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Wenn Ansätze zur Barrierefreiheit wieder verschwinden

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Links oben Text Einkaufsliste, rechts unten eine Skizze von einem Einakufswagen
Einkaufswagen sind für einen größeren Einkauf unverzichtbar
Foto: Alexas_Fotos In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

BERLIN (kobinet) Wer für seinen täglichen oder wöchentlichen Einkauf barrierefreie Bedingungen braucht, hat es nicht ganz leicht: Sehr hohe Regale, enge und häufig verstellte Wege, bunte aber nicht klar unterscheidbare Waren, Artikel mit nicht eindeutig lesbaren Namen, geschweige denn Informationen in Braille-Schrift - das alles und einiges mehr bringt nicht gerade Einkaufsfreuden. Hinzu kommt das "Problem mit den Einkaufswagen" auf das uns unserer Leserin Brigitte Sakrzewski aufmerksam gemacht hat.

Kurz gesagt ()

Eine Rollstuhlfahrerin kämpfte erfolgreich dafür, dass Supermärkte in ihrer Umgebung spezielle Rolli-Einkaufswagen anschafften - doch nach einigen Jahren verschwanden diese wieder durch Umbauten, Diebstähle oder fehlende Nachbeschaffung. Ihre Bilanz: Der privatwirtschaftliche Sektor wird noch viele Jahre brauchen, um Menschen mit Behinderungen als zahlende Zielgruppe zu erkennen, die umworben werden will - es sei denn, eine gesetzliche Regelung verpflichtet zu mehr Barrierefreiheit.

Einkaufswagen sind, auch für Kundinnen oder Kunden mit Rollstuhl schon eine feine Sache. Brigitte Sakrzewski sieht das so: „Statt die Artikel in mitgebrachten Beuteln zu verstauen, mich der Diebstahlwitterung auszusetzen, nach dem achten oder neunten Artikel im Beutel rumzuwühlen, ob der Kajalstift, den ich eigentlich kaufen wollte auch schon im Beutel liegt, die Eier nicht bereits vom Joghurtglas zerquetscht sind, ist dieser Rolli-Einkaufswagen eine unglaubliche Erleichterung. Alle Produkte auf Sichthöhe vor dem Rolli, der zusammen mit dem Einkaufswagen vorwärts geschoben wird. Nichts wird übersehen, alles kann selbstständig aufs Band gelegt und anschließend nach dem Bezahlen in Beutel und Taschen nach eigenen Erfordernissen verstaut werden.“

Nun gibt es Einkaufswagen in den Supermärkten ja in großer Zahl. Häufig ist der „halbe Parkplatz“ damit voll gestellt. Nur die helfen eben nicht, denn wer mit Rollstuhl zum Einkauf rollt, benötigt diesen „Rolli-Einkaufswagen, einen Einkaufswagen, der sich mit einem Rollstuhl verbinden lässt. Dazu passen eben nicht immer Einkaufswagen und Rollstuhl zueinander.

Unsere kobinet-Leserin hatte jedoch vor ein paar Jahren passende Einkaufswagen im Internet entdeckt, Fotokopien gemacht und alle Geschäfte in ihrer Umgebung in Schöneweide abgeklappert, welche sie so auf ihrer Einkaufstour hin und wieder, oder auch ständig ansteuere. In alphabetischer Reihenfolge sind das die großen Player: Bauhaus, dm, Edeka, Kaufland und Rewe. „Vollkommen abgewimmelt hat mich niemand“, erzählt Brigitte Sakrzewski und im darauffolgenden Jahr hatten alle genannten 1 bis 2 Wagen angeschafft“. Aber auch Brigitte Sakrzewski hatte was geschafft: „Ich war stolz wie Bolle, was ich doch im Alleingang so geschafft hatte.“ stellte sie damals zufrieden fest. Auch wenn einiges kurios blieb. Im Kaufland, erinnert sie sich, „da musste ich mir den Einkaufswagen immer an der damals noch händischen Pfandrückgabe abholen. Das Personal an der Pfandrückgabe war sehr hilfsbereit, trotzdem hatte ich regelmäßig ein schlechtes Gewissen, dass sie den Einkaufswagen jedes Mal umständlich aus einer Ecke mit großen Plastiksäcken voller Leergut hervorholen mussten.“

Dann kam die Zeit der investiven Umbauten, erfahren wir von Brigitte Sakrzewski weiter: „Die händische Pfandrückgabe mit Personal wurde durch Automaten ersetzt, mein Einkaufswagen wurde entsorgt. Edeka schaffte großen Easy Shopper an und der Platz für den kleinen, minimal Platzwegnehmenden Rolli-Einkaufs-Shopper fiel auch hier weg. Im Bauhaus ist er urplötzlich, aus welchen Gründen auch immer, auch nicht mehr da. Es blieben Rewe und dm auf der Schnellerstr. Eine Zeitlang lagen in den Straßen überall geklaute Einkaufswagen rum. Auch Rewe und dm waren von diesen Diebstählen betroffen. Der Rewe hat trotzdem 2 neue angeschafft und diese zunächst witzigerweise mit einem Zahlenschloss angekettet, was für das Personal sehr herausfordernd war. Das Schloss ist mittlerweile weg, aber die Einkaufswagen sind erfreulicherweise noch da.“

Das Resultat dieser ganzen Entwicklung ist letztlich recht unübersichtlich: In einigen Supermärkten, gibt es die speziellen Rolli-Einkaufswagen noch, andere haben keine mehr, und noch andere schaffen keine mehr an, weil „die doch wieder geklaut werden.“

Die Erkenntnis ihrer Bemühungen um bessere Einkaufsbedingungen fasst unserer Leserin so zusammen: „Bis der privatwirtschaftliche Sektor erkennt, dass auch Menschen mit Einschränkungen
eine zahlende Zielgruppe ist, die mit Service umworben werden will, wird es noch viele, viele Jahre vergehen.“

Über ähnliche Erfahrungen können wohl viele Berichten und auch die Erkenntnisse aus dem Erlebten dürften ähnlich ausfallen – es sei denn es gibt bald eine gesetzliche Regelung, welche alle Anbieter zu mehr Barrierefreiheit für den Einkauf verpflichtet.

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Bernd Kittendorf
25.11.2025 20:31

Dieses Beispiel mit den speziellen Rollstuhl-Einkaufswagen zeigt ganz gut, wie das mit der Freiwilligkeit hinsichtlich der Umsetzung von Inklusion und Barrierefreiheit funktioniert. Für eine Weile wird es nach einem Anlauf irgendwo in Deutschland kurzfristig mal in einem bestimmten Zusammenhang etwas besser für die Betroffenen dort, doch das hat eher keine langfristige Wirkung und verbreitet sich auch nicht im Sinne einer Vorbildfunktion von selbst. Von wegen „Best Practice„.

Schon deshalb sollte man als politisch Verantwortlicher auf ein solches Vorgehen setzen, wenn man Inklusion und Barrierefreiheit nicht wirklich voran bringen will. Nochmals das mit der Freiwilligkeit probieren, später evaluieren lassen, schon ist wieder reichlich Zeit vergangen. Man kann ja Referenten-Entwürfe zum BGG nicht auf Dauer in Schubladen schmoren lassen. Man kann sie auch veröffentlichen und nach etwas Kosmetik gar zu Gesetzen werden lassen, die nicht wirklich etwas für die auf Barrierefreiheit angewiesenen Menschen verbessern. Irgend jemand wird schon irgend etwas gut daran finden. Spielen auf Zeit im Sinne eines bösen Zeitgeistes, der Inklusion nicht will und schon deshalb Barrierefreiheit zu vermeiden trachtet.

Zugegeben, solche Ratschläge braucht es nicht, denn die werden ja aktuell schon ausprobiert. Man nennt es den Referenten-Entwurf, der nun in die Verbändebeteiligung gegeben wurde. Und die Reaktionen darauf sind, ich nenne es mal „zu freundlich“, auch wenn kein lobend Wort drin steckt.

Jedenfalls stimmt die gezogene Bilanz im Artikel: Der privatwirtschaftliche Sektor wird noch viele Jahre brauchen, um Menschen mit Behinderungen als zahlende Zielgruppe zu erkennen, die umworben werden will – es sei denn, eine gesetzliche Regelung verpflichtet zu mehr Barrierefreiheit. Auf einer solchen Zielgeraden sind wir hier im Deutschland des Jahres 2025 nicht.