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Pack die Badehose ein

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: hjr

FRANKFURT AM MAIN (KOBINET) Kaum ist Sommer, heißt es: Nix wie weg. Immer schneller, immer weiter. Sommer, Sonne, Strand und Meer. Hauptsache es blaut so schön. Die Deutschen sind Reiseweltmeister und waren es seit den 1950er Jahren - in Ost und West. Sie gaben im letzten Jahr 84 Milliarden Dollar für Urlaubsreisen aus. Wer fragt nach Inklusion und Barrieren?

"Der Tourismus ist eine Industrie mit ihren dazugehörigen Industriegebieten", schrieb die Frankfurter Rundschau vor einer Woche. Vier von zehn Deutschen reisen auch in diesem Jahr wieder zu den Stränden am Mittelmeer. 12,1 Prozent düsen nach Spanien, 8,7 Prozent nach Italien und 6,9 Prozent in die Türkei. Das ist die Rangfolge deutscher Urlaubsziele auf den ersten drei Plätzen, so ergab die  letztjährige Tourismusanalyse der BAT. 37,4 Prozent der Deutschen verbringen ihre Ferien in heimischen Regionen. Dabei liegen Allgäu, Alpen und Ostsee gleichauf, gefolgt von der Nordsee, dem Schwarzwald und dem Bodensee. 20 Prozent der Bundesbürger verzichten auf die Ferienreise, weil ihnen das Geld dazu fehlt.

Aus finanziellen Gründen verlagert sich jedoch allmählich auch der Billigtourismus. Der deutsche Ballermann-Sauftourismus zieht um, von Malle an die bulgarische Schwarzmeerküste. Die ortskundigen Eventscouts schleppen das Partyvolk in die Partyclubs. Malle ist out, die neue Spaß-Location heißt jetzt Bulle, weil dort ein Vollrausch nur die Hälfte kostet. Alles ist in Bulle typisch deutsch: Speisekarte mit allen deutschen Brüh-, Koch- und Bratwurstvarianten mit Senf, deutsches Bier, deutsche DJs, deutsche Schlager, Bierzeltstimmung den ganzen Sommer lang. Die Partyhütte brummt. Das Reisen ist längst zu einer Ware geworden. Freizeitspaß als Komplettangebot: "Sie haben es sich verdient!" Und natürlich ist das Smartphone dabei. Muss das wirklich sein?

Die Tourismusplaner haben in ihren Statistiken festgestellt, dass die deutschen Ballermann-Touristen jedes Jahr ein bisschen weniger Geld ausgeben. Die Billig-Bettenburgen auf Mallorca verschwinden deshalb nach und nach, und die Hotels werden mindestens auf Vier-Sterne-Komfort aufgerüstet.  Längst hat die Gentrifizierung der Reiseziele eingesetzt. "Ist doch ganz hübsch hier, wenn nur nicht die vielen Touristen wären."

Der Gentrifizierungsprozess läuft nach dem gleichen Muster wie in den deutschen Großstädten: Quartiere werden durch ihren Subkulturstatus zunehmend attraktiver und dadurch aufgewertet, Investoren sehen die Chance zur Wertsteigerung, die Immobilien werden aufgekauft und aufpoliert, teure Boutiquen und Schickimickilokale entstehen, die Preise steigen und die Publikumsstruktur wechselt zu Leuten mit mehr Geld. Die Lattemacchiato-Gesellschaft zieht ein. Werden so die schönsten Fleckchen der Erde bald nur noch für Reiche reserviert sein? Klasse statt Masse, das muss man sich leisten können.

Die Exklusivität vertreibt den All-Inclusive-Tourismus von den All-You-Can-Eat-Buffets. Mit Inklusion hat das nichts zu tun. Garnichts. Auch nicht, wenn die Luxushotels meistens die barrierefreiesten sind. Von inklusivem Reisen kann erst dann die Rede sein, wenn alle Menschen überall hin reisen können. Also auch die einheimischen Kellner und Köchinnen aus den Traumstrandländern in der Karibik, aus Marokko und Tunesien ins Sauerland, weil es da auch schön ist, genau wie in der Lüneburger Heide, an der Nord- oder Ostsee, an der Elbe oder am Rhein, im Harz oder auch in Treuenbrietzen, und zwar ohne Zwangsbürgschaften und ohne Reisepass mit Visumzwang, so diskriminierungsfrei und unbehelligt wie die deutschen Touristen. Denn Reisen ist Freiheit, und Freiheit kann niemals eine Einbahnstraße sein.

Ich wünsche gute Erholung.

FRANKFURT AM MAIN (KOBINET) Kategorien Kolumne

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