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Ein Roman, vier Beauftragte und eine engagierte Diskussion zum Werkstättensystem

Bild vom Podium bei der Lesung am 17.5.24 in Potsdam
Bild vom Podium bei der Lesung am 17.5.24 in Potsdam
Foto: Nina Waskowski

Potsdam (kobinet) Die Tatsache, dass an einem Freitagabend vor Pfingsten mit frühlingshaftem Wetter, das zum Grillen einlud, der Saal des Stadt- und Landesbibliothek im Bildungsforum in Potsdam gut gefüllt war, wäre für sich schon ein Indikator für ein großes Interesse an einem Thema. Dass dabei noch vier Behindertenbeauftragte vom Bund, über das Land, der Stadt und aus dem Landkreis anwesend waren, macht besonders deutlich, wie aktuell das Thema des Romans von Ottmar Miles-Paul "Zündeln an den Struktuen" über die Situation in Werkstätten für behinderte Menschen ist. Die Rede ist von der Lesung aus dem Roman des Behindertenrechtlers, die am 17. Mai 2024 im Rahmen des umfangreichen Programms der Potsdamer Inklusionstage stattfand. Deutlich wurde dabei, dass noch sehr viel für die Inklusion behinderter Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt getan werden kann und muss.

Seit dem 27. April wird in Potsdam ein umfassendes Programm im Rahmen der Potsdamer Inklusionstage angeboten, die am 26. Mai enden. Die Lesung aus dem Roman zur Situation in Werkstätten war dabei ein behindertenpolitisches Highlight. Die Behindertenbeauftragter der Stadt Potsdam, Dr. Tina Denninger, und deren Team hatten dazu eingeladen und gleich drei weitere Behindertenbeauftragte waren der Einladung gefolgt. In ihrer Begrüßung äusserte Dr. Tina Denninger ihre Freude darüber, dass das Thema auf solch großes Interesse stößt und durch die Lesung verschiedene Akteur*innen zusammengebracht werden konnten.

Jürgen Dusel, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, machte in seinem Grußwort zur Lesung deutlich, dass es mehr Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt braucht und es gelte, auf die Wünsche vor allem auch der behinderten Menschen, die in Werkstätten arbeiten, zu hören. Er zeigte einige Lücken im Bereich der Beschäftigung behinderter Menschen auf, wo Handlungsbedarf besteht. In der Diskussion machte die Landesbehindertenbeauftragte von Brandenburg,, Jenny Armbruster, ebenfalls deutlich, dass die Vermittlung aus den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt verbessert werden muss und die Betriebe mehr Verantwortung übernehmen müssen. Und als vierter im Bunde war der Behindertenbeauftragte des Landkreis Barnim, Sascha Höhnow, zur Lesung gekommen. Eine Reihe von Mitgliedern des Potsdamer Behindertenbeirats, von Anbietern verschiedener Unterstützungsleistungen und interessierten Teilnehmenden rundeten das bunte Publikum ab. Auch der Leiter einer Werkstatt für behinderte Menschen war gekommen und brachte sich in die Diskussion mit ein.

Mit Unterstützung seiner Leseassistentin Sabine Lohner aus Frankfurt und der Übersetzerin in Einfache Sprache Manuela Schulz stellte Ottmar Miles-Paul einige Akteur*innen aus seinem Roman vor. Da sind zum Beispiel Helen Weber und Klaus Kriske, die in der fiktiven Lindentalwerkstatt versucht hatten, etwas zu ändern und gerne auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen. Aus Frust haben sie die Werkstatt in Brand gesteckt. Aber auch, um Veränderungen möglich zu machen und der Frage Raum zu geben: „Was wäre möglich, wenn es keine Werkstatt gäbe und die verschiedenen Akteur*innen in der Stadt Verantwortung für eine inklusive Beschäftigung übernehmen müssten?“

Die Journalistin Katrin Grund, die über den Brand und die weiteren Vorgänge berichtet, wurde ebenfalls kurz vorgestellt. Da sind aber auch die Vertreter*innen der abgebrannten Werkstatt, die schon von einer viel größeren Werkstatt träumen. In der Lesung wurden aber auch erste Erfolge für die Vermittlung von behinderten Menschen, die bisher in der Werkstatt gearbeitet haben, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt berichtet. Neben der Enthinderungsgruppe sind hier die Eltern für Inklusion und einige Werkstattbeschäftigte aktiv. Und dann ist da noch die Frage, ob der Polizeikommissar die Täter*innen ausfindig machen kann.

Während einige dieser Fragen bei der Lesung offen blieben, da der Roman ja noch gelesen werden soll, wurden einige Informationen über das Budget für Arbeit aus dem Roman von Sabine Lohner vorgelesen. Denn die Romanakteur*innen – und nicht nur diese – ärgert besonders, dass behinderte Menschen kaum über die Möglichkeiten des Budget für Arbeit informiert werden. Hierzu veröffentlichen die kobinet-nachrichten den vorgetragenen Auszug aus dem Roman über das Budget für Arbeit aus dem Gespräch der Juristin und der pragmatischen Aktivistin der Enthinderungsgruppe:

„‚Die Idee des mit dem Bundesteilhabegesetz eingeführten Budgets für Arbeit ist ganz simpel. Das Geld, das sonst als Eingliederungshilfe an die Werkstatt für behinderte Menschen gezahlt wird, geht mit dem Budget für Arbeit als Lohnkostenzuschuss an ganz normale Arbeitgeber. Diese können damit behinderte Menschen im Rahmen eines richtigen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatzes beschäftigen. Es gibt zusätzlich zu einem recht hohen Lohnkostenzuschuss auch Geld für die Assistenz behinderter Menschen am Arbeitsplatz, wenn diese gebraucht wird. Diese Mittel können zum Beispiel für eine Anleitung oder andere Unterstützungen am Arbeitsplatz eingesetzt werden.‘

‚Und warum wird das kaum genutzt?‘

‚Die Nutzung dieser Fördermöglichkeit in der Praxis auf die Schiene zu bekommen, scheint für viele wie ein Hexenwerk zu sein. Immer noch weiß kaum jemand über diese Möglichkeit der Beschäftigung und Förderung behinderter Menschen aus Werkstätten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Bescheid. Und anscheinend will darüber auch niemand richtig Bescheid wissen.‘

Claudia Liese machte vor allem wütend, dass niemand ein wirkliches Interesse daran zu haben schien, dass behinderte Menschen statt in einer Werkstatt bei ganz normalen Arbeitgeber*innen arbeiten konnten. Kaum jemand setzte sich ernsthaft dafür ein, dass sie, wie andere Menschen auch, sozialversichert beschäftigt wurden und einen anständigen Lohn bekamen. Dabei bot das Budget für Arbeit trotz einiger kleinerer Haken doch endlich diese Möglichkeit. Dies war aber bisher – und besonders in ihrer Stadt – viel zu wenig bekannt und wurde kaum genutzt.

‚Hast du dazu Zahlen?‘, fragte Katja Franke.

‚Zum Stichtag 31. Dezember 2020 waren bundesweit gerade einmal 1.679 Personen gemeldet, die ein Budget für Arbeit erhielten. Weitere 3.081 behinderte Menschen bekamen vergleichbare landesspezifische Leistungen für eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dies geht aus dem Kennzahlenvergleich der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger hervor‘, führte Claudia Liese in ihrer typisch korrekten, detailverliebten Art aus und betonte: ‚Das sind nicht einmal 5.000 von den circa 320.000 behinderten Menschen, die bundesweit in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten. Nicht einmal zwei Prozent! Niemand außer ein paar behinderten Menschen, die als ständig nörgelnd und nimmer zufrieden abgestempelt werden, scheint es also wichtig zu sein, dass zur Inklusion auch gehört, behinderten Menschen einen fairen Lohn oder wenigstens den Mindestlohn für ihre Arbeit zu bezahlen.'“

Diese Zahlen über die Nutzung des Budget für Arbeit aus dem Roman haben sich mit dem neuesten Kennzahlenvergleich der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger über das Jahr 2022 zwar etwas verbessert, die Möglichkeiten der Nutzung des Budget für Arbeit ist aber noch längst nicht bei den Beschäftigten von Werkstätten für behinderte Menschen angekommen. Hier gibt es also nach Ansicht von Ottmar Miles-Paul noch einen großen Aufklärungsbedarf.

Deshalb geht es bereits am 31. Mai mit der nächsten Lesung aus dem Roman Zündeln aus den Strukturen in Hamburg weiter. Dort werden Ottmar Miles-Paul und seine Leseassistentin Sabine Lohner zum fünften Mal in diesem Monat nach Marburg, Mainz, Berlin und Potsdam antreten und hoffen auf eine ebenfalls so spannende Diskussion wie in Potsdam. Vor allem hofft der Romanautor, dass es nicht nur bei den Lesungen bleibt, sondern dass dabei der Funke überspringt. Jede und jeder kann überlegen, was sie tun können, um behinderten Menschen Türen aus der Exklusion zur Inklusion zu öffnen. Und da gibt es in Deutschland noch sehr viele Türen.

Die kostenfreie Lesung am 31. Mai 2024 findet um 14:00 Uhr im Haus für Barrierefreiheit, Alsterdorfer Markt 7 in 22297 Hamburg mit Ottmar Miles-Paul und Sabine Lohner auf Einladung der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderter Menschen (LAG) statt.

Link zu Infos zum Roman, zu weiteren und stattgefundenen Lesungen und zu Berichten über den Roman

Infos, wo man den Roman kaufen kann

Der gedruckte 286 Seiten umfassende Reportage-Roman kann zum Preis von 17,00 Euro plus 2,95 Euro Versandkosten und das E-Book zum Preis von 5,95 Euro im Internet beim Verlag epubli unter folgendem Link bestellt werden:

https://www.epubli.com/?s=Z%C3%BCndeln+an+den+Strukturen

Mit der ISBN-Nummer 9783757579388 gibt es das Buch im Buchhandel. Die ISBN-Nummer für das E-Book lautet: 9783757579760

Angaben zum Buchtitel:

Ottmar Miles-Paul, Katrin Grund; Zündeln an den Strukturen – Reportage-Roman. Erschienen im Verlag epubli August 2023

Kostenfreie Download-Möglichkeit des Romans

Link zur kostenfreien Möglichkeit zum Lesen und zum Download des Romans in der Online-Volltextbibliothek bidokbib

Lesermeinungen

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11 Lesermeinungen
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Stephan Laux
23.05.2024 09:03

Ich vermute, dass das Buch in einigen WfbM auf dem „Index“ steht.

Uwe Heineker
Antwort auf  Stephan Laux
23.05.2024 15:04
Konrad W.
Antwort auf  Uwe Heineker
24.05.2024 08:42

Ein wenig neutraler, aber nicht minder interessant ist das Buch von Schachler, Schlummer und Weber zur „Zukunft der Werkstätten“ – die beiden Bücher sollten im Übrigen _wirklich_ in jeder Werkstatt stehen!

Konrad W.
Antwort auf  Stephan Laux
24.05.2024 08:40

Da ist nichts auf dem Index – die alles entscheidende Frage ist eher, ob sich Werkstatträte oder Werkstattmitarbeiter lieber Fachliteratur oder einen Roman ins Regal stellen…

Das ist ungefähr so eine Frage, ob ein Maschinenbauunternehmen sich eher das „Tabellenbuch Metall“ (neuste Auflage mit Formelsammlung) ins Regal stellt oder Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – Kundera könnte ja auf dem Index stehen!!!1

Uwe Heineker
21.05.2024 19:46

Nun muss nur noch ein Flächenbrand entstehen, dass viele Werkstattbeschäftigte mit Hilfe des Budget für Arbeit den Werkstätten den Rücken kehren. Es muss also auch dafür gesorgt werden, dass das Buch auch den Werkstatt – Beschäftigten bekannt w ird (warum nicht auch dort mal Lesungen halten …?) – übrigens: unter https://bidok.library.uibk.ac.at/obvbidoa/download/pdf/9593417?originalFilename=true kann dieser Roman kostenlos heruntergeladen und gelesen werden

Zuletzt bearbeitet am 27 Tage zuvor von Uwe Heineker
Marion
Antwort auf  Uwe Heineker
23.05.2024 08:40

Ich vermute, dass das Buch schon vielen Menschen in der WfbM bekannt ist.

Uwe Heineker
Antwort auf  Marion
23.05.2024 15:09

dann müsste nun eine massenhafte Auswanderung aus den Werkstätten einsetzen … 🙂

Marion
Antwort auf  Uwe Heineker
24.05.2024 10:44

Eher nicht, denn erste Studien haben ergeben, dass über 80% in den WfbM bleiben wollen.

Uwe Heineker
Antwort auf  Marion
24.05.2024 11:32

ich zweifel dieses Teilergebnis stark an, denn ich habe die Vermutung, dass die Beschäftigten von den Werksätten-Trägern eher beeinflusst wurden, solche Aussagen zu machen. Und: meine ehren- und hauptamtlichen Erfahrungen sprechen da eine deutlich andere Sprache …

Konrad W.
Antwort auf  Marion
24.05.2024 08:43

Eventuell müsste Herr Miles-Paul es sonst mal unauffällig über die Kobinet-Nachrichten bewerben?

Marion
Antwort auf  Konrad W.
24.05.2024 10:43

Tut er doch bereits. Auch andere Medien sind auf das Buch bereits aufmerksam geworden und so wird es sicherlich seine Verbreitung finden.