
Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) In seinem öffentlichen Vortrag zur Entgegennahme des Kyoto-Preises im November 2004 verknüpft Habermas werkgeschichtliche und autobiographische Fäden. Seine Rede ist unter dem Titel "Öffentlicher Raum und politische Öffentlichkeit" – lebensgeschichtliche Wurzel von zwei Gedankenmotiven – in dem Suhrkamp-Band "Zwischen Naturalismus und Religion, philosophische Aufsätze" (Frankfurt a.M. 2005) abgedruckt. Aus dieser Ausgabe zitiere ich im folgenden Seite 15 ff.
Nach ein paar einleitenden Bemerkungen zum Verhältnis von Werk und Leben bei Philosophen im allgemeinen kommt Habermas bereits auf den Zusammenhang zwischen Lebensgeschichte und Theorie- oder Werkgenese bei sich selber zu sprechen: “ Jede Obsession“ – jedes leidenschaftliche Ergriffensein von einer Sache also – „hat lebensgeschichtliche Wurzeln.“ Für seine Interessen seien vier Erfahrungen relevant gewesen, bei zweien davon geht es um eigene Krankheits- und Behinderungserfahrungen. „Nach der Geburt und in der frühen Kindheit war ich von der traumatischen Erfahrung verschiedener medizinischer Eingriffe betroffen. Krankheitserfahrungen finden sich ja im Lebenslauf vieler Philosophen. Aus der Zeit nach der Einschulung erinnere ich mich an die Erfahrung von Kommunikationsschwierigkeit und Kränkungen infolge von meiner Behinderung.“ Bei dieser Behinderung handelt es sich um eine Gaumen- oder Kieferspalte (im Volksmund Hasenscharte genannt), die Habermas ein Leben lang beim Sprechen und Artikulieren behindert bzw. beeinträchtigt hat.
Wir Menschen sind einer vom anderen abhängig
Die erste seiner zwei (krankheits- bzw. behinderungsbedingten) frühen lebensgeschichtlichen Einsichten (von Grundintuitionen spricht Habermas) besagt: Abhängigkeit und nicht Autonomie ist die basale Tatsache allen menschlichen Lebens sowie des gesellschaftlichen Zusammenlebens. – Diese soziale Grundtatsache und prinzipielle Voraussetzung jedes individuellen menschlichen Daseins verlieren Nichtbehinderte häufiger und leichter aus dem Blick, indem sie sich weitgehend oder gar grundsätzlich unabhängig oder autonom wähnen. Im Unterschied zu chronisch Kranken und behinderten Menschen, die viel unmittelbarer und beinahe durchgängig von anderen abhängig sind, angewiesen auf deren Zuwendung, Hilfe und Unterstützung. Und oft genug wird ihnen diese Abhängigkeit als ein Mangel oder eine Entzugserfahrung schmerzlich bewusst.
Über die ihm biographisch früh zuteil gewordene und sein theoretisches Interesse lebenslänglich leitende „Intuition der tiefreichenden reziproken Abhängigkeit des einen vom anderen“ sagt Habermas unter anderen: „zunächst also die frühe Kindheit mit einer Operation unmittelbar nach der Geburt. Ich glaube nicht, dass dieser Eingriff, was nahe läge, mein Vertrauen in die Umwelt nachhaltig erschüttert hat. Aber diese Intervention könnte das Gefühl der Abhängigkeit und den Sinn für die Relevanz des Umgangs mit anderen geweckt haben. Später wurde jedenfalls die soziale Natur des Menschen zu einem Ausgangspunkt meiner philosophischen Überlegungen.“ Diese kommen zu dem Ergebnis: „Was den Menschen auszeichnet sind nicht die Formen geselligen Zusammenlebens überhaupt. Um das besondere an der sozialen Natur des Menschen zu erkennen, muss man die berühmte Formulierung von Aristoteles, wonach der Mensch ein zoon politikon ist, wörtlich übersetzen, der Mensch ist ein politisches, d.h. im öffentlichen Raum existierendes Tier. Genauer müsste es heißen, der Mensch ist ein Tier, das dank seiner originären Einbettung in ein öffentliches Netzwerk sozialer Beziehungen erst die Kompetenzen entwickelt, die ihn zur Person machen.“ Verglichen mit der biologischen Ausstattung der Neugeborenen irgendeiner sonstigen Art von Lebewesen zeigt sich, „dass keine andere Spezies so unfertig und hilflos auf die Welt und auf eine ähnlich lange Aufzuchtperiode im Schutze der Familie und einer öffentlichen, von Artgenossen intersubjektiv geteilten Kultur angewiesen ist, wie der Mensch. Wir Menschen lernen voneinander und das ist nur im öffentlichen Raum eines kulturell anregenden Milieus möglich.“
Und weiter seine Behinderung betreffend: „Als sich jene erste Gaumenoperation mit fünf Jahren, also bei inzwischen erwachtem Gedächtnis wiederholte, hat sie das Bewusstsein einer tiefreichenden Abhängigkeit des einen vom anderen gewiss verschärft. Jedenfalls hat mich diese Sensibilisierung beim Nachdenken über die soziale Natur des Menschen zu jenen philosophischen Ansätzen hingeführt, die jene Intersubjektivität des menschlichen Geistes betonen.“
Die Sprache erzeugt durch zwischenmenschliche Kommunikation erst unser jeweiliges Selbst
Ich zitiere abermals aus dem Vortrag von Habermas: „Mir hat es nie eingeleuchtet, dass das Phänomen des Selbstbewusstseins etwas Ursprüngliches sein soll. Werden wir uns nicht erst in den Blicken, die ein anderer auf uns wirft, unserer selbst bewusst? In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst. Die subjektivierenden Blicke des anderen haben eine individuierende Kraft.
Und weiter über den Einfluss seiner Behinderung: „Der sprachphilosophische Ansatz und die Moraltheorie, die ich in diesem Rahmen entwickelt habe, könnten durch zwei Erfahrungen inspiriert worden sein, mit denen ich als Schulkind konfrontiert worden bin: dass andere mich nicht verstanden (a) und darauf mit Ablehnung reagiert haben (b). Ich erinnere mich der Schwierigkeiten, als ich mich mit einer Nasalierung und einer verzerrten Artikulation, die mir selbst gar nicht bewusst waren, in der Klasse und auf dem Schulhof verständlich machen machen musste. Ich trat über die Grenzen der Familie und der vertrauten Umgebung hinaus und musste mich in einem gewissermaßen anonymen Raum behaupten.“ (Fortsetzung in Teil 2)




