationsstelle Tourismus für alle, den jetzigen eingetragen Verein "Tourismus für Alle Deutschland (NatKo)" gegeben. In diesen fast zwanzig Jahren hatte die NatKo zwar auch einmal ihren Namen geändert, war jedoch stets jener Zusammenschluss von bundesweit tätigen Selbsthilfeverbänden der Behindertenselbsthilfe geblieben, der sich für den barrierefreien Tourismus einsetzt und als Ansprechpartner für den Tourismus verstand. Jetzt hat die NatKo in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ihre Auflösung beschlossen. Kobinet sprach aus diesem Anlass mit André Nowak, seit vielen Jahren der Vertreter des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland "Für Selbstbestimmung und Würde" (ABiD) in der NatKo, über diese Entscheidung.

Kobinet: Auflösung der NatKo - eine Entscheidung, die sich lange angedeutet und nur noch vollzogen werden musste oder ein schwerer Schritt mit vielen Emotionen verbunden?

André Nowak: Beides. Seit vielen Jahren haben wir gegenüber dem Tourismusausschuss des Bundestages und der Bundesregierung immer wieder deutlich gemacht, dass die NatKo für die Erfüllung ihrer Aufgaben eine Grundförderung bedarf und sich nicht nur über Projekte finanzieren kann. Trotz eines Beschlusses des Bundestages am 18. Juni 2009 auf Antrag der CDU/CSU-SPD-Koalition (Drs. 16/12101) und intensiven Gesprächen inklusive Schriftwechsel (ich verweise hier unter anderem auf unser ausführliches Schreiben vom 21.04.2016) hat das für den Tourismus zuständige Bundeswirtschaftsministerium aber immer nur nach Begründungen statt Lösungen gesucht. Und trotzdem haben wir uns mit dieser Entscheidung sehr schwer getan. Es gab in den vergangenen drei Jahren mehrere Mitgliederversammlungen zu dem Thema und dazwischen zahlreiche Aktivitäten vom Vorstand als auch von mir persönlich.

Kobinet: Auf der Internetseite der NatKo werden neben den Mitgliedsverbänden auch vier Fördermitglieder aufgeführt. Können Sie etwas zur Haltung dieser Fördermitglieder im Vorfeld der Auflösung der NatKo sagen?

André Nowak: Drei von den vier Fördermitgliedern konnten uns in dieser grundlegenden Frage eher nur symbolisch beistehen. Mehr Unterstützung hätte ich mir allerdings von der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) erhofft. Die DZT bekommt jährlich über 30 Millionen Euro Bundesförderung, kennt die Bedeutung und Rolle der NatKo (unter anderem durch die gemeinsame Ausrichtung des Tages des barrierefreien Tourismus auf der ITB), hat einen engen Draht zu allen im Tourismus wichtigen Personen und Institutionen und kannte auch die existenzielle Gefahr der NatKo.

Kobinet: Könnten Sie bitte unseren Leserinnen und Lesern etwas zu den Zusammenhängen sagen, welche dann letztlich zur Auflösung der NatKo führten?

André Nowak: Die drohende Insolvenz war der entscheidende Grund, warum wir am 4. Juni die Entscheidung über die Auflösung der NatKo nicht noch einmal vertagen konnten. Finanziell brach uns die Nichtbewilligung der ursprünglich vom Bundeswirtschaftsministerium zugesagten Projektförderung für das Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ das Genick. Gründe für die Auflösung waren aber auch, dass in Folge der „Hängepartie“ der vergangenen drei Jahre es zu Rücktritten im Vorstand kam (so aus gesundheitlichen Gründen unser langjähriger Vorsitzender Dr. Rüdiger Leidner) und wir inzwischen nicht mehr in der Lage waren, geeignete Personen zu finden, die bereit sind, unter solchen Umständen solch ein Ehrenamt anzutreten. Hinzu kommen die enorme Fluktuation bei den wenigen Mitarbeitern mangels sicherer Perspektiven in der NatKo sowie die Kündigungen der NatKo-Mitgliedschaft durch die Lebenshilfe zum 31. Dezember 2018 sowie durch den BSK zum Ende des Jahres 2019.

Kobinet: Die NatKo hat in vielen Projekten, darunter den Tag des Barrierefreien Tourismus auf der ITB sowie das nun durch das Seminar für Tourismus weitergeführte "Reisen für Alle", das Wissen, die Lebenserfahrung und den Blick von Behinderung Betroffener in den Tourismus eingebracht. Sehen Sie nach der Auflösung der NatKo andere Wege, wie die Forderung "Nichts über uns, ohne uns" auch im Tourismus weiterhin erfüllt werden kann?

André Nowak: Die Lücke wird nicht so schnell zu füllen sein. Unsere Stärke war, dass die NatKo als gebündelte Stimme kompetent und behindertenübergreifend für die gesamte Behindertenbewegung gegenüber der Politik und der Tourismuswirtschaft auftrat und auch akzeptiert wurde. Nun wird es schwerer werden, die Tourismuspolitik, Tourismuswirtschaft und den Betroffenensachverstand an einen Tisch zu bekommen. Und da, wo es unbequem wird, kann man sich künftig noch leichter herausreden, warum Menschen mit Behinderungen und ihre Organisationen wieder mal nicht einbezogen worden sind.

Bei dem aus meiner Sicht wichtigstem Projekt „Reisen für Alle“ gibt es ja noch einen Projektbeirat, in dem auch der ABiD und andere Behindertenverbände Sitz und Stimme haben. Das Gremium wird nun wichtiger als bisher, zumal ich befürchte, dass dieses Projekt in den nächsten Jahren vor dem Scheitern steht, wenn hier nicht bald drastisch umgesteuert wird. Dazu sprach ich bereits als NatKo-Vertreter auf der Fachkonferenz am 12. Juli 2018 im Bundeswirtschaftsministerium, aber noch sind die Barrieren in den Köpfen hier sehr hoch.

Kobinet: Der weitere Ausbau von Barrierefreiheit im Tourismus verlangt gewiss die Einbindung der von Behinderung Betroffenen. Sehen Sie Verbände oder Gremien, welche diese Arbeit nun nach Auflösung der NatKo übernehmen könnten?

André Nowak: Inzwischen gibt es eine Reihe von Personen und Organisationen mit Kompetenz auf diesem Gebiet. Allerdings wächst auch der Beratungsbedarf. Sie alle werden aber die NatKo nicht ersetzen können, denn sie arbeiten nicht zusammen sondern jeder für sich. Vielleicht schaffen wir es, einen Beirat oder eine Arbeitsgruppe zu bilden, die beim Deutschen Behindertenbeirat oder beim Tourismuskompetenzzentrum des Bundeswirtschaftsministeriums oder bei der Bundesfachstelle Barrierefreiheit angedockt wird. Aber egal, welcher Weg gegangen wird: ohne eine finanzielle Grundförderung wird das nicht funktionieren.

Kobinet: Im vereinten Europa sind Tourismus und Teilhabe immer mehr eine gemeinsame Aufgabe. Ich konnte Ende März des Jahres an der internationalen Tagung des ABiD in Berlin teilnehmen und dort das große Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus so vielen postsowjetischen Staaten an Teilhabe und Barrierefreiheit in Deutschland erleben. Sehen Sie die Möglichkeit, dass sich der ABiD nach Auflösung der NatKo breiter als bisher auch auf dem Feld des internationalen Erfahrungsaustausches zu Barrierefreiheit und Teilhabe engagiert?

André Nowak: Das halte ich für unwahrscheinlich. Das kann der ABiD weder strukturell, noch personell und finanziell stemmen. Es gibt ja durchaus schon Plattformen für den internationalen Erfahrungsaustausch wie die ENAT, das Europäische Behindertenforum (EDF), die Internationale Organisation für Sozialtourismus (OITS) oder die bereits zwei stattgefundenen Weltkonferenzen zum barrierefreien Tourismus. Hier wäre die NatKo gern aktiver gewesen, aber auch dafür gab es von der Bundesregierung keine finanzielle Unterstützung.

Kobinet: Herr Nowak, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen für Ihre weitere Arbeit Gesundheit und Erfolg!

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