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Die Zukunft in die eigenen Hände nehmen

Roland Frickenhaus
Roland Frickenhaus
Foto: Roland Frickenhaus

UNBEKANNT (KOBINET) Wer merkt, dass er fortwährend betrogen wird, der geht auf die Straße. Nachdem wir 2016 wegen des Bundesteilhabegesetzes das letzte Mal wahrnehmbar in Erscheinung traten, sind es aktuell die Kids, die auf sich aufmerksam machen. Ihnen geht das Rumgeeiere in Sachen Klima und Umweltschutz auf den Keks. Recht haben sie.

Auch wenn es unterschiedliche Anlässe sind, so ist es doch eine gemeinsame Erkenntnis: Es gibt Dinge, die einfach zu wichtig sind, sie denjenigen anzuvertrauen, die sich für vier Jahre als Problemlöser*in anbieten und, kaum (überhang-)mandatiert, loslegen, als seien wir ihr Personal.

 

 

Mit bunten Plakaten und klugen Sprüchen meldet sich eine Gruppe zu Wort, die dem System so wenig schaden kann, dass es beschlossen hat, sie gewähren zu lassen. Sind sie nicht niedlich, die Kleinen, wie sie da an die Türen der Großen klopfen und immer noch glauben, dass Vernunft stärker als Raffgier ist?

Wer allerdings weiß, und wer weiß das nicht, dass sogar Konzerne, die mit Sozialem Geld verdienen, resistent gegen rationale Argumente sein können, blickt erwartungsfrei auf die freitäglichen Aktionen der klimabesorgten Teenies.

Raffgier ist nun mal eine Eigenschaft, die nicht nur im Automobilbau, sondern auch bei professionellen Gutmenschen anzutreffen ist. Nein, eher wird Greta Thunberg Umweltministerin in Rheinland-Pfalz, als dass in Deutschland die Welten für die Ausgesonderten verschwinden.

Während sogar selbst das Kamel das Nadelöhr passiert hat, verteidigen die Berufsgutmenschen noch immer ihre Sonderwelten. Auch wer mit Nächstenliebe reich geworden ist, ist reich. (Theologische Randbemerkung zum Weiterdenken in unbeobachteten Augenblicken: Das grundsätzliche Problem, das die Bibel mit Reichtum hat, ist Reichtum an sich und nicht die Frage, wie er entstanden ist!)

Während es opportun ist, Klimafeinde zu identifizieren, sie mit Namen zu nennen und deren Geschäftszahlen zu verbreiten, schweigt des Sängers Höflichkeit, wenn es darum geht, Gleiches bei denen zu tun, die, um in der Terminologie zu bleiben, als Inklusions- bzw. Teilhabefeinde zu bezeichnen sind.

Ist die idyllisch gelegene süddeutsche Komplexeinrichtung das bei Aussonderung, was "VW" beim Klima ist? Welche Funktion erfüllen Verbände und Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Wohlfahrtspflege? Wären die freitags bei den Kids anzutreffen oder eher bei denen, die sich mit Schnittmengen zur Wirklichkeit begnügen?

Und ist das, was der Verband der Automobilindustrie beim Klima ist, das, was die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger bei Inklusion und Teilhabe ist? Nette Worte in Hochglanz und hintenrum wird Mecklenburg-Vorpommern präsentiert, an dem sich die Mitglieder zu orientieren haben, weil sie dort lernen können, mit wie wenig Geld Anspruchsberechtigte abspeisbar sind.   

Ja  und da ist da noch die "Schummelei", weil seit 2018 Rechtsansprüche zur Bedarfsfeststellung nicht geachtet werden. Es ist wie beim Klima: Es soll nichts kosten, darf die Ruhe nicht stören, soll die Platzhirsche schonen und trotzdem zeitgemäß und menschenfreundlich daherkommen. Das geht, mit Verlaub, offensichtlich auch hier nur mit „Schummelsoftware“ und Abschaltautomatik.

Wen würde die Jugend ausfindig machen, wenn es statt um Klima um Teilhabe und Inklusion ginge? Wer sind eigentlich in Deutschland die "Teilhabe- bzw. Inklusionsfeinde", wer profitiert von und macht Profit mit Aussonderung?

Ja, es gibt bei Teilhabe und Inklusion eine ähnliche Kreativität, Dinge zu beschönigen und hinter Worthülsen zu verschleiern, wie im Automobilbau.  Was ist denn "Wohnen in einer besonderen Wohnform"? Das entspricht der "Schummmelsoftware" im Automobilbau, weil es eigentlich stationäres Wohnen ist. Punkt.

Und wenn der Mehrkostenvorbehalt Selbstbestimmung und Wunsch- und Wahlrecht aushebeln, entspricht das in seiner Wirkung durchaus einer „Abschaltvorrichtung“ in einer dieser Wolfsburger Karossen. Da wird der unbequeme Artikel 19 der UN-BRK "abgeschaltet", weil er die Vertragsstaaten verpflichtet, unter anderem zu gewährleisten, dass  Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben. So einfach ist das.

Und wie man mit Verschmutzungsrechten handeln und seine Statistik aufbessern kann, (Wie pervers ist das denn?), kann man sich auch von der Pflicht zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen freikaufen.

Wer geht für Teilhabe und Inklusion auf die Straße? Ist der, der im zehnten Jahr der UN-BRK sein Geld immer noch mit Segregation und Sonderwelt verdient, dem gleichzusetzen, der im zehnten Jahr in Folge Klimaziele verfehlt?

Es lässt sich vermuten, dass es ähnliche Konfliktlinien, wie es sie zwischen Verkehrsminister und Umweltministerin gibt, auch zwischen dem BMAS, dem Behindertenbeauftragten und der Monitoringstelle gibt. Wo, falls wir in Berlin überhaupt Freunde haben sollten, diese zu finden sind, ist eigentlich klar.

Ja, und vermutlich sind wir im Bereich von Inklusion und Teilhabe noch nicht so weit, weil wir müde geworden sind und die Probleme nicht (mehr) so nah an uns ranlassen, wie die Kids die Klimafrage. Was wäre eigentlich, wenn wir uns mit den Jugendlichen zusammentäten?

Man kann freitags für Klima, montags für Teilhabe und mittwochs für gewaltfreie Pflege demonstrieren. Es können aber auch alle, die mit dem Staat und seinen für seine Bürger erbrachten Leistungen nicht zufrieden sind, gemeinsam losziehen. Dazu muss man sich nicht unbedingt in eine gelbe Weste kleiden, aber schaden kann es nicht.

Die Kids zeigen uns, in wessen Hände Fragen unserer Zukunft gehören: In die eigenen.