
Foto: Pixabay/timoostrich
Staufen (kobinet) Diese Kolumne über Igel und Elefanten spielt nicht im Zoo oder Tierpark. Igel ist die Abkürzung für „Inklusion gelebt“ oder gelebte Inklusion und Elefanten steht für „elementare Formen aggressiver neoliberaler Transformation“ (ein Worteungetüm, wie es zu einem Elefanten nicht besser passen könnte). Was ich in dieser durch Ottmar Miles Paul angeregten Folge verdeutlichen möchte: Die Überschrift gewordene Zuspitzung „Inklusion ohne Revolution eine Illusion“ bestreitet nicht die Existenz der Igel, also Praktiken gelebter Inklusion bzw. von Beispielen gelingender Inklusion. Die Zuspitzung macht vielmehr auf die Elefanten im gesellschaftlichen Raum aufmerksam, die Inklusion gesamtgesellschaftlich und in dem Sinne verhindern, wie die Betroffenen an der Basis sie sich wünschen oder vorstellen.
Saschas Igel oder die eine Wahrheitshälfte
Dem behinderten Podcaster Sascha Lang gebührt die Ehre des IGEL-Erfinders. Igel besagt bei ihm ausbuchstabiert „Inklusion ganz einfach leben“. Wer dem (und sei es aus persönlicher Erfahrung) entgegenhält, ja wenn Inklusion nur so einfach wäre, mag nicht unrecht haben, aber ist mit seinem Einwand hier dennoch fehl am Platz. Weil Sascha und dies ist vollkommen legitim, weil Sascha sich aufs Anstoßgeben, Ermutigen, Empowern der vielen Einzelnen von uns spezialisiert hat. Gelingen kann es nämlich, Inklusion einfach zu leben, den Versuch ist es wert. Nichts dagegen also von einem pragmatisch-aktivistischen Standpunkt aus, sich auf die Wette einzulassen, „wetten, ich schaffe es“. Und davon lasse ich mich auch nicht abhalten, durch bloß statistische Erfahrungsdaten, Durchschnittsgrößen, die schließlich höchstens allgemein zutreffen, doch nicht in jedem besonderen Fall. Soweit die eine Wahrheitshälfte.
Daneben (neben der subjektiven Herangehensweise in Form der Wette auf ein inklusives Leben) gibt es die andere Wahrheitshälfte. Die des gesellschaftsanalytisch Beobachtbaren und dessen, was an Inklusion realistisch erwartbar ist, was wahrscheinlich und was eher unwahrscheinlich sein dürfte. Wie diese andere Wahrheitshälfte ausfällt, hängt mithin von den gesellschaftlichen Verhältnissen ab, Zuständen und Bedingungen, die nicht vom Willen und der Initiative der je Einzelnen abhängen. Weshalb es sich auch nicht empfiehlt diese objektiven Rahmenbedingungen zu ignorieren oder auszublenden. Es sei denn, man hat sich von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrem imaginären Überbau bereits neoliberal transformieren lassen, erklärt sich einverstanden und agiert als „Unternehmer seiner selbst“ bzw. als „unternehmerisches Selbst“.
Meinerseits spreche ich nicht in der Rolle des Behindertenaktivisten, ich schreibe mit dem Blick des intellektuellen Beobachters, des Analytikers von Strukturen und Herrschaftsverhältnissen. Und stehe hiermit komplementär zum pragmatisch aktivistischen Animateur Sascha für die andere Wahrheitshälfte. Nämlich die der vom Einzelnen nicht aufhebbaren Rahmenbedingungen. Vor deren Hintergrund ich frage: Haben Einzelne das Ziel von Gleichstellung und Inklusion für sich erreicht, worin finden sie sich dann wieder? In was sind sie inkludiert? Zusammenfassende Antwort: Da bleibt unter Umständen nicht mehr viel von „Inklusion einfach gelebt“, wir werden vom großen Elefantenmagen verdaut. Anders gesagt, da herrschen, von Ausnahmen abgesehen (z. B. soziale Nischen), extreme Druckverhältnisse, Konkurrenz-und Selbstbehauptungszwänge, Abstiegsängste und Verlustdrohung. Neoliberales Rattenrennen, Hamsterrad und Haifischbecken sind bildliche Umschreibungen dafür. Hinzu kommt vielerorts eine Verrohung der politischen Auseinandersetzung und eine Verschärfung des öffentlichen Tons, was ebenso wenig zu einem Teilhabe förderlichen und inklusionsfreundlichen Klima beiträgt.
Beide Wahrheitshälften lassen sich nun zu einer ganzen Wahrheit zusammensetzen. Die Elefanten (die „elementaren Formen aggressiver neoliberaler Transformation“) haben sich die Igel (die Exemplare gelebter Inklusion) einverleibt und sind damit beschäftigt sie zu verdauen. Wie wir es von unserem persönlichen Stoffwechsel her kennen, so kommt auch beim neoliberalen Metabolismus am Ende etwas heraus, was den ihm zugeführten Stoff und seine Form nicht mehr erkennen lässt. – Auch daher meines Erachtens so entscheidend, was Raul Krauthausen am Anfang seines Standardwerks „Wer Inklusion will …“ betont: Inklusion meint nicht Integration in die bestehenden Systeme (z.B. von der Sonderschule in die Regelschule), Inklusion geht vielmehr mit der Veränderung dessen einher, wo hinein inkludiert wird (nämlich die Strukturen und Abläufe der Regelschule beispielsweise). Die alles entscheidende Differenz zwischen Inklusion und Integration gilt es festzuhalten auch bezüglich einer gesamtgesellschaftlichen Inklusion: Analog zur Regelschule müssen die Strukturen und Abläufe der Gesellschaft insgesamt verändert werden. Das heißt, es müssen die neoliberalen Verhältnisse von der Wurzel her, also radikal, verändert werden. Ex negativo gesprochen, „Inklusion ohne Revolution ist eine Illusion“.
Ist Kritik erst als „positive“ sinnvoll und zulässig?
„Ex negativo“ ist eine gutes Stichwort. Eine Kritik, die „im Negativen“ verbleibe, in dem sie lediglich Mängel aufzeige (seien es solche am Detail oder handle es sich um Defizite des Ganzen) und sich darüber ausschweige, was an die Stelle des Kritisierten treten solle und wie dies zu bewerkstelligen wäre – solche Kritik wird gern zurückgewiesen und für unzulässig erklärt. Von Adressaten, die sich von dieser Kritik angegriffen fühlen, was vom Kritiker gar nicht beabsichtigt sein muss. Auch die „nur negative Kritik“ hat ihre Berechtigung, wenn sie aufzeigt, wie die Dinge wirklich liegen. Und dass man auch ohne die sogleich geforderten „Verbesserungsvorschläge“ etwas mit ihr anfangen kann. Beispielsweise indem man zweifelhafte, in der Tendenz destruktive Verhaltensweisen unterlässt. Analog zur „ein Stück weit gelebten Inklusion“ bestimmte Dinge „ein Stück weit einfach sein lässt“, die Frage nach „etwas Besseren“, was an deren Stelle zu setzen wäre, stellt sich dabei nicht.
Die Absicht meiner vorangehenden Kolumnen war die Beschreibung und Analyse der Strukturen und Verhältnisse, in denen wir uns gesellschaftlich aufhalten und gewissermaßen feststecken. Und die auch so etwas wie den systemkonformen behindertenpolitischen Bewegungsspielraum abstecken. Eine Beschreibung und Analyse, die mir keineswegs trivial oder überflüssig erscheint, denn vielen von uns Behinderten (wie auch vielen Nichtbehinderten) bleiben die Verhältnisse, innerhalb derer sie sich bewegen und „funktionieren“, undeutlich und es fehlen ihnen oft genug die Begriffe, sie zu benennen. So mein Eindruck jedenfalls. Und in meiner Rolle und mit der Kompetenz eines auf der Ebene des gesellschaftlich Allgemeinen operierenden intellektuellen Beobachters und Analytikers maße ich mir nicht an, das behindertenpolitische Handeln von AktivistInnen in besonderen und konkreten Zusammenhängen zu beurteilen oder zu kritisieren.
Eine der internen Diskussion und der Kritik weitgehend entwöhnte Szene?
Ottmar Miles-Paul (dem die letzte Kolumnenfolge gewidmet war) schrieb mir, er sei an einer vierten Folge interessiert, in der er Hinweise darauf bekomme, was die Behindertenbewegung meiner Meinung nach genau tun solle, wörtlich „was sollen wir genau und wie anders machen?“ – Mit den vorangehenden Präzisierungen habe ich diese Frage nun schon ansatzweise beantwortet. Indem ich die Beobachtung, Beschreibung und Analyse als Schwerpunkt meiner Beitragsmöglichkeiten unterstreiche und damit zugleich auch die Grenzen meiner Expertise bezüglich dessen aufzeige, was wir genau und wie anders machen sollten, in Ottmars Worten „wie und wo können wir das System konkret ändern?“ Antworten auf diese jeweils einzelne und konkrete Praxisansätze fokussierenden Fragen lassen sich nur in einem gemeinsamen Diskussionsprozess (zwischen dem „Typ Pragmatiker“ und dem „Typ Theoretiker“) finden oder entwickeln. Und damit berühre ich den Punkt meiner größten Irritation mit Blick auf den behindertenpolitischen Öffentlichkeitskontext. Ich vermisse die öffentliche Diskussion, einen thematisch und positionsmäßig breit gefächerten Diskurs, die offene und kontroverse Debatte. An Einzelstimmen und Einzelinitiativen, ob sie mit Nachrichtenbeiträgen und Wortmeldungen auf den kobinet-nachrichten oder auf der Plattform Die Neue Norm versammelt sind, mangelt es nicht. Doch deren Nebeneinander und Nacheinander gleicht mehr einer Ansammlung von Monologen, einen wünschenswerten Dialog untereinander, Diskussion und Debatte, stellen sie noch nicht dar.
Dass alle ständig so sehr beschäftigt sind und zu Dialog und Diskurs keine Zeit bleibt, überzeugt mich nicht als Erklärung. Was den Diskussionsbedarf der behindertenpolitischen Positionen untereinander angeht, mein Verlangen nach Dialog, lieber Ottmar, teile ich deinen Einwand nicht, dass „jede weitere Initiative nur noch weiter ins Hamsterrad führt“. Gute Gespräche, selbst leidenschaftlich oder heftig geführte Diskussionen, sind Empowerment im besten Sinne und kein Hamsterrad. Die Hamsterräder zählen zu den „elementaren Formen aggressiver neoliberaler Transformation“, darin strampeln sich die atomisierten Einzelnen für eine imaginäre, unerreichbare narzisstische Befriedigung ab. Erst wenn demokratische Diskurse entgleisen, wie auf Social Media leider allzu oft der Fall (mittlerweile auch in der sonstigen politischen Öffentlichkeit), kann sich selbst Demokratie in ein Hamsterrad verwandeln. Ihre nicht pathologischen Ausdrucksformen, es mag noch so engagiert gestritten werden, würde ich auch nicht mit dem Etikett „Kampfzone“ versehen, das ich als passendes Label für das „catch as catch can“ des neoliberalen Konkurrenz- und Karrierebetriebs verwenden möchte. – Dein Eindruck, dass ich meinerseits „auch gut in die Eisen steige und austeile“, veranlasst mich natürlich zur Selbstprüfung. Doch nährt dein strenges Urteil meine Vermutung, dass die behindertenpolitische Szene so sehr der Kritik entwöhnt ist und daher aus einer Fliege schnell mal ein Elefant wird (diesmal nicht die neoliberale Spezies). Das der Diskussion und der Kritik Entwöhntsein könnte auch eine Überreaktion mit erklären, die du in deiner Mail auf drastische Weise so beschreibst: „Gerade in Situationen, wo man schon ein bisschen am Sinn und Zweck der Selbstausbeutung und des Engagements zweifelt, kann ein Kommentar oder Hinweis manchmal dazu führen, dass die Leute sagen, leckt mich, macht euren Scheiß doch allein.“
Graswurzeln bieten ein „gutes Ende“ fürs Anfangen, ein anderes Beginnen beruflich und sozial
Ottmars Frage geht mir weiter durch den Kopf, „wo siehst du Hoffnungsschimmer, wo das (System konkret zu ändern) im Ansatz gelungen ist, in einem antikapitalistischen menschlichen Sinn?“ – Ansatzweise in der Vergangenheit gelungene und gegenwärtig gelingende Praktiken und Projekte gibt es sicherlich einige, sie werden eher klein und unscheinbar sein, quasi versteckt oder verborgen an der Basis, bei den „Graswurzeln“. Oder punktuell aufblitzen in politischen Protestinitiativen, wie sie Eva von Redecker aus dem feministischen Umfeld zur Illustration heranzieht. In meiner eigenen prekären Existenz in sozusagen insularer Isolation im spießbürgerlich verschmockten Staufen, eigne ich mich denkbar schlecht, dazu einen Überblick zu geben. Statt dessen steigen Erinnerungen in mir auf von durchaus ambivalenter Nostalgie.
„Alternative Ökonomie“, „selbstverwaltete Betriebe“, „genossenschaftliche Projekte“ – Bezeichnungen für alternativökonomische Graswurzelinitiativen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, in denen undogmatische Linke und Spontis konkrete Ansätze der Gesellschafts-Veränderung praktisch in Angriff nahmen. Statt wie die Parteilinken bzw. die sektiererischen Kaderparteien auf den Sanktnimmerleinstag der Revolution zu warten. Versuche, die ich damals von innen her als Beteiligter kennengelernt habe. Ob man aus deren Erfahrungen fürs Heute lernen könnte? Manche Projekte gaben rasch auf oder erlitten Schiffbruch, andere mauserten sich zu florierenden Unternehmen, die aber ihre Ursprungsideale weitgehend aufgaben und irgendwann in der kapitalistischen Einheitsökonomie aufgegangen sind. – Meine Erinnerung an jene tastenden Versuche bringt mich auf den Gedanken, ob nicht ein Teil der Behindertenwerkstätten durch Bündnisse oder Koalitionen von dort Beschäftigten diese Betriebe in ähnlicher Weise genossenschaftlich oder gemeinwohlökonomisch und in diesem Sinne subversiv umgestalten könnten. Diejenigen, die mit dem Werkstättenmilieu vertraut sind, müssten hier konstruktiv anknüpfen oder sagen, geht nicht, alles Unfug.
Ottmars Fragen und Bedenken also hinlänglich berücksichtigt, ändert sich nach meinem Dafürhalten nichts am Sinn und an der Plausibilität der von mir favorisierten Vorgehensweise in drei Schritten. An erster Stelle sollten wir uns ein ungeschöntes Bild der Lage verschaffen, uns über die gesellschaftlichen Verhältnisse ehrlich machen, in denen wir leben und arbeiten. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, wo wir zunächst Dinge einfach unterlassen können, bzw. nicht weiter mitspielen müssen. Erst an letzter Stelle kann man überlegen, wo es auf Graswurzelebene „gute Enden“ gibt, um etwas neues zu beginnen, die Atomisierung zu überwinden und in überschaubaren, solidarischen Kollektiven ein anderes Leben und Arbeiten auszuprobieren – im Sinne der Revolution für das Leben. – „Gute Enden“ ist übrigens der Titel von Max Czolleks neuer Gedichtesammlung. Czollek betätigt sich als Aktivist in der säkularen jüdischen Community und hat das „Institute for social justice and radical diversity“ mitgegründet. Zur Zeit heißt „sich ehrlich machen“ für ihn, der Gefahr ins Auge sehen, dass das Ganze kein gutes Ende nimmt. Erkennen, „dass wir uns gerade in einer ziemlich heftigen Verleugnungsphase befinden“ und sich ehrlich machen folglich bedeutet, diese Verleugnung nicht länger mitzumachen. Punkt eins meines Dreischritts, mit dem ich diesen Absatz begonnen habe.
Brennpunkte aus meinem gesellschaftlichen Realitätscheck in der Übersicht
Parademarsch der Elefanten, der Elementarformen aggressiver neoliberaler Transformation. An der Spitze der am lautesten trompetende Elefant: Die narzisstische Anrufung, „Realisiere als unique Person dein kreatives Potential“, Anfeuerung zur größenwahnsinnigen Selbstliebe, sich nach oben boxen zum Gewinner, zur Siegerin im Anerkennungsglanz. Schonungslose Selbstinstrumentalisierung. Absteiger und Verliererinnen dürfen unentwegt erneut antreten. – Der Elefant mit dem weit aufgesperrten Maul: Arbeitsmarkt, Beruf und Karriere. Im Bauch des Elefanten werden alle durch die Wettbewerbs-, Leistungsvergleichs-, Best Practice- und Performancemühle gedreht. Wer sich nicht den aggressiven Habitus der Durchsetzungsstärke zugelegt hat, wird ausgespuckt. Ausgebrannte, Kaputte und Überflüssige werden externalisiert. – Der Zirkuselefant: „Rotten Social Media“, die Arena der Hassrede und Ressentimentabfuhr. Von den großen Digitalplattformen als Brot- und Spielegeldesel genutzt.
Zwischen dem Getrampel der Elefanten taumelt eine ins Straucheln geratene Demokratie und eine verwirrte Öffentlichkeit. Zur Stabilisierung und Beruhigung trägt ein arroganter, hypermoralischer Mainstreamjournalismus nicht gerade bei, der das legitime Meinungsspektrum auch diesseits offen extremistischer Äußerungen über Gebühr einschränkt. Dies fördert auf dem Gegenpol Hassrede und toxische Emotialisierung, ängstliches Duckmäusertum und Konformismus. Übrig bleibt die mediale Selbstinszenierung der meritokratischen Elite, die sich in ihrer „splendid isolation“ darüber wundert, dass das Volk oder die Basis nicht verstehen will, wie gut sie es mit ihnen doch meint. – Ein noch näher zu beleuchtendes Feld wäre der mittlere Bereich zwischen gesellschaftlicher Basis und wirtschaftlicher und politischer Herrschaftssphäre; der die sogenannte digitale Wissensarbeit und die Kreativkultur umfassende Zwischenbereich als Domäne eines progressiven oder kulturellen Neoliberalismus, der seinen inneren Widerspruch gerne verbirgt: Progressive Rhetorik (Chancengleichheit,Vielfalt etc.) einerseits und andererseits eine unverändert materielle und persönliche Ressourcen erschöpfende und die Gesellschaft bzw. die Menschen atomisierende Praxis. Eine auf individuelle Vorteilsnahme hinauslaufende unreflektierte Empowerment-Rhetorik gehört in diesen Zusammenhang.
Entsprechend der inneren Vielfalt und der unterschiedlichen Ausgangslage innerhalb des Behindertenmilieus, seiner Community und seines Aktivismus wird sich auch das behindertenpolitische Engagement arbeitsteilig gestalten. Da gibt es die verschiedenen Kategorien von Behinderung und deren zumeist lokal oder regional organisierte Selbsthilfe. Dann die überregionalen Zusammenschlüsse der die Behinderten insgesamt repräsentierenden Selbsthilfeorganisationen (z.B. ISL). All dies rechne ich zur behindertenpolitischen Basis. Des weiteren sind zu nennen die medial prominenten Stimmen von Behinderten, die in die meritokratische Elite aufgestiegen sind und eine wichtige Repräsentationsfunktion haben. Endlich die professionelle Behindertenpolitik, zu deren Vertreterinnen insbesondere die Behindertenbeauftragten zählen. Sie sind für das realpolitisch Mögliche zuständig. In produktiver Spannung dazu stehen die darüber hinausgehenden Anliegen und Forderungen der behindertenpolitischen Basis. Das „Produktive“ des Verhältnisses hängt wohl davon ab, wie gut der Transfer zwischen allen Beteiligten läuft. Gesprächsabbruch und Verselbständigungstendenzen sind kontraproduktiv. – Und noch eine letzte Trivialität. Es gilt vor allem an dieser Unterscheidung festzuhalten: Die zwischen dem nächsten Etappenziel (derzeit insbesondere die Umsetzung der UN-BRK in der staatlichen Gesetzgebung und im Verwaltungshandeln) und einem langfristigen Hauptziel (die antikapitalistische Revolution für das Leben wäre meine Chiffre dafür), dessen Motor in erster Linie die behindertenpolitische Basis sein muss.
Okay, abschließend ein letztes Mal zu Ottmars Frage nach einem Hoffnungsschimmer. Unseren Realitätscheck mal geschichtlich ein wenig in die Vergangenheit erweitert, ergibt sich für die Gegenwart ein Bild, das gar so düster nicht ist. Vor dem Hintergrund einer Geschichte, in der Behinderte gesellschaftlich versteckt und weggesperrt worden sind bis hin zur Vernichtung als „unwertes Leben“, bedeutet unser heutiger Anteil einer öffentlicher Sichtbarkeit und dass wir uns mehr und mehr mit eigener Stimme zu Wort melden allein schon ein revolutionärer Akt pro life, eine kleine Revolution für das Leben. Nun heißt es, das Bewusstsein davon konsequent kontinuieren, uns nicht auseinander dividieren lassen und uns nicht in neoliberalen Selbstvermarktungsspielen verlieren.
P.S. Starkes Beispiel für arbeitsteilig behindertenpolitische Interessenartikulation. Raul Krauthausens Vortrag, „Wie sähe ein kultureller Wendepunkt für echte Inklusion aus?“ auf der 18. Re:publica (Veranstaltungsmotto „Who cares“). Das turnusmäßig Meeting der digitalen Avantgarde ist eine zivilgesellschaftliche Manifestation des progressiven bzw. kulturellen Neoliberalismus, auf der namhafte Vertreterinnen der Kulturell Kreativen zu Wort kommen. Krauthausens Vortrag traf, so finde ich, den das Auditorium ansprechenden Ton. https://www.youtube.com/watch?v=Yrr61TqgLf0




