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Neuveröffentlichung im Beltz-Verlag „Wer nun weiß, Gutes zu tun“ von Roland Frickenhaus und Heinz Becker

Das Cover des Buches.
von Roland Frickenhaus und Heinz Becker
Foto: RL

Berlin (kobinet) In diesen Tagen erscheint im Beltz-Verlag das Buch "Wer nun weiß, Gutes zu tun" von Roland Frickenhaus und Heinz Becker, die aus diversen Veröffentlichungen und ihrer öffentlichen Kritik an der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen für deren Behauptung, dass der deutsche Arbeitsmarkt erst durch WfbMs inklusiv würde, einem breiteren Publikum bekannt sind.

KOBINET hat nachgefragt, worum es in ihrem neuen Buch geht.



R. Frickenhaus: Wir verbinden zwei Stränge miteinander, die den Zeitraum von 40 Jahren Entwicklung der deutschen Behindertenhilfe, nämlich von 1980 bis 2020, umfassen. Der eine Strang sind persönliche Erinnerungen und der zweite Strang, sozusagen die Meta-Ebene, ist die Darstellung der fach- und sozialpolitischen Ereignisse jener Jahre und deren Vorgeschichte.

H. Becker: Ja, beides steht im Bezug zueinander. Wir glauben, dass man die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse besser verstehen kann, wenn man sie in den geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext einordnet, in dem sie gemacht wurden. Der Blick auf die Entwicklung unseres Hilfesystems aus der Perspektive der Mitarbeitenden: Diese Erzählweise ist neu und macht das Buch besonders.

KOBINET: Und wer von Ihnen hat welchem Teil geschrieben?

H. BECKER: Die Erlebnisse sind von Roland Frickenhaus, den wissenschaftlichen Teil habe ich beigesteuert. Weil es genau vierzig Berufsjahre sind, haben wir eine Unterteilung nach Dekaden vorgenommen. Es gibt also zu jedem Jahrzehnt einen individuellen „Erinnerungsteil“ und dazu ergänzend einen Fachteil.

KOBINET: An welche Zielgruppe wendet sich Ihr Buch?

R. FRICKENHAUS: Weil es sowohl biografisch als auch wissenschaftlich zu lesen ist, ist es für Mitarbeitende in der Behindertenhilfe genauso interessant wie für Lehrende und Schüler*innen und Student*innen im Bereich der Sozialen Arbeit/ Behindertenhilfe, Mitglieder der Selbstvertretung behinderter Menschen oder Eltern behinderter Kinder. Und natürlich jede/jeder, die/der an dem Thema interessiert ist.

KOBINET: Das heißt, dass Sie auch für eine Lesung, ein Seminar oder eine Diskussionsveranstaltung zur Verfügung stehen?

H.BECKER: Ja, sofern sich das zeitlich einrichten lässt in jedem Fall.

KOBINET: Was hat es mit dem etwas sperrigen Titel auf sich?

R. FRICKENHAUS: Er hat einen biblischen Bezug. Als ich damals als Referent im Landesverband der Diakonie tätig war, haben wir öfter über diesen Vers intensiv diskutiert, der vollständig „Wer nun weiß, Gutes zu tun und tut es nicht, dem ist es Sünde“ lautet. Es ging dabei um die Frage, woraus sich „Gutes tun“, das wir in unserem Kontext mit dem Begriff „Helfen“ gleichsetzten, eigentlich begründet. Helfen als Geschäftsidee ist eine Möglichkeit, die Dinge zu betrachten. Helfen, weil es sich aus sich selbst heraus begründet, eine andere. Die Nächstenliebe als Ware, die man kaufen kann wie Brötchen oder Benzin.

H. BECKER: In den vielen Jahren unserer beruflichen Tätigkeit hat sich diesbezüglich bei uns gewissermaßen eine erfahrungsgesteuerte Skepsis entwickelt. Wir glauben nicht, dass die Ökonomisierung des Sozialen und der Behindertenhilfe als einem Teil davon, der Weisheit letzter Schluss ist. Wir finden es ist an der Zeit, dass hierüber diskutiert wird. Deshalb der Titel, mit dem wir anregen, diesen Diskurs zu führen.

KOBINET: Wie könnte das funktionieren?

R. FRICKENHAUS: Es rächt sich, dass sich innerhalb unserer Fachdisziplin bisher keine wirkliche Streit- und Debattenkultur entwickelt hat. Gestritten wird mit der Politik, der Verwaltung, den Kassen und den Sozialhilfeträgern, nicht aber untereinander. Wenn man in die Geschichte schaut, kann man sehen, dass sich Wissenschaft auch dadurch weiterentwickelte, dass untereinander gestritten wurde. Der Disput als Methode sozusagen. Dass Kritik heute eher als Nestbeschmutzung abgetan wird, war nicht immer so.

KOBINET: Wenn Sie Ihre berufliche Erfahrung zu einem Satz verdichten sollten, wie würde dieser lauten?

H. BECKER: Ich glaube, dass ich für Roland Frickenhaus mitspreche, wenn ich sage, dass das Problem in der Behindertenhilfe nicht die Betroffenen oder Mitarbeitenden sind, sondern dass es das System ist, in dem die Hilfen erbracht werden, was uns Mitarbeitende aber nicht aus der Verantwortung für unser Handeln entlässt. Letztlich sind wir es, die Aussonderung oder Teilhabe umsetzen.

R. FRICKENHAUS: Ja, und dass sich in den letzten vierzig Jahren leider daran nicht wirklich etwas geändert hat.

KOBINET: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Buch:

Heinz Becker I Roland Frickenhaus: „Wer nun weiß, Gutes zu tun…“, Beltz-Verlag, ISBN: 978-3-7799-8491-7, Preis: 26,00 €