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Juliane Harms koordiniert Empowerment zur Selbstvertretung

Juliane Harms
Juliane Harms
Foto: bifos

Berlin (kobinet) Juliane Harms wünscht sich bei den anstehenden Wahlen in diesem Jahr Konstellationen, die eine diverse Gesellschaft anerkennen und ein Miteinander fördern und fordern. "Denn nur dann kommen wir auch in Sachen Inklusion, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung viele Schritte voran. Nichts wäre schlimmer als Stillstand oder gar Rückschritt. Und das liegt auch an uns. Wir haben viel zu tun." So bringt Juliane Harms, die seit Dezember 2023 neu im Team des Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) ist und das von der Aktion Mensch geförderte Projekt "Empowerment zur Selbstvertretung behinderter Menschen" leitet, ihre Wünsche für die Zukunft auf den Punkt. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit Juliane Harms ein Interview über ihr Wirken und das von ihr geleitete Projekt.

kobinet-nachrichten: Seit dem 1. Dezember 2023 sind Sie „Die Neue“ im Team des Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos). Was machen Sie da genau?

Juliane Harms: Mir wurde die wunderbare Aufgabe der Leitung des Projekts „Empowerment zur Selbstvertretung behinderter Menschen“ anvertraut. In dieser Funktion darf ich Menschen mit Behinderungen dabei begleiten, politische Ziele als Expert*innen in eigener Sache voranzutreiben und durchzusetzen. Während dieser Weiterbildung organisiere ich Workshops für die Teilnehmenden, sowie Treffen mit anderen Menschen mit Behinderung, die ihre Expertise und Erfahrung in den Feldern Aktivismus, Selbstvertretung und Politik teilen wollen. Ich freue mich besonders auf das Mentoring während des Projektes, bei dem es um Erfahrungsaustausch, Ratschlag und Netzwerk geht. Denn das Wichtigste ist eben Austausch und Netzwerk.

kobinet-nachrichten: Wie kam es dazu, dass Sie beim bifos angefangen haben?

Juliane Harms: Das war ganz witzig. Ich wurde quasi bei einem Frühstück überfallen. Die Geschichte geht so: Im letzten Jahr war ich selbst Teilnehmende des Projektes. Bei einem Präsenzwochenende im Rahmen der Weiterbildung habe ich die Organisatoren kennen gelernt und nach einem kleinen Kreuzverhör – eben beim Frühstück – über meine Werte, Vorstellungen und Pläne für die Zukunft waren wir uns einig, dass wir gern etwas zusammen gestalten wollen.

Als die damalige Projektleitung, Ellen Kubica, zur Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung in Rheinland-Pfalz berufen wurde, wurde mir die Bewerbung auf die nun vakante Stelle wärmstens ans Herz gelegt. Nach einem ordentlichen Bewerbungsprozess haben wir uns dann alle gefreut, als es offiziell wurde. Auch hier sieht man: Netzwerk und Austausch ist wichtig.

kobinet-nachrichten: Wie gestaltet sich Ihr Einstieg in dem neuen Arbeitsfeld? Gab es schon Highlights beziehungsweise besondere Herausforderungen?

Juliane Harms: Ein Highlight gab es sogar schon vor dem offiziellen Start meiner Arbeit. Ich durfte bei der Verleitung der Kurt-Alphons-Jochheim Medaille von der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) dabei sein. Barbara Vieweg und ich haben diese im Namen des bifos für besondere Leistungen in der Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen entgegengenommen. Eine Ehre der vergangenen Taten und für mich auch ein Ansporn für die Zukunft.

Und am ersten Arbeitstag ging es gleich weiter: Ich durfte zum Deutschen Behindertenrat und dort die Veranstaltung zum Anlass des Welttags der Menschen mit Behinderung besuchen.

Nun bin ich aber voll im inhaltlichen Ausgestalten der diesjährigen Weiterbildung. Die Teilnehmenden habe ich schon zusammengestellt und freue mich auf eine fantastische Gruppe motivierter Menschen!

kobinet-nachrichten: Sie koordinieren ein Weiterbildungsprojekt zum Empowerment zur Selbstvertretung behinderter Menschen in der Politik und in Gremien, was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Juliane Harms: Begegnung ist das A und O. So freue ich mich auf die vielen spannenden neuen Gesichter und die Geschichten dahinter. Neben den vielen spannenden digitalen Veranstaltungen werden wir dieses Jahr zwei Präsenzveranstaltungen organisieren, in denen wir viel über Öffentlichkeitsarbeit, Rhetorik und die eigenen Ziele reden werden. So befähigen wir die Teilnehmenden selbst, aktiv zu werden und ihren Weg zu finden.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie ein paar Jahre vorausschauen, gibt es da etwas, was Sie mit Ihrem Wirken im bifos oder in Sachen Empowerment erreichen wollen?

Juliane Harms: Auf der einen Seite wünsche ich mir, dass die Weiterbildung Früchte trägt und viel mehr Menschen mit Behinderung aktiv werden und Gehör finden. So schaffen wir mehr Raum für so viele wichtige Themen wie Barrierefreiheit und Teilhabe. Disability Mainstreaming, also die selbstverständliche Einbeziehung der Sichtweise von Menschen mit Behinderung im Entscheidungsprozess. Das soll keine Forderung sein, sondern gelebte Praxis.

Auf der anderen Seite wünsche ich mi alsor, dass das Format, dass ich leite, weitergetragen wird und an vielen anderen Orten Einzug erhält. Denn nur durch unsere Beteiligung kann ein echtes Bild der Gesellschaft abgebildet werden. Wir müssen bei Entscheidungsprozessen involviert werden. Dazu braucht es motivierte Menschen aus unserer so breiten und vielfältigen Community, die wir in Formaten wie diesem ausbilden und vernetzen können. Hier gilt ganz klar: je mehr desto besser.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären dies?

Juliane Harms: Ich wünsche mir, dass Ruhe in das Weltgeschehen eintritt. Mit großem Interesse schaue ich auf das Wahljahr 2024. Es kommen Landtagswahlen als auch die große Europawahl auf uns zu. Hier wird einiges wieder neu sortiert werden und ich wünsche mir Konstellationen, die eine diverse Gesellschaft anerkennen und ein Miteinander fördern und fordern. Denn nur dann kommen wir auch in Sachen Inklusion, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung viele Schritte voran. Nichts wäre schlimmer als Stillstand oder gar Rückschritt. Und das liegt auch an uns. Wir haben viel zu tun.

Link zu weiteren Infos zum Empowermentprojekt des bifos

Juliane Harms ist selbst ein Mensch mit einer Behinderung. Sie steht Ihnen gerne zur Verfügung, wenn Sie Fragen zu dem Projekt haben. Sei es, weil Sie interessiert an der Schulung sind und während Sie an der Schulung teilnehmen und Fragen haben oder wenn Sie gerne Mentor*in oder Netzwerkpartner*in werden wollen“, heißt es u.a. auf der Internetseite des bifos. Und weiter heißt es dort: „Seit 2023 engagiert sich Juliane Harms im Landesbeirat für Menschen mit Behinderungen in Berlin und ist Teil des Berliner Behindertenparlaments. Aufgrund ihrer progressiven Netzhauterkrankung ist sie Mitglied in einem Selbsthilfeverein und dort Mitglied im Leitungsteam der Regionalgruppe Berlin. Als Barriere Scout hilft sie außerdem Ratsuchende dabei Barrieren zu erkennen und abzubauen.“

Link zu weiteren Infos über Juliane Harms