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Jammerstunde mit Klagewelle

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KASSEL (KOBINET) Viele behinderte Menschen nervt es, wenn gerade in der Vorweihnachtszeit Spendenwerbung auf zum Teil übelste Mitleidsbasis für Angebote der "Behindertenhilfe" gemacht werden, die äußerst wenig mit den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention für ein selbstbestimmtes und inklusives Leben zu tun haben. In Kassel haben sich behinderte Menschen daher eine besondere Aktion ausgedacht. Am 30. November laden sie um 15.30 Uhr zu einer "Jammerstunde mit Klagewelle" in den freiRAUM des Zentrums für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen ein.

"Jedes Jahr ist es das selbe. Kaum ist die Zeit Ende Oktober umgestellt, flattern auch schon die Spendenwerbungen diverser Wohlfahrtsorganisationen ins Haus, die an das Mitleid für die leidgeplagten behinderten Menschen appellieren und Geld für meist aussondernde Angebote sammeln. Statt die gesellschaftlichen Benachteiligungen zu benennen und durch gezielte Lobbyarbeit und die Veränderung der eigenen Angebote zu verändern, wird meist auf das individuelle "Schicksal" abgestellt. Das passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert und hat nichts mit einer Bewusstseinsbildung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention zu tun", erklärte Ottmar Miles-Paul von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), der zu der Aktion im Vorfeld des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen einlädt.

Bereits bei der 1100 Jahr-Feier der Stadt Kassel hat sich der Träger des Kasseler Zentrums für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab), am Festumzug unter dem Motto "Rechte statt Mitleid" beteiligt und die Entwicklung des Bewusstseins und der Rahmenbedingungen für behinderte Menschen deutlich gemacht. Vorne in der Gruppe hatten sich behinderte Menschen in Säcke gekleidet und um Almosen gebettelt, während von hinten von selbstbewussten behinderten Menschen "Rechte statt Almosen" gerufen wurde. Die Aktion hat so manche Bürgerinnen und Bürger verunsichert und zum Nachdenken angeregt, denn sie waren wirklich nah dran, "eine milde Gabe" zu geben.

"Mit der 'Jammerstunde' wollen wir einen Rahmen bieten, einmal frei von der Seele über unsere 'Wehwechen' und 'Einschränkungen' mit Spaß frei von der Seele zu jammern. Denn wir müssen ja meist Stärke zeigen, weil viele Menschen uns immer wieder vermitteln, dass sie so nicht leben wollten. Für das 'Gejammer' wird es dann auch kleine Almosen geben. Im zweiten Teil der Performance werden wir dann eine 'Klagewelle' einleiten, die aufzeigt, wo wir durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die noch längst nicht an die UN-Behindertenrechtskonvention angepassten Gesetze behindert werden und was wir dagegen tun können", fasst Ottmar Miles-Paul die Idee der Aktion zusammen.

Vor allem zielt die Aktion jedoch darauf ab, dafür zu werben, dass die Menschenrechte behinderter Menschen unterstützt werden, anstatt den neuen Wein in alten Schläuchen durch Spenden zu fördern, der die Aussonderung behinderter Menschen weiter zementiert. "Gegen Spenden ist nichts einzuwenden - ganz im Gegenteil. Die Leute sollten sich aber ernsthaft überlegen, was sie damit genau unterstützen. Die Förderung von gesellschaftlichen Veränderungen damit behinderte Menschen aus dem Bettelstadium heraus kommen und ihre Assistenz und Unterstützung selbstverständlich finanziert bekommen, ist ein effektiverer Einsatz als das weit verbreitete Almosen- und Aussonderungsdenken zu fördern", so Ottmar Miles-Paul.

Die 'Jammerstunde' mit anschließender 'Klagewelle' findet am Montag, den 30. November, um 15.30 Uhr im freiRAUM des Kasseler Zentrums für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in der Samuel-Beckett-Anlage 6 in Kassel statt. Alle, die Lust und etwas Humor haben, sind herzlich eingeladen.

KASSEL (KOBINET) Kategorien Nachrichten

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