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Eine friedliche Welt, nicht von dieser Welt

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
Willi's Blick zur Weihnacht hält in der Dunkelheit der Zeit Ausschau nach "guten Mächten" des Lichts!
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) In dieser sich verfinsternden Welt, seitens ihrer politischen Großmächte, besteht keine Aussicht auf friedliche Weihnacht. Wie auch, wenn sogar die sich aufstellende Großmacht Europa als selbst erklärte "Großmacht der Werte und der Moral" zu ihrer Verteidigung auf Abschreckung durch Massenvernichtung setzt. Und sich mit dieser Bereitschaft zur kriegerischen Massentötung mit der "zu bekämpfenden Macht des Bösen" gleichsam komplizenhaft auf eine Stufe stellt. In diesem unfriedlichen Geist, mit dieser feindseligen Mentalität, ist die persönliche Erfahrung, ein inneres Empfangen der weihnachtlichen Botschaft, unmöglich: "Euch ist ein Kind geboren, der Heiland …"

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“, doch wie?

Die „guten Mächte“ des evangelischen Theologen und zivilen Widerständlers gegen den Nationalsozialismus Dietrich Bonhoeffer haben nicht nur nichts gemein mit den politischen Großmächten unserer Zeit, „dieser Fürsten der Finsternis“, sie stehen vielmehr für das „Ganz Andere“ (theologisch-philosophisch das „totaliter aliter“). Diese Fürsten der Finsternis, die uns sozusagen als Staatsbürger in Geiselhaft nehmen. Kann es in dieser „babylonischen Gefangenschaft“ überhaupt eine persönliche Erfahrung von Bonhoeffers „gute Mächten“, dieses „Ganz Anderen“ geben? Könnte dennoch so etwas wie eine innere Empfänglichkeit entstehen und auf welche Weise?

Für den Protestanten Bonhoeffer war es das „Gebet der Stille“. Ich nenne es einmal so, um den Unterschied zum Wunscherfüllungsbeten zu bezeichnen, „lieber Gott mach …“. Zum Beispiel, dass es gelingen möge „uns besser zu bewaffnen als Autokratien“ (Kanzler Merz) und so wenigstens künftig Aussicht auf friedliche Weihnacht besteht. Ich weiß nicht, ob Gläubige in evangelischen Weihnachtsgottesdiensten so beten werden, lese ich die verteidigungspolitisch aktualisierte Friedensdenkschrift ihrer Kirche, so würde es mich jedenfalls nicht überraschen.

„Dein Licht scheint in der Nacht“, spricht hingegen der betende Bonhoeffer zu seinem personalen Gott und „wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet …“ Im stillen Beten wird eine andere Welt erfahrbar als die der „Dunkelheit“, wie sie auch zu Bonhoeffers Zeit von den politischen Mächten vor allem ausging. Dass sich im Gebet der Stille jene andere Welt der „guten Mächte“ offenbart, kommt einem Wunder gleich; denn diese noch in größter existenzieller Not und Bedrohung tragende und tröstende Erfahrung des Von-guten Mächten-wunderbar-geborgen-Seins entzieht sich verstandesmäßiger Herleitung oder Begründbarkeit.

Auch die „friedliche Weihnacht“ – das hört sich jetzt vielleicht hochtrabend an, aber so verstehe ich Bonhoeffers Worte – muss einem zuerst zum inneren Erlebnis werden, ehe etwas von ihrer Lichterfahrung nach außen strahlen kann in das von den politischen Großmächten verbreitete Dunkel. Ob ein von diesem inneren Licht erleuchtetes Handeln etwas im Dunkel dieser unheilen Welt auszurichten vermag, schwer zu sagen, eine leise Hoffnung auf alle Fälle.

Nicht in Gedanken verlieren, nur dem Ein- und Ausatem folgen

Bis in Geist und Seele sich die Wogen glätten und eine wohltuende Ruhe einkehrt.
Meine zenbuddhistische Meditationsübung – still dasitzen, atmen und die Gedanken vorüberziehen lassen – ist eine Bonhoeffers christlichem Gebet der Stille analoge, der geistigen Erlebnisqualität nach vergleichbare mentale Praxis von „peace of mind“. Das fürs tägliche Leben in dieser Welt der unguten Mächte so typische Enge- und Angstgefühl weicht beim Meditieren dem befreienden Empfinden „offener Weite“ (so der Zen-Stammvater Bodhidharma, ähnlich der im Gebet „sich unsichtbar um uns weitenden Welt“ Bonhoeffers). Unser schlichtes Wort „Frieden“ charakterisiert wohl am treffensten die innere Stilleerfahrung im Zustand tiefer Meditation. Mit diesem Frieden, dieser Weihnacht im Inneren, geht auch für Meditierende die Empfindung einher „von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Mit der meditativen Praxis und ihrer Erfahrung unvereinbar für mich ist ein politisches Bestreben, im Äußeren Frieden durch Abschreckung herstellen zu wollen. Es sei denn, ich machte mich zu einem „Schizo“, was ich nicht vorhabe.

In diesem Sinne wünsche ich der kobinet-Leserschaft eine friedliche Weihnacht.

P.S. Die Stimme eines Psychoanalytikers aus der Ukraine
https://www.deutschlandfunk.de/ukraine-weihnachten-im-krieg-hoffnung-auf-frieden-jurko-prochasko-essayist-100.html