Mainz / Vallendar (kobinet)
Sie suchen ein Geschenk für Weihnachten?
Dann können Sie ein Buch kaufen.
Das Buch ist besonders.
Es ist ein Roman.
Das ist eine erfundene Geschichte in Buch-Form.
Karsten Krampitz hat den Roman geschrieben.
Das Buch heißt: Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung.
Das Buch erzählt von der DDR.
Früher war Deutschland geteilt in West und Ost.
Ost-Deutschland hieß: DDR.
Was steht in dem Buch?
Matthias Rösch hat das Buch gelesen.
Sandra Niggemann hat das Buch auch gelesen.
Sie haben eine Lesung besucht.
Der Autor liest laut aus seinem Buch vor.
Die Lesung war in Frankfurt.
Jetzt erzählen sie von dem Buch.
Wer ist der Autor?
Karsten Krampitz ist Journalist.
Er schreibt Texte.
Zum Beispiel für Zeitungen.
Karsten Krampitz ist auch Historiker.
Er erforscht die Vergangenheit.
Er findet heraus: Was ist früher passiert.
Er hat 5 Jahre an dem Buch gearbeitet.
Das Schreiben war anstrengend.
Aber es hat ihm Freude gemacht.
Das merkt man beim Lesen.
Worum geht es in dem Buch?
Das Buch erzählt von 4 jungen Menschen.
Sie haben Behinderungen.
Sie leben in den 1970er Jahren.
Sie leben in der DDR.
Die Ärzte sagen: Sie werden nicht alt.
Sie werden nur 15 bis 20 Jahre alt.
Die 4 Menschen ziehen aus dem Heim aus.
Sie legen ihr Geld zusammen.
Die Krüppel-Kommune
Die 4 Menschen bekommen ein altes Pfarr-Haus.
Das ist ein Haus.
Dort wohnt der Pfarrer.
Oder die Pfarrerin wohnt dort.
Das Pfarr-Haus ist in Hartroda.
Hartroda ist ein kleiner Ort.
Die 4 Menschen nennen sich: Christliche Bruder-Schaft.
Und: Christliche Schwester-Schaft.
Aber sie leben nicht streng religiös.
Und sie leben nicht abgeschieden.
Das heißt: Weit weg von anderen Menschen.
Sie nennen das Projekt auch: Krüppel-Kommune.
Krüppel ist ein altes Wort.
Das Wort meint: Menschen mit Behinderungen.
Heute sagen wir das nicht mehr.
Das Wort ist nicht respektvoll.
Die Kommune ist ein Ort der Freiheit.
Die Menschen bestimmen selbst über ihr Leben.
Was passiert in der Kommune?
In der Kommune wird viel gefeiert.
Die Band Mischpoke spielt dort.
Sie spielen Blues-Rock Musik.
Das ist eine Musik-Richtung.
Die Musik klingt traurig und kraftvoll.
Es gibt einen Bibel-Kreis.
Das ist eine Gruppe.
Die Menschen treffen sich.
Sie lesen zusammen die Bibel.
Dort sprechen die Menschen frei.
Sie diskutieren über alles.
Viele verschiedene Menschen treffen sich dort:
Hippies sind Menschen mit einer besonderen Lebens-Weise.
Sie wollen Frieden und Freiheit für alle.
Punks sind junge Menschen.
Sie haben oft bunte Haare.
Sie wollen frei leben.
Sie wollen selbst entscheiden.
Die Menschen mit Behinderungen leben selbst-bestimmt.
Du entscheidest für dich selbst.
Niemand anderes entscheidet für dich.
Andere Bewohner helfen ihnen.
Das nennt man heute: Assistenz.
Die Assistenz hilft anderen Menschen im Alltag.
Welche Menschen kommen im Buch vor?
Das Buch erzählt von verschiedenen Menschen.
Gruns ist eine wichtige Person.
Gruns ist der Prediger.
Gruns hat eine Muskel-Krankheit.
Die Krankheit heißt: Muskel-Dystrophie.
Das bedeutet: Die Muskeln werden schwächer.
Bernd Mozek ist auch wichtig.
Bernd Mozek spielt Fern-Schach.
2 Menschen spielen Schach.
Aber sie sind an verschiedenen Orten.
Bernd Mozek hilft Gruns.
Die Band Mischpoke spielt Musik.
Sie haben es schwer in der DDR.
Der Staat kontrolliert die Kultur.
Eine Liebes-Geschichte
Schlotter und Lena verlieben sich.
Lena ist die Schwester von Gruns.
Lena hat auch Muskel-Dystrophie.
Sie lernen sich in der Kommune kennen.
Sie heiraten.
Sie verkaufen Aufnäher von Bands.
Zum Beispiel: Von den Rolling Stones.
Wie ist das Buch geschrieben?
Ein Mann erzählt die Geschichten.
Das ist wichtig zu wissen.
Es ist eine männliche Sicht.
Im Buch geht es vor allem um Körper-Behinderungen.
Sandra Niggemann findet das manchmal schade.
Sie wünscht sich auch Geschichten von Frauen.
Sie wünscht sich auch andere Behinderungen.
Der Schreib-Stil
Karsten Krampitz schreibt wundervolle Sätze.
Karsten Krampitz schreibt charmant.
Karsten Krampitz schreibt ironisch.
Das heißt: Mit einem Augenzwinkern.
Man meint etwas nicht ganz ernst.
Ein schöner Satz aus dem Buch ist:
Revolutionen werden in der Provinz geboren.
Provinz bedeutet: Auf dem Land.
Weit weg von der großen Stadt.
Das stimmt für die Kommune Hartroda.
Die Kommune hat es wirklich gegeben.
Karsten Krampitz hat die Geschichten nacherzählt.
Manche Dinge hat Karsten Krampitz frei erfunden.
Aber vieles ist wirklich passiert.
Was passiert nach der Wende?
Eine Trend-wende ist eine Änderung.
Die Richtung wird anders.
Die Wende bedeutet hier: Die Grenze öffnet sich.
Die DDR endet.
Viele Menschen gehen in den Westen.
Die Kommune gerät in Schwierigkeiten.
Es gibt nicht mehr genug Helfer.
Die Menschen mit Behinderungen brauchen aber Hilfe.
Die Stasi-Akten
Stasi war die Geheim-polizei in der DDR.
Die Stasi hat Menschen überwacht und bespitzelt.
Die Stasi hat viele Menschen beobachtet.
Nach der Wende können alle die Akten lesen.
Die Menschen erfahren etwas Schlimmes:
Viele haben mit der Stasi zusammen-gearbeitet.
Zum Beispiel:
Das macht viele Menschen traurig.
Das macht viele Menschen wütend.
Persönliche Schicksale
Lena stirbt.
Schlotter ist sehr traurig.
Gruns will das Pfarr-Haus umbauen.
Es soll ein Hotel werden.
Ein barriere-freies Hotel.
Es gibt keine Hindernisse.
Alle Menschen können überall hin.
Gruns reist in den Westen.
Dort erlebt Gruns etwas Neues:
Gruns entdeckt Liebe.
Gruns entdeckt Sexualität.
Ein wichtiges Thema
Matthias Rösch findet das bemerkenswert.
Das Buch zeigt etwas Wichtiges:
Männer mit Behinderungen haben Bedürfnisse.
Sie wollen auch Sexualität erleben.
Sie sind nicht nur intellektuell.
Das bedeutet: Klug und nachdenklich.
Sie haben auch einen Körper.
Sie haben auch Gefühle.
Das ist wichtig zu zeigen.
Wie endet das Buch?
Das Buch endet mit der Wende.
Die Grenze öffnet sich.
Die Kommune von Hartroda endet.
Was macht das Buch besonders?
Das Buch erzählt viele Geschichten.
Eine Geschichte folgt der anderen.
Es gibt keinen Spannungs-Bogen.
Das heißt: Eine durchgehende Spannung im ganzen Buch.
Aber das braucht das Buch auch nicht.
Das Buch ist interessant für Menschen.
Diese Menschen wollen wissen:
Wie war das Leben in der DDR?
Wie war das Leben für Menschen mit Behinderungen?
Wo kann man das Buch kaufen?
Das Buch heißt: Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung.
Das Buch ist im Verlag Edition Nautilus erschienen.
Das Buch hat 200 Seiten.
Das Buch kostet 22 Euro.
Die ISBN ist eine Nummer auf einem Buch.
An der Nummer erkennst du das Buch.

Foto: EDITION NAUTILUS
Mainz / Vallendar (kobinet) Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit. Matthias Rösch und Sandra Niggemann haben den Roman "Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung" gelesen, waren bei einer Lesung in Frankfurt und haben nun hierzu folgende Rezension für die kobinet-nachrichten verfasst:
Grenzverletzungen der „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ – Karsten Krampitz Roman über die Krüppelkommune von Hartroda
Rezension von Matthias Rösch und Sandra Niggemann
Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit.
Krampitz selbst ist Journalist und Historiker, hat einen neuen Roman vorgelegt – fünf Jahre lang habe er an diesem Werk gearbeitet, erzählt er uns in Frankfurt nach seiner Lesung. Und mit kindlichem Erstaunen registriert er, dass all seine Bücher vor Ort bereits ausverkauft sind. Das macht ihn sympathisch. Zwar sei es anstrengend gewesen, das Schreiben, so Krampitz, aber seine Augen leuchten, die literarische Arbeit an diesem Buch hat ihm Freude gemacht und das merkt man dem Roman durchweg an.
„Wir akzeptieren die uns gesetzte Grenze nicht!“ so das Manifest der Krüppelkommune. Vier junge Menschen mit Behinderungen in den 1970er Jahren in der DDR, die Ärzte geben ihnen nicht länger als 15 bis 20 Jahre zu leben, ziehen aus dem Heim aus, legen Pflegegeld und Rente zusammen, tun sich mit Latschern (Fußgänger*innen) zusammen, besorgen sich ein altes Pfarrhaus von der Kirche und gründen die „christliche Bruder- und Schwesternschaft von Hartroda“. Doch was nach religiöser Abgeschiedenheit klingt, ist ein Ort der Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Ort, an dem gefeiert wird, an dem die Bluesrock-Band Mischpoke in der Dorfkirche spielt. Ein Ort, an dem im „Bibelkreis“ frei gesprochen und diskutiert wird. Ein Ort, an dem sich Hippies, Punks, Existentialisten und christliche Jugendgruppen treffen. Ein Ort, an dem Menschen mit Behinderungen außerhalb vom Heim selbstbestimmt leben, ihre Assistenz durch Mitbewohner*innen gegeben wird. „Dies. Und Paradies“ eine Songzeile, die immer wieder in dem Roman von Karsten Krampitz auftaucht, beschreibt diesen Ort.
Ein Mann erzählt die Geschichten, ein Umstand, der klar benannt werden sollte, so Sandra Niggemann und damit auch seine männliche Perspektive, die spannend ist. Und die Erzählung betrachtet vornehmlich Menschen mit Körperbehinderungen, so wie eine Vielzahl der Aktivistinnen in der damaligen Behindertenbewegung im Westen sowohl männlich als auch körperbehindert waren. Der Roman erzählt die Geschichte von Gruns, dem Spiritus Rector, dem Prediger, dem mit Muskeldystrophie kein langes Leben vorhergesagt wird. Von Bernd Mozek, dem zurückgezogen lebenden Fernschachspieler, dem treuen Begleiter und Assistenten an der Seite von Gruns. Von der Band Mischpoke, die sich in dem staatlich regulierten Kulturbetrieb durchschlägt und mit ihren Auftritten in der DDR Teil einer alternativen Musikszene ist. Und die Liebesgeschichte von Schlotter und Lena, der Schwester von Gruns, ebenfalls mit einer Muskeldystrophie. Die sich in der Kommune kennenlernen, heiraten, gemeinsam Merchandising von Stones-Zungen und anderen Aufnähern betreiben. An dieser Stelle hat sich Sandra Niggemann zum ersten Mal gewünscht, dass auch eine Frau die Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählt, nicht nur Karsten Krampitz. Dass sie zukünftig in Romanen auch diversen Behinderungsbildern begegnet. Sie hofft, dass auch Frauen selbstbewusst zur Feder greifen, sich als Autorinnen zur Wort melden, Geschichten aus vielfältigen Perspektiven heraus erzählen.
Der Autor Krampitz schreibt in dem Roman immer wieder wundervolle Sätze, charmant und ironisch führt er durch die Geschichten. Damals wie heute beschreibt er die Zweifel der Verwaltung mit den folgenden Fragen: „Wie soll das gehen, wer soll das machen, wer soll das bezahlen“, Fragen, die die Bürokratie aufwirft und gleichzeitig das Leben in der Krüppelkommune Hartroda zweifelnd in Frage stellt. Und dann wieder so ein wunderbarer Satz von Krampitz: „Revolutionen werden in der Provinz geboren“ und dafür steht die legendäre Krüppelkommune Hartroda. Denn es hat sie zweifellos und tatsächlich gegeben, Karsten Krampitz erzählt nach der Vorlage von Matthias Vernaldi nicht ganz erfunden, aber frei die Geschichten. Und verwebt einen historischen Hintergrund, den es tatsächlich ebenfalls so gegeben hat, in die tragische Romanfigur Mozek. Verdient hat er deshalb auch den Matthias-Vernarldi-Preis für diesen Roman erhalten.
Krampitz erzählt von den Veränderungen, wenn sich die Grenzen öffnen, welche Umbrüche daraus resultieren. Viele der Latscher verabschieden sich in den Westen, dadurch gerät die Gemeinschaft, die auch die Assistenz sicherstellt, ins Wanken. Die Grenzen der Körperlichkeit, durch die Behinderung werden deutlich. Misstrauen tritt auf, weil in den Stasiakten dokumentiert und auf einmal offen ist, wie sehr der Staat Kontrolle ausübt. Wie der eigene Arzt, die Mitarbeiterin in der Kirchenverwaltung, die Schlagzeugerin der Punkband und sogar der Wegbegleiter Mozek als IM Grenzer mit der Stasi zusammengearbeitet haben. Persönliche Schicksalsschläge kommen dazu, Schlotter und Lena müssen sich verabschieden, weil Lena stirbt. Gruns will aus der Kommune im Pfarrhaus in ein barrierefreies Hotel umbauen und entdeckt auf seinen Touren in den Westen den zweiten großen Umbruch in seinem Leben: Liebe und Sexualität, die seine körperlichen Grenzen verschieben. Dieser Aspekt eines Mannes mit Behinderung, in seiner ganzen Körperlichkeit, seinen Bedürfnissen nach Sexualität wahrgenommen zu werden und nicht auf das Intellektuelle reduziert zu werden, findet Matthias Rösch bemerkenswert. Und es erklärt das Engagement von Matthias Vernaldi für Sexarbeiter*innen, als Model mit Behinderung und in seinem Verein Sexybilities. Der Roman hört dort auf, wo die Öffnung der Grenze das Ende der Kommune von Hartroda bedeutet.
Nicht alles haben wir hier an dieser Stelle erzählt, es ist unglaublich, wieviel Geschichten und eine nach der anderen von Krampitz erzählt werden. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, den braucht es aber auch nicht, wer sich für die Geschichte der DDR interessiert vor dem Hintergrund, was diese auch für das Leben der Menschen mit Behinderungen konkret bedeutete.
Der Roman „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ ist in der Edition Nautilus erschienen, hat 200 Seiten und kostet 22 €.
ISBN: 978-3-96054-469-2
https://edition-nautilus.de/programm/gesellschaft-mit-beschraenkter-hoffnung/

Foto: EDITION NAUTILUS
Mainz / Vallendar (kobinet) Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit. Matthias Rösch und Sandra Niggemann haben den Roman "Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung" gelesen, waren bei einer Lesung in Frankfurt und haben nun hierzu folgende Rezension für die kobinet-nachrichten verfasst:
Grenzverletzungen der „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ – Karsten Krampitz Roman über die Krüppelkommune von Hartroda
Rezension von Matthias Rösch und Sandra Niggemann
Wer noch auf den letzten Metern ein Geschenk sucht, kann einen besonderen Roman unter den Weihnachtsbaum legen. Gerade in Zeiten, wo viele Grenzen überschritten werden, bietet der Roman von Karsten Krampitz einen inspirativen Resonanzraum, ein Feuerwerk von Geschichten aus dem Leben der geschichtsträchtigen Zeit der DDR-Vergangenheit.
Krampitz selbst ist Journalist und Historiker, hat einen neuen Roman vorgelegt – fünf Jahre lang habe er an diesem Werk gearbeitet, erzählt er uns in Frankfurt nach seiner Lesung. Und mit kindlichem Erstaunen registriert er, dass all seine Bücher vor Ort bereits ausverkauft sind. Das macht ihn sympathisch. Zwar sei es anstrengend gewesen, das Schreiben, so Krampitz, aber seine Augen leuchten, die literarische Arbeit an diesem Buch hat ihm Freude gemacht und das merkt man dem Roman durchweg an.
„Wir akzeptieren die uns gesetzte Grenze nicht!“ so das Manifest der Krüppelkommune. Vier junge Menschen mit Behinderungen in den 1970er Jahren in der DDR, die Ärzte geben ihnen nicht länger als 15 bis 20 Jahre zu leben, ziehen aus dem Heim aus, legen Pflegegeld und Rente zusammen, tun sich mit Latschern (Fußgänger*innen) zusammen, besorgen sich ein altes Pfarrhaus von der Kirche und gründen die „christliche Bruder- und Schwesternschaft von Hartroda“. Doch was nach religiöser Abgeschiedenheit klingt, ist ein Ort der Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Ort, an dem gefeiert wird, an dem die Bluesrock-Band Mischpoke in der Dorfkirche spielt. Ein Ort, an dem im „Bibelkreis“ frei gesprochen und diskutiert wird. Ein Ort, an dem sich Hippies, Punks, Existentialisten und christliche Jugendgruppen treffen. Ein Ort, an dem Menschen mit Behinderungen außerhalb vom Heim selbstbestimmt leben, ihre Assistenz durch Mitbewohner*innen gegeben wird. „Dies. Und Paradies“ eine Songzeile, die immer wieder in dem Roman von Karsten Krampitz auftaucht, beschreibt diesen Ort.
Ein Mann erzählt die Geschichten, ein Umstand, der klar benannt werden sollte, so Sandra Niggemann und damit auch seine männliche Perspektive, die spannend ist. Und die Erzählung betrachtet vornehmlich Menschen mit Körperbehinderungen, so wie eine Vielzahl der Aktivistinnen in der damaligen Behindertenbewegung im Westen sowohl männlich als auch körperbehindert waren. Der Roman erzählt die Geschichte von Gruns, dem Spiritus Rector, dem Prediger, dem mit Muskeldystrophie kein langes Leben vorhergesagt wird. Von Bernd Mozek, dem zurückgezogen lebenden Fernschachspieler, dem treuen Begleiter und Assistenten an der Seite von Gruns. Von der Band Mischpoke, die sich in dem staatlich regulierten Kulturbetrieb durchschlägt und mit ihren Auftritten in der DDR Teil einer alternativen Musikszene ist. Und die Liebesgeschichte von Schlotter und Lena, der Schwester von Gruns, ebenfalls mit einer Muskeldystrophie. Die sich in der Kommune kennenlernen, heiraten, gemeinsam Merchandising von Stones-Zungen und anderen Aufnähern betreiben. An dieser Stelle hat sich Sandra Niggemann zum ersten Mal gewünscht, dass auch eine Frau die Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählt, nicht nur Karsten Krampitz. Dass sie zukünftig in Romanen auch diversen Behinderungsbildern begegnet. Sie hofft, dass auch Frauen selbstbewusst zur Feder greifen, sich als Autorinnen zur Wort melden, Geschichten aus vielfältigen Perspektiven heraus erzählen.
Der Autor Krampitz schreibt in dem Roman immer wieder wundervolle Sätze, charmant und ironisch führt er durch die Geschichten. Damals wie heute beschreibt er die Zweifel der Verwaltung mit den folgenden Fragen: „Wie soll das gehen, wer soll das machen, wer soll das bezahlen“, Fragen, die die Bürokratie aufwirft und gleichzeitig das Leben in der Krüppelkommune Hartroda zweifelnd in Frage stellt. Und dann wieder so ein wunderbarer Satz von Krampitz: „Revolutionen werden in der Provinz geboren“ und dafür steht die legendäre Krüppelkommune Hartroda. Denn es hat sie zweifellos und tatsächlich gegeben, Karsten Krampitz erzählt nach der Vorlage von Matthias Vernaldi nicht ganz erfunden, aber frei die Geschichten. Und verwebt einen historischen Hintergrund, den es tatsächlich ebenfalls so gegeben hat, in die tragische Romanfigur Mozek. Verdient hat er deshalb auch den Matthias-Vernarldi-Preis für diesen Roman erhalten.
Krampitz erzählt von den Veränderungen, wenn sich die Grenzen öffnen, welche Umbrüche daraus resultieren. Viele der Latscher verabschieden sich in den Westen, dadurch gerät die Gemeinschaft, die auch die Assistenz sicherstellt, ins Wanken. Die Grenzen der Körperlichkeit, durch die Behinderung werden deutlich. Misstrauen tritt auf, weil in den Stasiakten dokumentiert und auf einmal offen ist, wie sehr der Staat Kontrolle ausübt. Wie der eigene Arzt, die Mitarbeiterin in der Kirchenverwaltung, die Schlagzeugerin der Punkband und sogar der Wegbegleiter Mozek als IM Grenzer mit der Stasi zusammengearbeitet haben. Persönliche Schicksalsschläge kommen dazu, Schlotter und Lena müssen sich verabschieden, weil Lena stirbt. Gruns will aus der Kommune im Pfarrhaus in ein barrierefreies Hotel umbauen und entdeckt auf seinen Touren in den Westen den zweiten großen Umbruch in seinem Leben: Liebe und Sexualität, die seine körperlichen Grenzen verschieben. Dieser Aspekt eines Mannes mit Behinderung, in seiner ganzen Körperlichkeit, seinen Bedürfnissen nach Sexualität wahrgenommen zu werden und nicht auf das Intellektuelle reduziert zu werden, findet Matthias Rösch bemerkenswert. Und es erklärt das Engagement von Matthias Vernaldi für Sexarbeiter*innen, als Model mit Behinderung und in seinem Verein Sexybilities. Der Roman hört dort auf, wo die Öffnung der Grenze das Ende der Kommune von Hartroda bedeutet.
Nicht alles haben wir hier an dieser Stelle erzählt, es ist unglaublich, wieviel Geschichten und eine nach der anderen von Krampitz erzählt werden. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, den braucht es aber auch nicht, wer sich für die Geschichte der DDR interessiert vor dem Hintergrund, was diese auch für das Leben der Menschen mit Behinderungen konkret bedeutete.
Der Roman „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ ist in der Edition Nautilus erschienen, hat 200 Seiten und kostet 22 €.
ISBN: 978-3-96054-469-2
https://edition-nautilus.de/programm/gesellschaft-mit-beschraenkter-hoffnung/




