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Gedanken zum Weltautismustag

Birger Höhn
Birger Höhn
Foto: Birger Höhn

DRESDEN (KOBINET) Heute ist Weltautismustag und es werden dazu wieder viele Meldungen verbreitet. Der Inklusionsbotschafter Birger Höhn, der selbst mit Autismus lebt und sich für eine effektive Selbstvertretung von Menschen mit Autismus stark macht, hat den kobinet-nachrichten folgenden Kommentar zum heutigen Tag geschickt, den wir im folgenden veröffentlichen. Für Birger Höhn ist die zentrale Frage, was sich in der Gesellschaft ändern muss, damit autistische Menschen es leichter haben, ihr Leben zu leben.

Kommentar von Birger Höhn

Heute ist Weltautismustag. Der Weltautismustag wird seit 2008 international begangen, nachdem er 2007 von den Vereinten Nationen eingeführt wurde. Autismus gilt unter den Wissenschaftlern als tiefgreifende Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung. Bereits hier erkennt man den ersten Konflikt, wenn man sich vor Augen führt, dass AutistInnen selber lieber sagen, dass sie halt anders sind.

Einfach formuliert: Im Gehirn von AutistInnen sind ein paar Drähte anders verknotet, und deswegen laufen verschiedene Sachen halt anders ab als bei Nichtbetroffenen.

Entdeckt wurde dies durch Leo Kanner – er entdeckte den frühkindlichen Autismus – und Hans Asperger – er entdeckte das nach ihm benannte Asperger-Syndrom. Speziell die Entdeckungen von Asperger müssen aber kritisch gesehen werden. Wahr ist, das Asperger die Verhaltensauffalligkeiten von Kindern akribisch erforschte, aber es ist leider ebenso wahr, dass diese Kinder anschließend in die Vernichtungsanstalten des NS-Eutanasie-Programmes wanderten. Auch deswegen verwenden Betroffene selber viel lieber den Begriff „autistischer Mensch“ oder eben Autist zu sein.

Es gibt verschiedene Formen von Autismus, zum Beispiel den High Functioning Autismus, der häufig bei Studierenden mit Autismus anzutreffen ist, oder eben als krasses Gegenteil davon, den frühkindlichen Autismus. Alle Formen aber ist gemein, dass sie Andersartigkeiten im Bereich der Wahrnehmung, Kommunikation und vielem mehr haben.

Autismus ist nicht heilbar. Viele AutistInnen wollen auch gar nicht geheilt werden, da Autismus Teil ihrer Persönlichkeit ist. Aber es kann, je nachdem ob der Betroffene das wünscht oder nicht, behandelt werden. Dabei gibt es verschiedene Therapieformen. Einige werden allerdings von AutistInnen selbst heftigst kritisiert. So zum Beispiel ABA (Applied Behaviour Analysts), die von Autisten deshalb so heftig kritisiert wird, weil es eine Therapie ist, in der autistische Menschen mit den Mitteln von Arbeit-Lohnerhalt-Arbeit-Lohnerhalt in die Gesellschaft integriert werden sollen und diese im übrigen gegen das Menschenrecht ganz krass verstösst. Andere hingegen wie zum Beispiel TEACCH, also Strukturierungshilfen im Sinne von Plänen können durchaus hilfreich sein, wenn der Betroffene dies wünscht.

Was bei allen Menschen mit Behinderungen eine große Herausforderung ist, ist die politische Selbstvertretung. Bei autistischen Menschen ist sie in Deutschland noch gar nicht gegeben. Das liegt zum einen teilweise daran, dass AutistInnen eben auch keine heterogene Masse sind, sondern es hier teilweise sehr unterschiedliche Bewertungen und Ansichten gibt. Aber viel schlimmer ist zweitens, dass AutistInnen vielfach auch heute noch in gesellschaftlichen Umständen leben, die ihnen nicht ermöglichen, so zu sein und zu leben, wie sie es möchten. Immer noch sind AutistInnen vielfach in Sonderwelten wie Förderschulen, Werkstätten und Wohnheimen untergebracht, weil ihnen nicht zugetraut wird, ihr eigenes Leben zu leben. Zudem müssen sich AutistInnen vielfach gegen Klischees und Vorurteile zur Wehr setzen, was ihnen das Leben in dieser Gesellschaft noch schwerer macht. Autistische Menschen müssen viel mehr Kraft als andere in die Bestreitung ihres Alltages legen, um das gleiche Ziel zu erreichen, wie andere auch.

Am Weltautismustag soll der autistischen Menschen gedacht werden. Das ist soweit in Ordnung. Aber nicht in dem Sinne, dass autistische Menschen unter ihrem Autismus leiden. Das tun die allermeisten nämlich nicht. Deswegen ist auch die gängige Praxis, öffentliche Gebäude am Abend des 2. April in blau zu tauchen, völlig daneben. Autistische Menschen selber haben übrigens zum Gegenangriff gerufen, in dem sie dazu aufforderten, am 2. April abends alle öffentlichen Gebäude in rot einzutauchen. Die Frage muss vielmehr lauten: Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit autistische Menschen es leichter haben, ihr Leben zu leben?

Die Antwort ist genauso einfach wie simpel: Die Inklusion von autistischen Menschen muss voranschreiten! Das einzige, was es dazu braucht, wie bei vielen anderen Dingen im Bereich der Inklusion, ist ein warmes, offenes Herz - offen für die Situation von anderen Menschen. Und autistische Menschen in ihrem Anliegen, die sie weltweit jedes Jahr am 18. Juni, dem Autistic Pride Day, vortragen, aktiv zu unterstützen.