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Eurobasketball in Frankfurt

Banner der EM Rollstuhl-Basketball
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Foto: Eurobasketball 2013

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Foto: Eurobasketball 2013

FRANKFURT AM MAIN (KOBINET) Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet am Freitag in Frankfurt die Europameisterschaften im Rollstuhl-Basketball. Im Auftaktspiel treffen die deutschen Herren auf Titelverteidiger Großbritannien. Das ist eine Neuauflage des EM-Endspiels von 2011. Von den deutschen Damen wird erwartet, dass sie ihren Titel verteidigen. Sie bestreiten ihr erstes Spiel am Samstag gegen das Team aus Frankreich. Zur Eurobasketball 2013 erhielt kobinet einen Insider-Bericht aus der Medienmannschaft.

Von Frank Heike

Heidi Kirste schickt ihren Sätzen gern ein ansteckendes, lautes Lachen hinterher. Wie sie damals, Ende der Neunziger Jahre, als Exotin im Behinderten-Leistungssport einigen Frauenzeitschriften und Fernsehsendern auf den Leim ging. Und sich auf Homestories einließ. Sie dachte, sie würde aus dem Leben einer Frau erzählen, die sich dem Rollstuhlbasketball verschrieben hat. Doch geschrieben und gedreht werden sollten Mitleids-Geschichten: „So nach dem Motto: die arme Frau im Rollstuhl, jetzt ist das Leben sicher vorbei.“ So etwas würde Heidi Kirste nicht mehr mitmachen, und wenn ihre jungen Rollstuhlbasketballerinnen beim Hamburger SV sie fragen, wie sie den Medien entgegentreten sollen, sagt sie: „Möglichst offen. Aber redet über Sport. Und macht klar, dass die Behinderung ein Teil eures Lebens ist, aber nicht der wichtigste.“

Kirste, Jahrgang 1966, trug im Jahr 2000 die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Sydney; vier Jahre später beendete sie ihre Laufbahn nach 215 Länderspielen. Mit dem aktuellen Bundestrainer der Damen, Holger Glinicki, hat sie noch beim Hamburger SV gespielt, sie sagt: „Holger und ich sind Urgesteine des Rollstuhlbasketballs.“ Nebenbei arbeitet sie als Pressesprecherin des Hamburger Rollstuhlbasketballs; im Hauptberuf vermisst sie beim Hersteller „Meyra“ Rennrollstühle – das passt. So ein Stück kann bis zu 7000 Euro kosten und ist Handarbeit: „Verstellen kann man daran nichts mehr.“

Das große Wort Inklusion geht ihr ganz leicht über die Lippen. Nach einem Reitunfall im Alter von 14 Jahren sitzt sie im Rollstuhl. Immer wieder staunen unkundige Zuschauer, wenn im Spiel Rollstuhlfahrer aus dem Sportgerät springen und dem Ball hinterherlaufen. Im Ligenbetrieb spielen mangels Masse nicht nur Männer und Frauen in einem Team, sondern auch Querschnittgelähmte mit Kreuzbandgeschädigten. Um eine relative Chancengleichheit zu erreichen, bekommt jeder Spieler eine Einstufung: der mit der geringsten Behinderung die höchste, der mit der größten die niedrigste. 14,5 Punkte insgesamt darf eine aus fünf Personen bestehende Mannschaft haben, wenn sie aufs Feld rollt. Für Heidi Kirste ist diese Form des Miteinanders, das seit Jahrzehnten praktiziert wird, ein Segen: „Wir würden sonst gar keine Mannschaften zusammen bekommen. Wir hätten gern noch mehr Geringbehinderte in unserem Sport, weil das automatisch das Niveau hebt.“ Selbst komplett unversehrte Basketballspieler, die nicht mehr spielen können oder wollen, würde Kirste mit Kusshand nehmen. „Dadurch werden auch die Hemmschwellen zwischen Fußgängern und Rollstuhlfahrern geringer.“ Der Rollstuhlbasketball spricht nicht über Inklusion, er lebt sie, und zwar seit Jahrzehnten.

Dass auf der spielbestimmenden Position des Centers bei fast allen Bundesliga-Mannschaften ein nicht- oder geringbehinderter Mann sitzt, kann man kritisieren. Kirste ficht das nicht an: „Unsere Frauenmannschaft profitiert davon. An der Seite solcher Spieler werden sie besser. Davon kann man sich richtig pushen lassen.“ Denn natürlich geht es auch im Rollstuhlbasketball darum: besser werden, bekannter werden. Mehr Geld einspielen.  Die Sportart  professionalisiert sich ständig, längst gibt es auch in der Bundesliga einen schwunghaften Handel mit ausländischen Topspielern. Die Sportwelt im Rollstuhlbasketball ist nicht besser oder schlechter als woanders. Auf dem Weg heraus aus der Mitleidsecke hat man es leichter, wenn das Niveau zunimmt.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Jährlich bekommen die Klassifizierungen ein Update; und in manchen Ländern ist es so, dass jemand, der offensichtlich besser zu Fuß ist als im Jahr zuvor, seine niedrige Einstufung behält. Das erlebe man vor großen Veranstaltungen immer wieder. „Schwarze Schafe gibt es überall“, sagt Heidi Kirste.

Ihr liebster Schützling ist derzeit die Hamburgerin Maya Lindholm. Talentiert, stark in der Offensive. Auch sie gehörte zur Mannschaft, die 2012 in London die Goldmedaille holte. Lindholm lernte als 13-jährige das Rollstuhlbasketballspielen von Kirste. Eigentlich ist das Einstiegsalter 25 bis 35 Jahre. Meistens nach einem Auto-, Reit-  oder Arbeitsunfall. Die Suche nach Talenten ist entsprechend zäh. „Wenn ich in der Nachbarschaft einen jungen Rollstuhlfahrer sehe, verhafte ich ihn sofort für unsere Sportart“, sagt Heidi Kirste. So war es auch bei Maya Lindholm. Ein entzündlicher Prozess im Rücken mit Lähmungen in den Beinen brachte sie vor zehn Jahren in den Rollstuhl. Der Sport gebe ihr sehr viel, sagt Maya Lindholm: „Ich hab mir gerade die Schatulle mit der Medaille wieder angesehen. Ich musste erstmal den Staub runterpusten. Dieses Erlebnis in London hat mich persönlich total gestärkt“, schwärmt sie. Gerne würde Maya Lindholm bei der am Samstag beginnenden EM in Frankfurt an den großen Erfolg anknüpfen – Titelverteidiger Deutschland ist der Favorit. Zu ihrer Behinderung sagt sie: „Das ist mein Leben.  Ich will das nicht so hoch hängen. Mein Vorbild ist da der Bundestrainer. Der lebt einem die totale Normalität vor.“

Dem 59 Jahre alten Bundestrainer Glinicki kann man ohnehin nichts vormachen in Sachen Rollstuhlbasketball, und auch zum großen Thema Inklusion hat er eine entspannte Haltung. „Wenn wir mit der Bahn zu Auswärtsspielen fahren, hat es einen praktischen Vorteil, die Fußgänger dabei zu haben – sie können unsere Rollstühle einladen“, sagt Glinicki. Seine Mundwinkel zucken dabei kein bisschen. War ja auch nicht als Scherz gemeint.