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Essen (kobinet) Mit dem Stück „IN THE END I NEED A HUG“ präsentierte Charlie Wyrsch, nach Meret König, die zweite Absolvent*in des Physical Theatre Studiengangs der Folkwang Universität in Essen, eine Abschlussarbeit mit integrierter kreativer Audiodeskription. Am 20.07. um 19:30 Uhr feierte das Stück Premiere. Die essener Absolvent*in arbeitete dafür eng mit der Blinden Expertin Sabine Kuxdorf aus Köln zusammen, um ein barrierefreies Kunsterlebnis für Blinde und Sehbehinderte zu ermöglichen. Dies schreibt Fabian Korner in einem Bericht über die Veranstaltung für die kobinet-nachrichten.
Bericht von Lilian Korner
Mit dem Stück „IN THE END I NEED A HUG“ präsentierte Charlie Wyrsch, nach Meret König, die zweite Absolvent*in des Physical Theatre Studiengangs der Folkwang Universität in Essen, eine Abschlussarbeit mit integrierter kreativer Audiodeskription. Am 20.07. um 19:30 Uhr feierte das Stück Premiere. Die Essener Absolvent*in arbeitete dafür eng mit der Blinden Expertin Sabine Kuxdorf aus Köln zusammen, um ein barrierefreies Kunsterlebnis für Blinde und Sehbehinderte zu ermöglichen.
Bei einer Audiodeskription werden Inhalte eines Films, Theaterstücks, Sportereignisses oder anderer Live-Performances für blinde und sehbehinderte Menschen beschrieben. Für Theater und Events lassen sie sich häufig separat buchen, im Fernsehen oder in den Mediatheken per Knopfdruck aktivieren. Es handelt sich dabei um Beschreibungen, die nachträglich zum Film oder Theaterstück entwickelt wurden. Anders ist es bei einer integrierten, kreativen Audiodeskription.
„Mit Sabine Kuxdorf war ich von Anfang an im Kontakt“, erzählt Charlie Wyrsch. „Ich wollte keine klassische Theatersituation mit Publikum auf der Bühne. Als Sabine mir dann berichtete, dass es für blinde Menschen besser ist, so nah wie möglich am Geschehen zu sein, gab das für mich den Ausschlag, den Theaterraum umzugestalten.“
Während auf den Zuschauerrängen Technik und Metalskulpturen stehen, sind die Stühle im Halbkreis auf der Bühne angeordnet. In der Mitte des Halbkreises steht eine Skulptur aus kleinen Körben und einer Mikrowelle auf halber Höhe, die zwischen fantasievoll verdrahtetem Schrott eingebettet sind. Daneben ein Plastik-Swimmingpool, unter dem die Performer*innen Charlie Wyrsch und Meret König liegen, bis zu ihrem ersten Auftritt. Bei einer integrierten Audiodeskription wird von Anfang an die Wahrnehmung von blinden und sehbehinderten Menschen berücksichtigt. Dies gelingt, indem blinde oder sehbehinderte Performer*innen oder Dramaturg*innen in den Produktionsprozess von Beginn an eingebunden sind. Um ein Stück für sehendes wie nicht sehendes Publikum zu einem Genuss zu machen, werden beispielsweise Erzähler*innen in das Stück integriert oder Dialoge so geschrieben, dass die Figuren etwas über ihr Aussehen erzählen. Auch Geräusche von Kostümen, dem Boden oder anderen Requisiten werden aktiv in das Geschehen mit einbezogen. Außerdem gibt es zu Beginn eine Führung über die Bühne, um wichtige Kostümteile oder Teile des Bühnenaufbaus bereits betasten zu können.
„IN THE END I NEED A HUG“, auf Deutsch „Am Ende brauche ich eine Umarmung“, erzählt vom Umgang mit dem Klimawandel, seinen Ursachen und Folgen. Eine KI-generierte Stimme, die sich uns als Mikrowellenorakel vorstellt, führt durch das Stück. Zu Beginn werden wir mit fünf Phasen eines Trauermodells bekannt gemacht. Von „es wird schon nicht so schlimm werden“, über Wut angesichts des Klimawandels, bis hin zu Depression und Akzeptanz wird ein Emotionsfeuerwerk abgebrannt. Charlie Wyrsch verließ sich dabei nicht nur auf Stimmen und Bühnensounds. Beispielsweise wurde, passend zum Thema eines schmelzenden Gletschers, Eisbonbons verteilt, die gemeinsam zerbissen wurden. Auch wenn zahlreiche Popreferenzen der frühen 2000er Jahre das Stück auflockerten, gab das Aussterben von Arten und übermäßiger Müllproduktion durch Konsum Anlass zum Nachdenken. Trotz all dieser Elemente des menschengemachten Klimawandels wurde keine Moralpredigt gehalten. Vielmehr dominierte ein ironischer Ton nach dem Motto „eigentlich wissen wir das doch alles schon“.
Entgegen anfänglichem Eindruck, trifft das Publikum nicht auf eine Satire über scheiternde Klimapolitik. Spürbar wurde dies im zweiten Teil, indem das Gefühl der Ohnmacht angesichts massiver klimapolitischer Herausforderungen Raum geboten wurde. So gelang eine angemessene und überzeugende Darstellung der Emotionen rund um die anstehende Klimakatastrophe. Eine Katastrophe, der wir uns nicht einzeln stellen müssen. In diesem Sinne bekam jede Person im Publikum zu Beginn einen Plastikschuhüberzieher. Symbolisch war dies die Aufforderung, nach einem zweiten zu suchen und dabei einem anderen Menschen zu begegnen. Denn so sehr die Gefühle und das Wissen im Angesicht einer anstehenden (Klima)Apokalypse überfordern mögen, hilft womöglich eine Umarmung das Geschehene zu verstehen und Mut für die Zukunft zu sammeln.
Mit „IN THE END I NEED A HUG“ von Charlie Wyrsch, Meret König, Katrin Meier und Sabine Kuxdorf wird etwas wahres über unsere Gegenwart gesagt. Insofern überraschte es nicht, als am Abend der Premiere ein Gewitter über die Essener Folkwangstudios zog und dem apokalyptischen Szenario ein weiteres Moment hinzu gab. Ein sprichwörtliches Ende mit Ansage. Dies trifft auch auf die Barrierefreiheit und Inklusivität des Stückes zu. Sowohl Sehende als auch Blinde und Sehbehinderte konnten gemeinsam ein Stück genießen. So kann kulturelle Teilhabe verwirklicht werden. Geht sie zugleich von den Absolvent*innen aus, also den Theatermacher*innen von morgen, besteht Grund zum Optimismus, dass dies vielleicht auch die Ansage eines Endes einer exklusiven Theatertradition ist.
Wer jetzt neugierig geworden ist, hat die Gelegenheit das Stück Am 11. September 2024 im Pina Bausch Theater zu erleben.
Bildbeschreibung: Meret und Charlie tragen weiße Kostüme, workwear, weißes elastisches Shirt mit einem abgetrennten Ärmel. Darüber tragen sie schwarz, weiß graue Harnische, die aus Gürtel hergestellt wurden. Sie greifen beide mit einer Hand in den Gurt um die Hüfte des*der anderen und lehnen sich in eine Balance miteinander. Sie schauen sich in die Augen. Im Hintergrund steht der im Text beschriebene Turm aus Körben, Mikrowelle und Kabeln. Der Tanzboden ist weiß, der Hintergrund schwarz.




