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Die perfektionierte Kunst des Wegschauens

Ein Mensch steht auf einem Paragrafen-Zeichen
Ein Mensch steht auf einem Paragrafen-Zeichen
Foto: www.pixelio.de

HOLLENBACH (KOBINET) Über unwürdige Zustände in Anstalten für mehrfachbehinderte Kinder berichtete am 6.4.2016 der Bayerische Rundfunk. Es wird deutlich, dass diese Anstalten in dem Bewusstsein agieren, dass die Öffentlichkeit, Justiz und Medien geflissentlich zur Seite schauen. Fest in das System eingebunden sind auch gesetzliche Betreuer und die Kostenträger.

Ein Kommentar von kobinet-Redakteur Gerhard Bartz

Für schwerstmehrfachbehinderte Kinder gibt es in Deutschland eine breite Straße in Behindertenanstalten und eine schmale Gasse zur ambulanten Assistenz. Entscheiden sich die Eltern in Kenntnis der oftmaligen Zustände dort gegen die Anstalten, dann kommt von den Kostenträgern keineswegs die vom Gesetzgeber die in den §§ 13 und 14 SGB I versprochene Aufklärung.

Vielmehr scheint man davon auszugehen, dass sich die Eltern und leider oftmals die Mütter alleine bis zur völligen Verausgabung ihren Kindern widmen. Dass diese Kinder irgendwann groß und stark sind, scheint die Verwaltung nicht zu interessieren. Selbst in den Fällen, in denen es gelingt, Arbeitgebermodelle gegen die Kostenträger durchzusetzen, wird dies immer problematisch sein. Denn viele Assistentinnen und Assistenten geben auf, weil sie alleine mit den erwachsenen und mitunter auch sehr kräftigen Menschen überfordert sind. Da nun Anstalten mangels Zumutbarkeit (die ja in der Vergangenheit fatalerweise stets von kostenbetroffenen Dritten festgestellt wurde) nicht mehr gehen und der Bedarf mit einer Assistenz in der Schicht nicht gedeckt werden kann, muss dieser dennoch gedeckt werden. Denn man darf die Eltern nicht mit ihren Kindern alleine lassen. Diese haben die Aufgabe teils über Jahrzehnte gemeistert und das Recht auf ein eigenes Leben kann man ihnen nicht abstreiten. Objektiv kann das Leben in der Anstalt ja nur deshalb billiger sein, da dort oft rigoros Menschenrechte verletzt werden, wie in dem Beitrag des Bayerischen Rundfunk zu sehen war. Und nebenbei: Auch für die meisten Beschäftigten in den Verwahranstalten sind das sicherlich keine Traumarbeitsplätze. Kommen dann noch Berufsbetreuer hinzu, scheint nur noch das "Kindes"-Wohl nach Aktenlage entscheidend zu sein. Die Eltern werden dabei oft zur Seite gedrängt. Das Betreuungsrecht in seiner bisherigen Ausgestaltung bedarf einer gründlichen Überarbeitung.

Die Pflicht zur Bedarfsdeckung muss auch im Teilhabegesetz verankert werden. Und zwar ohne dieses reflexhafte Runterverhandeln der Kostenträger. Diese Pflicht gilt auch für schwerstmehrfachbehinderte Menschen, auch deren Eltern haben das Recht, ihr eigenes Leben führen zu können. Und dennoch zu wissen, dass ihre Kinder in Freiheit und dennoch in Sicherheit leben.