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Ottmar Miles-Paul: Genervt vom Lokführerstreik

Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul
Foto: Irina Tischer

Kassel (kobinet) Ottmar Miles-Paul wäre heute, am 7. März 2024, und morgen eigentlich bei für ihn wichtigen Gesprächen in Berlin und Bonn unterwegs. Der erneute Streik der Lokführer hat dies verhindert. Bei allem Verständnis für das Streikrecht oder für begrenzte Möglichkeiten der Bahn, kam er um diesen Kommentar nicht umhin. Denn bei all den Diskussionen über den Streik, werden oft diejenigen vergessen, die eben nicht mal schnell in ihr Auto steigen und zu Veranstaltungen, zur Arbeit oder zu sonstigen wichtigen Terminen fahren können - und dazu gehören viele behinderte Menschen. Vor allem für Veranstlatungen der Behindertenverbände haben die Streiks enorme Folgen, auf die kaum jemand schaut.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich inzwischen durch Streiks der Lokführer oder anderer Akteur*innen des Nah- und Fernverkehrs von Terminen abgehalten wurde, bzw. einen erheblichen Mehraufwand wegen früherer Anreisen oder späterer Abreisen hatte. So auch heute und morgen mal wieder. Dabei liegt mir eine pauschale Gewerkschafts- oder Bahnschelte fern, denn das Streikrecht und ein gut funktionierender Öffentlicher Nah- und Fernverkehr liegen mir sehr am Herzen. Vielmehr möchte ich an dieser Stelle auf Auswirkungen hinweisen, die nicht im Blickfeld der öffentlichen Debatten und Berichte stehen, nämlich was diese Streiks zum Teil für behinderte Menschen und ihre Verbände bedeutet.

Ich fange mal damit an, dass viele den Streiks dadurch aus dem Weg gehen können, dass sie auf das eigene Auto umsteigen, sich ein Auto ausleihen oder mit dem Rad den Weg zur Arbeit zurücklegen können. Das ist vielen behinderten Menschen nicht möglich. Ich kann zum Beispiel als Sehbehinderter nicht Auto fahren und will das auch gar nicht. Viele behinderte Menschen und diejenigen, die wenig Geld haben, sind also verratzt, wenn sie entsprechende Termine wahrnehmen wollen oder müssen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Herausforderungen an Streiktagen, sowie davor und danach, für behinderte Menschen, die beispielsweise auf Einstiegshilfen angewiesen sind, nicht mehr in volle Züge so einfach reinkommen bzw. nicht so lange stehen können, um ein vielfaches größer und abschreckender sind. Es ist oft schon kompliziert genug als behinderter Mensch mit der Bahn bei normalem Betrieb zu fahren.

Für Behindertenorganisationen, die Veranstaltungen organisieren, ergeben sich durch die Bahnstreiks besondere Herausforderungen. Man freut sich, dass man einen barrierefreien Tagungsort gefunden hat, geht Verpflichtungen für die Zahlung der Kosten ein, hat vielleicht auch die Gelder bewilligt bekommen, die sich an den Teilnehmendenzahlen orientieren. Und jetzt wird gestreikt, Referent*innen und Teilnehmende müssen absagen, der ganze Finanzierungsplan gerät durcheinander. Das kann so mancher Organisation Kopf und Kragen kosten. Gebärdensprach-, Schriftdolmetscher*innen oder Dolmetscher*innen für Leichte Sprache wurden verbindlich gebucht, müssen nun abgesagt werden und Ausfallkosten fallen an, ohne das geklärt ist, dass diese von irgendjemand erstattet werden. Für Einzelpersonen ist es zudem mühsam bzw. kostspielig Fahrten zu stornieren, Hotelbuchungen abzusagen etc. etc. Wer wagt es da in solchen Streikzeiten überhaupt noch Präsenzveranstaltungen zu planen? Und wer möchte noch im Vorfeld Buchungen tätigen, wenn man nicht weiß, was nächste Woche los ist. Selbst wenn man eine Veranstaltung vor Ort geplant hat und die Referent*innen von außerhalb schaffen es nicht, zur Veranstaltung zu kommen, entstehen erhebliche Probleme und Kosten.

Unter solchen Bedingungen traut man sich kaum mehr, größere Veranstaltungen zu planen, zumindest hat man ständig ein flaues Gefühl im Magen, wenn wieder neue Streiks anstehen könnten.

Noch kritischer wird es nun, wenn die Lokführer von Wellenstreiks sprechen, also Streiks, die noch kurzfristiger angekündigt werden und die in verschiedenen Wellen immer wieder kommen. Da halten all diejenigen, die für die nächsten Wochen und vielleicht Monate Veranstaltungen geplant haben oder Termine verbindlich zugesagt haben, ganz und gar den Atem an.

Das Klagen über diese und viele weitere Auswirkungen der Streiks könnte ich gerade aus dem Blickwinkel behinderter Menschen und ihrer Verbände noch lange fortführen. Ich könnte auch über den Schaden für die Umwelt sprechen, der nun angerichtet wird, da viele, die auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen wollten oder schon umgestiegen sind, verunsichert oder gar abgeschreckt werden. Mit diesem Kommentar wollte ich einfach mal den Blick darauf richten, welche Folgen die Streiks für die Behindertenpolitik in Deutschland derzeit haben. Die Corona-Pandemie hat uns schon genug gebeutelt und jetzt geht es gerade so weiter. Daher der dringende Appell: Einigt Euch!

Lesermeinungen

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8 Lesermeinungen
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Konrad W.
08.03.2024 09:40

Uff, vielleicht stehe in in einer derartigen Debatte auch zu weit links (und würde den Öffentlichen Nahverkehr und die Bahn gerne wieder in staatliche Hände geben, also der Allgemeinheit als höheres Gut „zurückgeben“), aber ich gehöre zu denen, die der GDL applaudieren: Unabhängig von den Bedürfnissen und Belangen der Arbeitnehmer der Deutschen Bahn, die für den Streik wirklich ausschlaggebend sind, darf man nicht vergessen, dass die Deutsche Bahn grundsätzlich elementare Probleme hat, die eben sogar von den Arbeitnehmern (!) aufgezeigt werden: Spart das aufgeblähte Management die Bahn weiter kaputt und schafft nicht einen regenerativen Erneuerungsprozess der Unternehmens Deutsche Bahn, dann sind in 10-15 Jahren die gelegentlichen Streiks der Lokführer das geringste Problem.

Konrad W.
Antwort auf  Konrad W.
08.03.2024 09:46

Achso: Quintessenz ist, dass ich auch genervt bin, aber die Streiks als eine verteidigenswerte Errungenschaft unserer Demokratie halte. Jedem Bürger steht es frei, bei der nächsten Wahl liberal-konservativ zu wählen (FDP/CDU), um diese „nervigen und lästigen Streiks“ auf ein Minimum zu rediuzieren und die Bahn (und andere gesellschaftlich relevante Bereiche „kapitalistisch zu optimieren“ – bis man diese komplett an die Wand gefahren hat.

Ich mag den Vergleich mit der Feuerwehr sehr gerne: Wenn diese nur noch ausrücken würden, „wenn sich das Löschen unternehmerisch und nach wirtschaftlichen Gründen lohnen würde“, dann gute Nacht. Genau dies passiert jedoch bei der Pflege, bei den Krankenhäusern UND eben der Deutschen Bahn. Kämpfen wir mit der GDL für Umbrüche bei „unserer“ Deutschen Bahn!

Uwe N.
Antwort auf  Konrad W.
08.03.2024 13:18

Um eine „Endlosdiskussion“ zu vermeiden, nur ganz kurz

Die Wortwahl „Kämpfen“ ist hier die falsche, wie ich finde….. Ich versteh was gemeint ist und ich kann es letztlich irgendwie auch Nachvollziehen……. Aber sowas auf dem Rücken derer auszutragen die dafür mal so gar nix können (sprich: Die KUNDEN!! Und hier spielt es keine Rolle ob wir von Feuerwehr, Pflege oder Bahn sprechen) ist der absolut falsche Weg……… Mal abgesehen davon (aber da bin ich vermutlich die Ausnahme…..) STREIK ist kein gutes Mittel um was zu erreichen……

Uwe N.
08.03.2024 09:19

Auch wenni ich diese Aussagen zu 100% unterschreiben würde………

Macht man sich keinen „Plan B“ bringt einen das immer in genau solche Situationen……. Klar, das ist nicht schön, das ist nicht leicht, man hat „Mehrarbeit“ und muss sich aufreiben…… verstehe ich alles!! Aber:
Die letzten JAHRE haben gezeigt, das die Streikzeiten immer öfter kommen…… Also sollte man das mitdenken!!! Kann man das wirklich nicht in die planung einbauen?? Ich bin nicht sicher!!

Klar, Dinge wie von Marion beschrieben (Arzttermin muss abgesagt werden und der nächste Freie ist erst in einem halben Jahr) sind mega doof……… aber das hat glaube ich andere Gründe…… Weil jeder nur den leichten Weg gehen will……. Es ist einfach unnötig Kompliziert und zeigt einmal mehr:
Behinderte Menschen werden in der gesellschaft nicht mitgedacht……von der Lobby, die Menschen mit behinderung ja angeblich haben, will ich gar nicht anfangen…..

Die Welt (nicht nur Deutschland) wird immer bekloppter….. Sorry für die Harten Worte

Marion
Antwort auf  Uwe N.
09.03.2024 11:44

„Plan B“ – das ist aus meiner Sicht ein Zeichen von Verantwortung, denn egal ob Streik oder nicht, die Bahn kann auch aus anderen Gründen ausfallen und auch dann muss man mit einem „Plan B“ agieren.

Zumal dieser Streik war angekündigt, bedeutet vielleicht einfach einen Tag früher anreisen (klar kostet)?

Uwe N.
Antwort auf  Marion
11.03.2024 08:18

Exakt!!

Marion
Antwort auf  Uwe N.
09.03.2024 11:46

Ach so: vergessen …. Ich rede tatsächlich von einem Problem. Selbst lebe ich in München „ländlicher Raum“ und da gibt es nur Regio und S-Bahn. Beides betrieben von wem? 🙂

Die langen Wartezeiten auf Termine, haben natürlich auch noch andere Gründe. Das sind aber Gründe die nach jahrzehnter wirtschaftsorientierter Unionspolitik, sich nicht mal eben zurück schrauben lassen 🙁

Marion
07.03.2024 10:08

Ich sehe das noch extremer, gerade wenn man wie ich dort wohnt, wo der einzige ÖPNV aus dem Angebot der Deutschen Bahn besteht, jetzt der wichtige Arzttermin abgesagt werden muss und es keine Alternative gibt den Arzt aufzusuchen, da im ländlichen Raum eben nicht mal eben die Alternative existiert und die nun abgesagte Untersuchung auch nicht Morgen nachgeholt werden kann, sondern auf den nächsten freien Termin gesetzt werden muss, den es in einem halben Jahr gibt. – Die gesundheitlichen Folgen sind da nicht absehbar ….. – Bei der GDL nachgefragt? Ich ja ……