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Disability Studies – Verteidigung selektiver Argumente

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Ein einzelner leerer Stuhl im beleuchteten Zentrum eines leeren Hörsaals. Im Hintergrund eine Tafel mit dem Schriftzug Disability Studies.
Disability Studies - nun ein Leerstuhl
Foto: Ralph Milewski / KI

Fladungen (kobinet) Die sichtbare Empörung und das unsichtbare Paradox In Deutschland wird die Streichung des Lehrstuhls für Disability Studies in Köln öffentlich breit verurteilt. Viele Organisationen, Aktivistinnen und Institutionen betonen, die Disability Studies seien unverzichtbar für Teilhabe, Selbstbestimmung und eine inklusive Gesellschaft. Diese Reaktion ist nachvollziehbar. Während die Institution als Symbol verteidigt wird, bleibt die strukturelle Kritik der Disability Studies erstaunlich leise – nicht weil sie fehlt, sondern weil sie von denjenigen, die sich auf sie berufen, nur selektiv übernommen wird. Die zentrale Einsicht dieser Disziplin lautet, dass Behinderung nicht im Individuum entsteht, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen ist. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz. Inklusion bedeutet keine Möglichkeit, in bestehenden Strukturen mitzumachen, sondern eine Kritik an Strukturen, die Ausschlüsse erzeugen.

Inklusion als Veranstaltung und sichtbare Maßnahme

In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Verständnis von Inklusion. Inklusion wird sehr häufig über sichtbare Maßnahmen erzählt. Dazu gehören Kampagnen und Programmförderungen, gefeierte Sonderräume für Kunst und Kultur sowie internationale Sportereignisse, die als Bühne für eine inklusive Gesellschaft inszeniert werden. Große Akteure wie Aktion Mensch, die Paralympics oder kulturpädagogische Programme wie EUCREA prägen dieses Bild. Sie schaffen Sichtbarkeit und genießen hohe Akzeptanz, auch innerhalb der Aktivistinnen-Szene. Vielen gilt diese Form der Öffentlichkeit als Ausdruck gelungener Inklusion. In Wirklichkeit handelt es sich um eine akzeptierte Dauerübergangslösung, weit entfernt von einem Übergang oder einer Zwischenlösung. Die Sonderformate werden kontinuierlich optimiert, an Attraktivität gesteigert, ausgebaut und verfestigt und entwickeln sich so zu etablierten Strukturen, die den Ausnahmezustand dauerhaft sichern.

Wie Inklusion ihre politische Dimension verliert

Diese Anerkennung führt jedoch zu einer Verschiebung des Blicks. Die Deutung darüber, was Inklusion bedeutet, liegt nicht mehr bei der kritischen Theorie und auch nicht bei selbstorganisierten Bewegungen. Sie liegt bei Institutionen, die Inklusion programmieren, finanzieren und medial darstellen. Inklusion wird so nicht als Analyse gesellschaftlicher Strukturen verstanden, sondern als Ergebnis einer Maßnahme. Inklusion ist dann etwas, das ermöglicht, bewilligt und präsentiert wird. Damit entsteht ein Paradox. Disability Studies werden verteidigt, aber ihre Kritik an eben diesen Strukturen bleibt weitgehend ungehört.

Begriffe ohne Konsequenzen

Begriffe wie Selbstbestimmung und Partizipation finden große Zustimmung, weil sie positiv besetzt und emotional anschlussfähig sind. Die Konsequenzen dieser Begriffe findet jedoch kaum öffentliche Resonanz. Die Disability Studies stellen die Frage, warum Sonderräume überhaupt nötig sind und welche gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen dazu führen, dass Menschen ihre Teilhabe über Programme organisieren müssen. Diese Frage bleibt häufig ungestellt. Statt die gesellschaftliche Produktion von Behinderung zu hinterfragen, wird Teilhabe in Form eines Sonderformats gedacht, nur mit positivem Vorzeichen.

Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung

Institutionen wie Aktion Mensch, die Paralympics oder EUCREA integrieren viele Anliegen der Disability Studies. Sie sind nicht gegen strukturelle Kritik, sie funktionieren jedoch innerhalb eines Systems, das auf Sichtbarkeit und Programmierung basiert. Förderung erzeugt Sonderräume, Sonderräume erzeugen Bilder, Bilder erzeugen Anerkennung und Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung. Wer Teilhabe ermöglicht, definiert am Ende, was Teilhabe bedeutet. Diese Dynamik ist nicht böswillig, sondern systemisch. Sie findet in einer Logik statt, die strukturelle Fragen durch positive Darstellung ersetzt.

Die fehlenden Fragen

Wenn Kampagnen, Wettbewerbsformate, Preise oder inklusive Kunstprojekte als Fortschritt gelten, dann bleibt eine zentrale Frage unausgesprochen. Warum ist Inklusion immer noch ein Sonderfall und nicht der Normalzustand. Wenn Behinderung ein Ergebnis von Strukturen ist, warum konzentriert sich Inklusion dann überwiegend auf Projekte und nicht auf Strukturen. Warum gilt der Sonderraum als Beweis für Integration und nicht als Zeichen dafür, dass Integration noch nicht erreicht ist. Wie kann Inklusion kritisch gedacht werden, wenn ihre öffentliche Form von Institutionen bestimmt wird, die Projekte und Kampagnen organisieren.

Die Gefahr der Entkernung

Solange diese Fragen fehlen, besteht die Gefahr, dass Disability Studies zwar symbolisch verteidigt, aber praktisch entkernt werden. Die Theorie bleibt sichtbar, aber nicht wirksam. Wer heute Disability Studies verteidigt, sollte mehr tun, als eine Professur vor dem Verschwinden zu bewahren. Es geht darum, die Kritik zurück in die Praxis zu holen und die Frage zu stellen, warum Inklusion überhaupt noch ein eigenes Feld ist und nicht längst ein gesellschaftlicher Maßstab.

Inklusion als Normalzustand und nicht als Ausnahme

Wenn man die Disability Studies ernst nimmt, dann wäre Inklusion keine Ausnahme, die ermöglicht werden muss. Sie wäre der Normalzustand, an dem Institutionen gemessen werden. Inklusion wäre nicht das Ereignis, sondern die Regel. Disability Studies erinnern daran, dass Inklusion erst dann eingelöst ist, wenn die Struktur nicht mehr zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben unterscheidet. Nicht wenn der Sonderraum besser aussieht, sondern wenn er überflüssig wird.

Ein Verlust, der größer ist als eine Professur

Gerade deshalb ist die Streichung des Lehrstuhls in Köln ein Verlust. Sie betrifft nicht nur die Wissenschaft, sondern die gesellschaftliche Reflexion. Ohne kritische Theorie wird Inklusion schnell zu einem professionell vermarkteten Versprechen, das Strukturen bestätigt statt sie zu verändern. Die Verteidigung der Disability Studies sollte deshalb nicht nur institutionell verstanden werden, sondern als Einladung, ihren analytischen Anspruch ernst zu nehmen.

Nicht nur für Inklusion, sondern für die Veränderung der Bedingungen, die Inklusion überhaupt erst notwendig machen.

Übrigens: Wer sich über das Datum empört, hat den Verlust noch nicht verstanden. Der Lehrstuhl wäre am 4. Dezember genauso weg.

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Silvia Hauser
08.12.2025 16:09

Lieber Ralph,

ich staune über deine Frustrationstoleranz. Steter Tropfen höhlt den Stein, sage ich mir selber immer wieder. Betreff „inklsionsnaiver Aktivimus“ und angesichts einer neoliberal voll inkludierten Behindertenbeauftragten-Politik habe ich kaum noch Hoffnung. Nachdem meine neoliberalismuskritischen Wortmeldungen zur Behindertenpolitik zwei Jahre lang „gegaslighted“ worden sind, bin ich ich seit Jahresmitte raus.

Nur dies noch in Ergänzung deiner grosso modo zutreffenden Argumentation: Die Institution Disability Sudies ist eine von der Behinderterbewegung erkämpfte, in das neoliberale Gesamtsystem integrierte Hochschuleinrichtung. Ihr Personal profitiert vom sog. „progressiven“ Neoliberalismus und operiert weitgehend auf dessen Linie. Heißt, eine radikale Struktur- und Systemkritik der neoliberalen Gesellschaft ist (soweit ich es verfolge) nicht Teil der Diability Studies.

Zum Kundigmachen empfehle ich dazu, Wendy Brown „Die schleichende Revolution – wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört“ (Suhrkamp) sowie Nancy Fraser „Der Allesfresser – wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“ (Suhrkamp). Fraser hat den Begriff des progressiven Neoliberalismus in die Debatte eingebracht, sie und Wendy Brown analysieren luzide die Grenzen von Inklusion im Neoliberalismus. Beide Amerikanerinnen stehen (wie ich selber auch) in der Theorietradition der Frankfurter Schule und des kritischen Marxismus.

So long, Hans-Willi