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Schulinklusion am Scheideweg

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: Bettina Wöllner-Reutershahn

UNBEKANNT (KOBINET) Was ist denn inzwischen aus der Schulinklusion geworden? Die ist doch jetzt ein Menschenrecht, vorgeschrieben durch die UN-Behindertenrechtskonvention und unterschrieben von der Bundesregierung. Oder ist die Inklusion nur eine Illusion?

Ein Elitegedanke, in einer zutiefst rassistischen Tradition verwurzelt, beherrschte seit eh und je den Klassenkampf von oben seitens der sozial schwachen Geldeliten, übertragen in das Schulklassensystem der BRD. Die Reichen seien ja schließlich die Leistungsträger der Gesellschaft, die die Leistungsschwachen in der Gesellschaft tragen müssten, und deshalb müsse man sie auch in einem gegliederten Schulsystem besonders fördern. So lautete das Credo von finanziell bessergestellten und wohlhabenden selbstverliebten Eliteeltern.

Vier meiner fünf Stiefkinder gingen als Nichtbehinderte jeweils in eine dieser sogenannten "Integrationsklassen" in Integrierte Gesamtschulen. Als ich den Jüngsten vor dem ersten Elternabend fragte, wer denn die drei behinderten Kinder in seiner Klasse seien, antwortete er, es gäbe gar keine. Beim Elternabend erfuhr ich dann, dass einer der drei behinderten Kinder in seiner Klasse neben ihm saß. Er hatte es nicht gemerkt, dass der Mitschüler neben ihm behindert war. Und warum nicht? Hat man seinem Nachbarn eine Behinderung vielleicht nicht ansehen können? Doch, denn der hatte eine sogenannte sichtbare Behinderung. Eine Behinderung, mit der dieser kleine Junge normalerweise in einer Sonderschule gelandet wäre. Aber unser Knirps hatte eine Anomalität nicht bemerkt, weil es für ihn normal war.

Was ist normal? Eine Frage, die man eigentlich nur nicht-kaputt-zerbildeten Kindern stellen kann. Denn der Normalfall ist hierzulande noch immer die Aussonderung.

"Leeres Wort: Der Armen Rechte,
Leeres Wort: Der Reichen Pflicht."

In Zukunft war alles schlechter. Soll das die Zukunft sein?

Was ist denn inzwischen aus der Schulinklusion geworden? Die ist doch jetzt ein Menschenrecht, vorgeschrieben durch die UN-Behindertenrechtskonvention und unterschrieben von der Bundesregierung. Ist die Inklusion nur eine Illusion?

Glaubt man den Kultusministern und ihrem Arbeitsnachweis, schreitet die Inklusion in Deutschlands Schulen gut voran. Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Dieser Tage wurden die Ergebnisse einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) veröffentlicht. Der VBE ist eine der beiden großen Lehrerorganisationen in Deutschland und vertritt ca. 140 000 Pädagoginnen und Pädagogen in allen Bundesländern. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die Lehrerinnen und Lehrer benoten die Inklusion in Deutschland mit "mangelhaft". VBE-Vorsitzender Udo Beckmann: "Die Politik sollte vor Scham im Boden versinken!"

Die Bedingungen für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern seien bundesweit noch immer völlig unzureichend, so das Ergebnis der forsa-Umfrage. Verbessert habe sich gegenüber 2015 praktisch nichts. "Inklusion wird nicht gelingen, wenn die Lehrkraft alleine, ohne Unterstützung durch weitere Professionen und nicht ausreichend fortgebildet, in zu großen Klassen und zu kleinen Räumen unterrichten muss. Die repräsentativen Ergebnisse belegen aber erneut, dass genau das nach wie vor die Realität an deutschen Schulen ist", so der Bundesvorsitzende des Lehrerverbands.

Mittlerweile gebe es zwar an über der Hälfte der Schulen inklusive Lerngruppen, doch nur 16 Prozent der Schulen sind vollständig barrierefrei aus- und umgebaut worden. "Hier zeigt sich deutlich: die Politik verweigert die Gelingensbedingungen für Inklusion", kommentiert Beckmann. Erschwerend kommt hinzu, dass nur einem Drittel der befragten Lehrkräfte eine Absenkung der Klassengröße bei Hinzukommen eines Kindes mit sonderpädagogischem Förderbedarf zugestanden wird. 65 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer müssen die Inklusion in ihren Schulklassen alleine stemmen. Dabei war und ist völlig klar, dass für die inklusive Schule die Doppelbesetzung aus Regelschullehrkräften und Sonderpädagogen benötigt wird. Das wird von 98 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer gefordert.

"Wer Inklusion will, muss die Schulgebäude entsprechend gestalten. Dazu gehören auch Räume für Kleingruppen und Differenzierungsräume, von denen nur knapp über die Hälfte der Befragten berichten", so Beckmann. Das ist mit der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar. So wird die Schulinklusion vor die Wand gefahren. Den Rechtsanspruch aller Kinder auf individuelle Förderung gibt es nicht zum Nulltarif. Die Schulen müssen einerseits zusätzliche Lehrerstunden von Regel- und Sonderpädagogen erhalten, und Sozialpädagogen, Erzieher, therapeutische und medizinische Kräfte müssen in den Schulbetrieb eingebunden werden. Eltern und Lehrkräfte beklagen, eine breite Debatte über die Inklusion in der Schule habe es nie gegeben. CDU/CSU, SPD und Grüne gingen und gehen allen Ernstes davon aus, dass die Schulinklusion nicht nur gratis zu haben sei, sondern sogar Geld spare.

"Absurd?" fragt "News4teachers" und schreibt weiter: "Offenbar nicht so sehr, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen', mit dem im Dezember 2008 der – für die deutschen Schulen umwälzende – Ausstieg aus dem Förderschulsystem beschlossen werden sollte, war den Abgeordneten des Deutschen Bundestages tatsächlich nur eine Aussprache von 30 Minuten wert. Und zwar deshalb, weil (wie der damalige Parlamentarische Staatssekretär Klaus Brandner verriet) man einen Debattentag gestrichen hatte, um auf einen am nächsten Tag stattfindenden Parteitag der Grünen Rücksicht zu nehmen."

Frankfurts Grundschulleitungen schrieben Anfang des Jahres in einem Brandbrief: "Flüchtlingskinder, Inklusion, Erziehungsprobleme – aber kein Personal. Es geht nicht!" Ohne Geld für Personal und Barrierefreiheit geht die Schulinklusion nicht. Wenn das zu beweisen war, dann ist das bewiesen. Für die Politik von CDU/CSU, SPD und Grünen heißt das: Experiment gescheitert. Behinderte Kinder zurück in die Sonderschulen.

Die Schulinklusion wird systematisch kaputtgespart. (Nur mal nebenbei: Schäubles Staatskasse weist bis 2021 einen Überschuss von 54,1 Milliarden Euro aus - der Investitionsstau wächst und wächst.) Und als habe man nur darauf gewartet, haben die CDU und die FDP in ihrem Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen beschlossen, die Inklusion in der Schule auf Eis zu legen und die Auflösung der Sonderschulen zu stoppen. Den Herrschaften schwebt ja ohnehin bereits die Privatisierung der Schulen vor. Die SPD-Genossen Gabriel, Oppermann und Schulz wollen dafür die Zweidrittel-Bundestags- und Bundesratsmehrheit zusammen mit der CDU/CSU in der Großen Koalition noch rasch nutzen, bevor die Übermacht nach dem Wahltag am 24. September hops gehen kann. Am 1. Juni 2017 im Bundestag und kaum 24 Stunden später im Bundesrat will die GroKo in Höchstgeschwindigkeit eine Verfassungsänderung durchpeitschen, wodurch künftig der Bau und die Sanierung von Schulgebäuden für private Investoren in Form von sogenannten "Öffentlich-Privaten Partnerschaften" (ÖPP) geöffnet werden sollen. Die Schulen in Deutschland werden damit zu Anlageobjekten gemacht, die auf den Finanzmärkten gehandelt werden.

Italien hat mehr als 40 Jahre gebraucht, um fast 99 Prozent der Kinder mit Behinderung an einer Regelschule zu unterrichten. In Deutschland dagegen sagen die ewiggestrigen Selektionspolitiker schon jeden ernst zu nehmenden Anstrengungen: Wir haben es immer gesagt, Inklusion funktioniert nicht. Deshalb Einstieg in den Ausstieg jetzt. Schlecht gemachte Inklusion ist schädlicher als keine, also Schluss damit.

Der Wert des Menschen war in Deutschland noch nie ein Tabu. Also, liebe Nachtwächter: Volle Kraft rückwärts, und die BRD kündigt die UN-Behindertenrechtskonvention? Die ist doch bloß ein sperriges Investitionshindernis. (Das Kapital ist wirklich eine einsame Klasse.)

Übrigens: Weil jedes Kind etwas Besonderes ist, bin ich für Sonderschulen für Alle.