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Grenzverletzungen der „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ – Karsten Krampitz Roman über die Krüppelkommune von Hartroda

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Cover des Roman: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Cover des Roman: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Foto: EDITION NAUTILUS

Mainz / Vallendar (kobinet) Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit. Matthias Rösch und Sandra Niggemann haben den Roman "Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung" gelesen, waren bei einer Lesung in Frankfurt und haben nun hierzu folgende Rezension für die kobinet-nachrichten verfasst:

Grenzverletzungen der „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ – Karsten Krampitz Roman über die Krüppelkommune von Hartroda

Rezension von Matthias Rösch und Sandra Niggemann

Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit.

Krampitz selbst ist Journalist und Historiker, hat einen neuen Roman vorgelegt – fünf Jahre lang habe er an diesem Werk gearbeitet, erzählt er uns in Frankfurt nach seiner Lesung. Und mit kindlichem Erstaunen registriert er, dass all seine Bücher vor Ort bereits ausverkauft sind. Das macht ihn sympathisch. Zwar sei es anstrengend gewesen, das Schreiben, so Krampitz, aber seine Augen leuchten, die literarische Arbeit an diesem Buch hat ihm Freude gemacht und das merkt man dem Roman durchweg an.

„Wir akzeptieren die uns gesetzte Grenze nicht!“ so das Manifest der Krüppelkommune. Vier junge Menschen mit Behinderungen in den 1970er Jahren in der DDR, die Ärzte geben ihnen nicht länger als 15 bis 20 Jahre zu leben, ziehen aus dem Heim aus, legen Pflegegeld und Rente zusammen, tun sich mit Latschern (Fußgänger*innen) zusammen, besorgen sich ein altes Pfarrhaus von der Kirche und gründen die „christliche Bruder- und Schwesternschaft von Hartroda“. Doch was nach religiöser Abgeschiedenheit klingt, ist ein Ort der Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Ort, an dem gefeiert wird, an dem die Bluesrock-Band Mischpoke in der Dorfkirche spielt. Ein Ort, an dem im „Bibelkreis“ frei gesprochen und diskutiert wird. Ein Ort, an dem sich Hippies, Punks, Existentialisten und christliche Jugendgruppen treffen. Ein Ort, an dem Menschen mit Behinderungen außerhalb vom Heim selbstbestimmt leben, ihre Assistenz durch Mitbewohner*innen gegeben wird. „Dies. Und Paradies“ eine Songzeile, die immer wieder in dem Roman von Karsten Krampitz auftaucht, beschreibt diesen Ort.

Ein Mann erzählt die Geschichten, ein Umstand, der klar benannt werden sollte, so Sandra Niggemann und damit auch seine männliche Perspektive, die spannend ist. Und die Erzählung betrachtet vornehmlich Menschen mit Körperbehinderungen, so wie eine Vielzahl der Aktivistinnen in der damaligen Behindertenbewegung im Westen sowohl männlich als auch körperbehindert waren. Der Roman erzählt die Geschichte von Gruns, dem Spiritus Rector, dem Prediger, dem mit Muskeldystrophie kein langes Leben vorhergesagt wird. Von Bernd Mozek, dem zurückgezogen lebenden Fernschachspieler, dem treuen Begleiter und Assistenten an der Seite von Gruns. Von der Band Mischpoke, die sich in dem staatlich regulierten Kulturbetrieb durchschlägt und mit ihren Auftritten in der DDR Teil einer alternativen Musikszene ist. Und die Liebesgeschichte von Schlotter und Lena, der Schwester von Gruns, ebenfalls mit einer Muskeldystrophie. Die sich in der Kommune kennenlernen, heiraten, gemeinsam Merchandising von Stones-Zungen und anderen Aufnähern betreiben. An dieser Stelle hat sich Sandra Niggemann zum ersten Mal gewünscht, dass auch eine Frau die Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählt, nicht nur Karsten Krampitz. Dass sie zukünftig in Romanen auch diversen Behinderungsbildern begegnet. Sie hofft, dass auch Frauen selbstbewusst zur Feder greifen, sich als Autorinnen zur Wort melden, Geschichten aus vielfältigen Perspektiven heraus erzählen.

Der Autor Krampitz schreibt in dem Roman immer wieder wundervolle Sätze, charmant und ironisch führt er durch die Geschichten. Damals wie heute beschreibt er die Zweifel der Verwaltung mit den folgenden Fragen: „Wie soll das gehen, wer soll das machen, wer soll das bezahlen“, Fragen, die die Bürokratie aufwirft und gleichzeitig das Leben in der Krüppelkommune Hartroda zweifelnd in Frage stellt. Und dann wieder so ein wunderbarer Satz von Krampitz: „Revolutionen werden in der Provinz geboren“ und dafür steht die legendäre Krüppelkommune Hartroda. Denn es hat sie zweifellos und tatsächlich gegeben, Karsten Krampitz erzählt nach der Vorlage von Matthias Vernaldi nicht ganz erfunden, aber frei die Geschichten. Und verwebt einen historischen Hintergrund, den es tatsächlich ebenfalls so gegeben hat, in die tragische Romanfigur Mozek. Verdient hat er deshalb auch den Matthias-Vernarldi-Preis für diesen Roman erhalten.

Krampitz erzählt von den Veränderungen, wenn sich die Grenzen öffnen, welche Umbrüche daraus resultieren. Viele der Latscher verabschieden sich in den Westen, dadurch gerät die Gemeinschaft, die auch die Assistenz sicherstellt, ins Wanken. Die Grenzen der Körperlichkeit, durch die Behinderung werden deutlich. Misstrauen tritt auf, weil in den Stasiakten dokumentiert und auf einmal offen ist, wie sehr der Staat Kontrolle ausübt. Wie der eigene Arzt, die Mitarbeiterin in der Kirchenverwaltung, die Schlagzeugerin der Punkband und sogar der Wegbegleiter Mozek als IM Grenzer mit der Stasi zusammengearbeitet haben. Persönliche Schicksalsschläge kommen dazu, Schlotter und Lena müssen sich verabschieden, weil Lena stirbt. Gruns will aus der Kommune im Pfarrhaus in ein barrierefreies Hotel umbauen und entdeckt auf seinen Touren in den Westen den zweiten großen Umbruch in seinem Leben: Liebe und Sexualität, die seine körperlichen Grenzen verschieben. Dieser Aspekt eines Mannes mit Behinderung, in seiner ganzen Körperlichkeit, seinen Bedürfnissen nach Sexualität wahrgenommen zu werden und nicht auf das Intellektuelle reduziert zu werden, findet Matthias Rösch bemerkenswert. Und es erklärt das Engagement von Matthias Vernaldi für Sexarbeiter*innen, als Model mit Behinderung und in seinem Verein Sexybilities. Der Roman hört dort auf, wo die Öffnung der Grenze das Ende der Kommune von Hartroda bedeutet.

Nicht alles haben wir hier an dieser Stelle erzählt, es ist unglaublich, wieviel Geschichten und eine nach der anderen von Krampitz erzählt werden. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, den braucht es aber auch nicht, wer sich für die Geschichte der DDR interessiert vor dem Hintergrund, was diese auch für das Leben der Menschen mit Behinderungen konkret bedeutete.

Der Roman „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ ist in der Edition Nautilus erschienen, hat 200 Seiten und kostet 22 €.

ISBN: 978-3-96054-469-2

https://edition-nautilus.de/programm/gesellschaft-mit-beschraenkter-hoffnung/