Fladungen (kobinet)
Die Empörung sieht man. Das Problem sieht man nicht.
In Deutschland gibt es Ärger.
An der Uni Köln wird ein Lehr-Stuhl gestrichen.
Das ist ein Arbeits-Platz an der Uni.
Dort arbeitet ein Professor oder eine Professorin.
Die Person unterrichtet Studenten und forscht zu einem Thema.
Dieser Lehr-Stuhl war für Disability Studies.
Das bedeutet: Behinderungs-Forschung.
Menschen forschen zum Thema Behinderung.
Sie fragen: Wie leben Menschen mit Behinderung?
Und: Was kann besser werden?
Viele Menschen sind wütend.
Sie sind wütend über die Streichung.
Warum sind Menschen wütend?
Viele Gruppen sagen: Disability Studies sind wichtig.
Sie helfen Menschen mit Behinderung.
Sie machen die Gesellschaft besser.
Das stimmt auch.
Aber: Es gibt ein Problem.
Die Disability Studies haben wichtige Erkenntnisse.
Eine wichtige Erkenntnis ist: Behinderung entsteht nicht im Menschen.
Behinderung entsteht in der Gesellschaft.
Die Gesellschaft macht Menschen zu Behinderten.
Das passiert durch ihre Regeln.
Und durch ihre Strukturen.
Das bedeutet: feste Ordnung.
Zum Beispiel: Wie ist etwas aufgebaut?
Oder: Wie läuft etwas ab?
Strukturen zeigen: So funktioniert etwas.
Inklusion wird falsch verstanden
Aus dieser Erkenntnis folgt etwas Wichtiges.
Inklusion bedeutet nicht: Menschen mit Behinderung dürfen mit-machen.
Inklusion bedeutet: Die Gesellschaft muss sich ändern.
Die Strukturen müssen sich ändern.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen sind dabei.
Niemand wird ausgeschlossen.
Aber diese Änderung passiert nicht.
Stattdessen gibt es viele bunte Aktionen.
Es gibt Kampagnen und Wettbewerbe.
Das ist eine große Aktion.
Viele Menschen machen dabei mit.
Das Ziel ist: Menschen informieren oder überzeugen von einer Idee.
Es gibt Sport-Events wie die Paralympics.
Das sind Olympische Spiele.
Menschen mit körperlichen Behinderungen machen mit.
Es gibt Kunst-Projekte nur für Menschen mit Behinderung.
Das sieht alles gut aus.
Wer macht diese Aktionen?
Große Organisationen machen diese Aktionen.
Das ist eine Gruppe von Menschen.
Die Menschen arbeiten zusammen.
Zum Beispiel die Aktion Mensch.
Oder Programme wie EUCREA.
Diese Organisationen haben viel Geld.
Sie machen viele Projekte.
Viele Menschen finden das gut.
Aber diese Projekte sind Sonder-Formate.
Das bedeutet: Eine besondere Form.
Zum Beispiel: ein besonderes Veranstaltungs-Programm oder eine besondere Art von Buch.
Das Format ist anders als sonst.
Diese Sonder-Formate bleiben für immer.
Sie werden nicht abgeschafft.
Sie werden größer gemacht.
Und schöner gemacht.
Wer bestimmt über Inklusion?
Hier passiert etwas Problematisches.
Früher sagte die Behinderten-Bewegung: Das ist Inklusion.
Heute sagen es die großen Organisationen.
Die Organisationen mit dem Geld.
Die Organisationen mit den Projekten.
Inklusion wird dann verstanden als: Ein Projekt.
Oder: Eine Kampagne.
Oder: Ein Event.
Aber nicht als Kritik an der Gesellschaft.
Und hier entsteht ein Widerspruch.
Das bedeutet: Etwas passt nicht zusammen.
Zwei Dinge widersprechen sich.
Viele verteidigen die Disability Studies.
Aber die Kritik der Disability Studies wird ignoriert.
Die Disability Studies fragen: Warum braucht es Sonder-Formate?
Und: Warum ist Inklusion nicht normal?
Diese Fragen werden nicht gestellt.
Schöne Worte ohne Folgen
Alle reden von Selbst-Bestimmung.
Das bedeutet: Du entscheidest für dich selbst.
Niemand anders entscheidet für dich.
Alle reden von Teilhabe.
Das bedeutet: Du machst bei etwas mit.
Du bist dabei und kannst mit-bestimmen.
Diese Worte klingen gut.
Aber was bedeuten diese Worte wirklich?
Die Disability Studies sagen: Teilhabe darf nicht über Programme laufen.
Teilhabe muss normal sein.
Aber diese Kritik wird nicht gehört.
Stattdessen gibt es mehr Programme.
Anerkennung statt Veränderung
Die großen Organisationen machen viel Gutes.
Sie sind nicht böse.
Aber sie arbeiten in einem System.
Das bedeutet: Eine Ordnung.
Viele Teile arbeiten zusammen.
Die Teile hängen voneinander ab.
Dieses System funktioniert so: Projekte machen Sichtbarkeit.
Das bedeutet: Man kann etwas sehen oder gut erkennen.
Zum Beispiel: Eine Person ist bekannt.
Dann hat die Person viel Sichtbarkeit.
Sichtbarkeit bringt Anerkennung.
Anerkennung fühlt sich gut an.
Aber: Anerkennung verändert nichts an den Strukturen.
Die Strukturen bleiben wie sie sind.
Nur die Projekte werden mehr.
Und schöner.
Und größer.
Wer Teilhabe ermöglicht bestimmt auch: Was ist Teilhabe?
Das ist ein Problem.
Denn so entscheiden nicht die Menschen mit Behinderung.
Sondern die Organisationen mit dem Geld.
Die wichtigen Fragen fehlen
Es gibt viele Kampagnen für Inklusion.
Es gibt Wettbewerbe und Preise.
Es gibt Kunst-Projekte.
Viele Menschen sagen: Das ist Fortschritt.
Aber wichtige Fragen werden nicht gestellt.
Zum Beispiel diese Fragen:
Warum ist Inklusion immer noch besonders?
Warum ist Inklusion nicht normal?
Warum gibt es immer noch Sonder-Formate?
Warum ändern sich die Strukturen nicht?
Diese Fragen sind unbequem.
Die Disability Studies sagen: Behinderung entsteht durch Strukturen.
Also müssen die Strukturen sich ändern.
Nicht die Menschen mit Behinderung.
Aber stattdessen gibt es mehr Projekte.
Projekte für Menschen mit Behinderung.
Die Gefahr für die Disability Studies
Viele verteidigen jetzt die Disability Studies.
Der Grund: Der Lehr-Stuhl wird gestrichen.
Das ist richtig.
Und das ist wichtig.
Aber es reicht nicht.
Die Disability Studies müssen ernst genommen werden.
Nicht nur als Symbol.
Die Kritik der Disability Studies muss wirken.
Sie muss etwas verändern.
Sonst bleiben die Disability Studies nur Theorie.
Schöne Theorie ohne Wirkung.
Inklusion muss normal werden
Wenn man die Disability Studies ernst nimmt:
Dann ist Inklusion keine Ausnahme.
Dann ist Inklusion die Regel.
Dann ist Inklusion der Normal-Zustand.
Nicht etwas das ermöglicht werden muss.
Sondern etwas das selbstverständlich ist.
Inklusion ist erst erreicht wenn: Es keine Unterscheidung mehr gibt.
Zwischen Teilhaben und Nicht-Teilhaben.
Wenn der Sonder-Raum nicht mehr nötig ist.
Weil alles für alle zugänglich ist.
Das ist echte Inklusion.
Ein großer Verlust
Die Streichung des Lehr-Stuhls ist ein großer Verlust.
Nicht nur für die Wissenschaft.
Sondern für die ganze Gesellschaft.
Ohne kritische Forschung wird Inklusion zur Werbung.
Zu einem schönen Versprechen ohne Inhalt.
Die Disability Studies sollten verteidigt werden.
Aber nicht nur als Institution.
Das bedeutet: Eine Einrichtung.
Zum Beispiel: Eine Uni oder eine Behörde.
Eine Institution hat feste Regeln.
Die Disability Studies sollten verteidigt werden als kritischer Ansatz.
Als Frage an die Gesellschaft: Wann ändern sich endlich die Strukturen?
Nicht nur die Bilder.
Wichtiger Hinweis
Manche Menschen sind empört über das Datum.
An dem dieser Text erscheint.
Aber das Datum ist nicht wichtig.
Der Lehr-Stuhl wäre am 4. Dezember genauso weg.
Das Problem bleibt das gleiche.
An jedem Tag.
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429.

Foto: Ralph Milewski / KI
Fladungen (kobinet) Die sichtbare Empörung und das unsichtbare Paradox In Deutschland wird die Streichung des Lehrstuhls für Disability Studies in Köln öffentlich breit verurteilt. Viele Organisationen, Aktivistinnen und Institutionen betonen, die Disability Studies seien unverzichtbar für Teilhabe, Selbstbestimmung und eine inklusive Gesellschaft. Diese Reaktion ist nachvollziehbar. Während die Institution als Symbol verteidigt wird, bleibt die strukturelle Kritik der Disability Studies erstaunlich leise – nicht weil sie fehlt, sondern weil sie von denjenigen, die sich auf sie berufen, nur selektiv übernommen wird. Die zentrale Einsicht dieser Disziplin lautet, dass Behinderung nicht im Individuum entsteht, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen ist. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz. Inklusion bedeutet keine Möglichkeit, in bestehenden Strukturen mitzumachen, sondern eine Kritik an Strukturen, die Ausschlüsse erzeugen.
Inklusion als Veranstaltung und sichtbare Maßnahme
In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Verständnis von Inklusion. Inklusion wird sehr häufig über sichtbare Maßnahmen erzählt. Dazu gehören Kampagnen und Programmförderungen, gefeierte Sonderräume für Kunst und Kultur sowie internationale Sportereignisse, die als Bühne für eine inklusive Gesellschaft inszeniert werden. Große Akteure wie Aktion Mensch, die Paralympics oder kulturpädagogische Programme wie EUCREA prägen dieses Bild. Sie schaffen Sichtbarkeit und genießen hohe Akzeptanz, auch innerhalb der Aktivistinnen-Szene. Vielen gilt diese Form der Öffentlichkeit als Ausdruck gelungener Inklusion. In Wirklichkeit handelt es sich um eine akzeptierte Dauerübergangslösung, weit entfernt von einem Übergang oder einer Zwischenlösung. Die Sonderformate werden kontinuierlich optimiert, an Attraktivität gesteigert, ausgebaut und verfestigt und entwickeln sich so zu etablierten Strukturen, die den Ausnahmezustand dauerhaft sichern.
Wie Inklusion ihre politische Dimension verliert
Diese Anerkennung führt jedoch zu einer Verschiebung des Blicks. Die Deutung darüber, was Inklusion bedeutet, liegt nicht mehr bei der kritischen Theorie und auch nicht bei selbstorganisierten Bewegungen. Sie liegt bei Institutionen, die Inklusion programmieren, finanzieren und medial darstellen. Inklusion wird so nicht als Analyse gesellschaftlicher Strukturen verstanden, sondern als Ergebnis einer Maßnahme. Inklusion ist dann etwas, das ermöglicht, bewilligt und präsentiert wird. Damit entsteht ein Paradox. Disability Studies werden verteidigt, aber ihre Kritik an eben diesen Strukturen bleibt weitgehend ungehört.
Begriffe ohne Konsequenzen
Begriffe wie Selbstbestimmung und Partizipation finden große Zustimmung, weil sie positiv besetzt und emotional anschlussfähig sind. Die Konsequenzen dieser Begriffe findet jedoch kaum öffentliche Resonanz. Die Disability Studies stellen die Frage, warum Sonderräume überhaupt nötig sind und welche gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen dazu führen, dass Menschen ihre Teilhabe über Programme organisieren müssen. Diese Frage bleibt häufig ungestellt. Statt die gesellschaftliche Produktion von Behinderung zu hinterfragen, wird Teilhabe in Form eines Sonderformats gedacht, nur mit positivem Vorzeichen.
Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung
Institutionen wie Aktion Mensch, die Paralympics oder EUCREA integrieren viele Anliegen der Disability Studies. Sie sind nicht gegen strukturelle Kritik, sie funktionieren jedoch innerhalb eines Systems, das auf Sichtbarkeit und Programmierung basiert. Förderung erzeugt Sonderräume, Sonderräume erzeugen Bilder, Bilder erzeugen Anerkennung und Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung. Wer Teilhabe ermöglicht, definiert am Ende, was Teilhabe bedeutet. Diese Dynamik ist nicht böswillig, sondern systemisch. Sie findet in einer Logik statt, die strukturelle Fragen durch positive Darstellung ersetzt.
Die fehlenden Fragen
Wenn Kampagnen, Wettbewerbsformate, Preise oder inklusive Kunstprojekte als Fortschritt gelten, dann bleibt eine zentrale Frage unausgesprochen. Warum ist Inklusion immer noch ein Sonderfall und nicht der Normalzustand. Wenn Behinderung ein Ergebnis von Strukturen ist, warum konzentriert sich Inklusion dann überwiegend auf Projekte und nicht auf Strukturen. Warum gilt der Sonderraum als Beweis für Integration und nicht als Zeichen dafür, dass Integration noch nicht erreicht ist. Wie kann Inklusion kritisch gedacht werden, wenn ihre öffentliche Form von Institutionen bestimmt wird, die Projekte und Kampagnen organisieren.
Die Gefahr der Entkernung
Solange diese Fragen fehlen, besteht die Gefahr, dass Disability Studies zwar symbolisch verteidigt, aber praktisch entkernt werden. Die Theorie bleibt sichtbar, aber nicht wirksam. Wer heute Disability Studies verteidigt, sollte mehr tun, als eine Professur vor dem Verschwinden zu bewahren. Es geht darum, die Kritik zurück in die Praxis zu holen und die Frage zu stellen, warum Inklusion überhaupt noch ein eigenes Feld ist und nicht längst ein gesellschaftlicher Maßstab.
Inklusion als Normalzustand und nicht als Ausnahme
Wenn man die Disability Studies ernst nimmt, dann wäre Inklusion keine Ausnahme, die ermöglicht werden muss. Sie wäre der Normalzustand, an dem Institutionen gemessen werden. Inklusion wäre nicht das Ereignis, sondern die Regel. Disability Studies erinnern daran, dass Inklusion erst dann eingelöst ist, wenn die Struktur nicht mehr zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben unterscheidet. Nicht wenn der Sonderraum besser aussieht, sondern wenn er überflüssig wird.
Ein Verlust, der größer ist als eine Professur
Gerade deshalb ist die Streichung des Lehrstuhls in Köln ein Verlust. Sie betrifft nicht nur die Wissenschaft, sondern die gesellschaftliche Reflexion. Ohne kritische Theorie wird Inklusion schnell zu einem professionell vermarkteten Versprechen, das Strukturen bestätigt statt sie zu verändern. Die Verteidigung der Disability Studies sollte deshalb nicht nur institutionell verstanden werden, sondern als Einladung, ihren analytischen Anspruch ernst zu nehmen.
Nicht nur für Inklusion, sondern für die Veränderung der Bedingungen, die Inklusion überhaupt erst notwendig machen.
Übrigens: Wer sich über das Datum empört, hat den Verlust noch nicht verstanden. Der Lehrstuhl wäre am 4. Dezember genauso weg.

Foto: Ralph Milewski / KI
Fladungen (kobinet) Die sichtbare Empörung und das unsichtbare Paradox In Deutschland wird die Streichung des Lehrstuhls für Disability Studies in Köln öffentlich breit verurteilt. Viele Organisationen, Aktivistinnen und Institutionen betonen, die Disability Studies seien unverzichtbar für Teilhabe, Selbstbestimmung und eine inklusive Gesellschaft. Diese Reaktion ist nachvollziehbar. Während die Institution als Symbol verteidigt wird, bleibt die strukturelle Kritik der Disability Studies erstaunlich leise – nicht weil sie fehlt, sondern weil sie von denjenigen, die sich auf sie berufen, nur selektiv übernommen wird. Die zentrale Einsicht dieser Disziplin lautet, dass Behinderung nicht im Individuum entsteht, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen ist. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz. Inklusion bedeutet keine Möglichkeit, in bestehenden Strukturen mitzumachen, sondern eine Kritik an Strukturen, die Ausschlüsse erzeugen.
Inklusion als Veranstaltung und sichtbare Maßnahme
In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Verständnis von Inklusion. Inklusion wird sehr häufig über sichtbare Maßnahmen erzählt. Dazu gehören Kampagnen und Programmförderungen, gefeierte Sonderräume für Kunst und Kultur sowie internationale Sportereignisse, die als Bühne für eine inklusive Gesellschaft inszeniert werden. Große Akteure wie Aktion Mensch, die Paralympics oder kulturpädagogische Programme wie EUCREA prägen dieses Bild. Sie schaffen Sichtbarkeit und genießen hohe Akzeptanz, auch innerhalb der Aktivistinnen-Szene. Vielen gilt diese Form der Öffentlichkeit als Ausdruck gelungener Inklusion. In Wirklichkeit handelt es sich um eine akzeptierte Dauerübergangslösung, weit entfernt von einem Übergang oder einer Zwischenlösung. Die Sonderformate werden kontinuierlich optimiert, an Attraktivität gesteigert, ausgebaut und verfestigt und entwickeln sich so zu etablierten Strukturen, die den Ausnahmezustand dauerhaft sichern.
Wie Inklusion ihre politische Dimension verliert
Diese Anerkennung führt jedoch zu einer Verschiebung des Blicks. Die Deutung darüber, was Inklusion bedeutet, liegt nicht mehr bei der kritischen Theorie und auch nicht bei selbstorganisierten Bewegungen. Sie liegt bei Institutionen, die Inklusion programmieren, finanzieren und medial darstellen. Inklusion wird so nicht als Analyse gesellschaftlicher Strukturen verstanden, sondern als Ergebnis einer Maßnahme. Inklusion ist dann etwas, das ermöglicht, bewilligt und präsentiert wird. Damit entsteht ein Paradox. Disability Studies werden verteidigt, aber ihre Kritik an eben diesen Strukturen bleibt weitgehend ungehört.
Begriffe ohne Konsequenzen
Begriffe wie Selbstbestimmung und Partizipation finden große Zustimmung, weil sie positiv besetzt und emotional anschlussfähig sind. Die Konsequenzen dieser Begriffe findet jedoch kaum öffentliche Resonanz. Die Disability Studies stellen die Frage, warum Sonderräume überhaupt nötig sind und welche gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen dazu führen, dass Menschen ihre Teilhabe über Programme organisieren müssen. Diese Frage bleibt häufig ungestellt. Statt die gesellschaftliche Produktion von Behinderung zu hinterfragen, wird Teilhabe in Form eines Sonderformats gedacht, nur mit positivem Vorzeichen.
Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung
Institutionen wie Aktion Mensch, die Paralympics oder EUCREA integrieren viele Anliegen der Disability Studies. Sie sind nicht gegen strukturelle Kritik, sie funktionieren jedoch innerhalb eines Systems, das auf Sichtbarkeit und Programmierung basiert. Förderung erzeugt Sonderräume, Sonderräume erzeugen Bilder, Bilder erzeugen Anerkennung und Anerkennung ersetzt strukturelle Veränderung. Wer Teilhabe ermöglicht, definiert am Ende, was Teilhabe bedeutet. Diese Dynamik ist nicht böswillig, sondern systemisch. Sie findet in einer Logik statt, die strukturelle Fragen durch positive Darstellung ersetzt.
Die fehlenden Fragen
Wenn Kampagnen, Wettbewerbsformate, Preise oder inklusive Kunstprojekte als Fortschritt gelten, dann bleibt eine zentrale Frage unausgesprochen. Warum ist Inklusion immer noch ein Sonderfall und nicht der Normalzustand. Wenn Behinderung ein Ergebnis von Strukturen ist, warum konzentriert sich Inklusion dann überwiegend auf Projekte und nicht auf Strukturen. Warum gilt der Sonderraum als Beweis für Integration und nicht als Zeichen dafür, dass Integration noch nicht erreicht ist. Wie kann Inklusion kritisch gedacht werden, wenn ihre öffentliche Form von Institutionen bestimmt wird, die Projekte und Kampagnen organisieren.
Die Gefahr der Entkernung
Solange diese Fragen fehlen, besteht die Gefahr, dass Disability Studies zwar symbolisch verteidigt, aber praktisch entkernt werden. Die Theorie bleibt sichtbar, aber nicht wirksam. Wer heute Disability Studies verteidigt, sollte mehr tun, als eine Professur vor dem Verschwinden zu bewahren. Es geht darum, die Kritik zurück in die Praxis zu holen und die Frage zu stellen, warum Inklusion überhaupt noch ein eigenes Feld ist und nicht längst ein gesellschaftlicher Maßstab.
Inklusion als Normalzustand und nicht als Ausnahme
Wenn man die Disability Studies ernst nimmt, dann wäre Inklusion keine Ausnahme, die ermöglicht werden muss. Sie wäre der Normalzustand, an dem Institutionen gemessen werden. Inklusion wäre nicht das Ereignis, sondern die Regel. Disability Studies erinnern daran, dass Inklusion erst dann eingelöst ist, wenn die Struktur nicht mehr zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben unterscheidet. Nicht wenn der Sonderraum besser aussieht, sondern wenn er überflüssig wird.
Ein Verlust, der größer ist als eine Professur
Gerade deshalb ist die Streichung des Lehrstuhls in Köln ein Verlust. Sie betrifft nicht nur die Wissenschaft, sondern die gesellschaftliche Reflexion. Ohne kritische Theorie wird Inklusion schnell zu einem professionell vermarkteten Versprechen, das Strukturen bestätigt statt sie zu verändern. Die Verteidigung der Disability Studies sollte deshalb nicht nur institutionell verstanden werden, sondern als Einladung, ihren analytischen Anspruch ernst zu nehmen.
Nicht nur für Inklusion, sondern für die Veränderung der Bedingungen, die Inklusion überhaupt erst notwendig machen.
Übrigens: Wer sich über das Datum empört, hat den Verlust noch nicht verstanden. Der Lehrstuhl wäre am 4. Dezember genauso weg.





Lieber Ralph,
ich staune über deine Frustrationstoleranz. Steter Tropfen höhlt den Stein, sage ich mir selber immer wieder. Betreff „inklsionsnaiver Aktivimus“ und angesichts einer neoliberal voll inkludierten Behindertenbeauftragten-Politik habe ich kaum noch Hoffnung. Nachdem meine neoliberalismuskritischen Wortmeldungen zur Behindertenpolitik zwei Jahre lang „gegaslighted“ worden sind, bin ich ich seit Jahresmitte raus.
Nur dies noch in Ergänzung deiner grosso modo zutreffenden Argumentation: Die Institution Disability Sudies ist eine von der Behinderterbewegung erkämpfte, in das neoliberale Gesamtsystem integrierte Hochschuleinrichtung. Ihr Personal profitiert vom sog. „progressiven“ Neoliberalismus und operiert weitgehend auf dessen Linie. Heißt, eine radikale Struktur- und Systemkritik der neoliberalen Gesellschaft ist (soweit ich es verfolge) nicht Teil der Diability Studies.
Zum Kundigmachen empfehle ich dazu, Wendy Brown „Die schleichende Revolution – wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört“ (Suhrkamp) sowie Nancy Fraser „Der Allesfresser – wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“ (Suhrkamp). Fraser hat den Begriff des progressiven Neoliberalismus in die Debatte eingebracht, sie und Wendy Brown analysieren luzide die Grenzen von Inklusion im Neoliberalismus. Beide Amerikanerinnen stehen (wie ich selber auch) in der Theorietradition der Frankfurter Schule und des kritischen Marxismus.
So long, Hans-Willi