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Maria Stafyllaraki zog zum Bergfest Bilanz als Kasseler Stadtverordnete

Bild von Maria Stafyllaraki mit Statement zur Inklusion im Bereich Arbeit
Bild von Maria Stafyllaraki mit Statement zur Inklusion im Bereich Arbeit
Foto: Bündnis 90/Die Grünen Kassel

Kassel (kobinet) "Lasst euch niemals einschüchtern und denkt immer daran, dass jeder noch so kleine Stein, den wir ins Rollen bringen, sich auf das große Ganze auswirken wird. Also traut euch, für eure und unsere Rechte einzustehen", so lautet die Empfehlung von Maria Stafyllaraki, die seit 2 1/2 Jahren Mitglied der Kasseler Stadtverordnetenversammlung ist und somit die Geschicke der Stadt mit lenkt. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit der Rollstuhlnutzerin, die vor kurzem Bergfest nach der Hälfte der Legislatur als Kasseler Stadtverordnete feiern konnte, u.a. ein Interview dazu, was sie bisher anstoßen konnte, was noch ansteht und welche Tipps sie für andere behinderte Menschen hat, die sich in der Politik engagieren wollen.

kobinet-nachrichten: Im März 2021 haben die kobinet-nachrichten darüber berichtet, dass Sie bei der Kommunalwahl in Kassel sozusagen von Null auf Hundert ins Kasseler Stadtparlament gewählt wurden. Mittlerweile konnten Sie Bergfest feiern, denn die erste Hälfte der insgesamt fünfjährigen Wahlperiode ist schon vorbei. Wie fühlt es sich heute für Sie an, Mitglied der Kasseler Stadtverordnetenversammlung zu sein.

Maria Stafyllaraki: Es ist für mich eine außergewöhnliche Erfahrung. Mir wurde diese großartige Gelegenheit geschenkt, dieses Ehrenamt ausüben zu dürfen und ich kann immer noch nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.

kobinet-nachrichten: Anfangs waren doch bestimmt einige Hürden zu überwinden, wenn Sie als Rollstuhlnutzerin ins Stadtparlament kamen? Und dann war da ja auch noch Corona. Wie war das für Sie?

Maria Stafyllaraki: Ehrlich gesagt fand ich es persönlich super, dass wir auch die Möglichkeit hatten zum Beispiel die Fraktionssitzungen digital durchzuführen, weil ich so bei jeder Sitzung dabei sein konnte. Allerdings bin ich auch froh darüber, Menschen in Präsenz zu begegnen. So macht das Debattieren viel mehr Spaß und so sind auch Freundschaften entstanden.

kobinet-nachrichten: In welchen Ausschüssen wirken Sie mit?

Maria Stafyllaraki: Im Ausschuss für Chancen, Gleichstellung, Integration und Eingaben bin ich Mitglied und im Kulturausschuss stellvertretende Vorsitzende. Oft hatte ich auch die Gelegenheit gehabt, im Sozial- und im Schulausschuss Vertretungen zu übernehmen, da viele meiner Anträge dort verankert waren. Es ist toll, wie vielfältig Kommunalpolitik ist. Sehr spannend, aber auch manchmal etwas frustrierend wenn aufgrund von Bürokratie alles länger dauert als erhofft.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie auf die erste Hälfte Ihres Wirkens zurückblicken, was konnten Sie anschieben?

Maria Stafyllaraki: Auch wenn es zwischenzeitlich durch den Bruch der alten Koalition und der Zusammensetzung der neuen teilweise etwas Mühsamer war, die passende Mehrheit für die Anträge zu bekommen und vieles dann doch länger dauerte als erhofft, kann ich am Ende mit gutem Gewissens sagen, dass wir bald eine hauptamtliche Behindertenbeauftragte für Kassel bekommen werden, ein Maßnahmenplan entwickelt wird um den Anteil von Menschen mit Behinderung in Beschäftigung der Stadt Kassel signifikant zu erhöhen, Rollstuhlnutzer*innen dürfen mit ihrem Zuggerät die Straßenbahn nutzen und noch vieles mehr. Allerdings immer noch nicht genug – und ich kann mir nicht vorstellen , dass die kommenden 2,5 Jahre ausreichen werden, um all unsere Belange zu behandeln und umzusetzen. Dafür hat die Politik, nicht nur auf Kommunaler Ebene, in der Vergangenheit viel zu viel versäumt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir auf dem richtigen Weg sind, vieles nachzubessern um ein selbstbestimmtes, barrierefreies Leben von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.

kobinet-nachrichten: Wo klemmt es noch in Sachen Behindertenpolitik?

Maria Stafyllaraki: Leider in fast allem. Wir brauchen mehr Inklusion und Barrierefreiheit in Schulen und Kitas, in Krankenhäusern, in der Privatwirtschaft, wir benötigen dringend mehr Barrierefreie Wohnungen, aber auch Sport- und Freizeitangebote und einen barrierefreien ÖPNV. Und was mich persönlich noch ganz besonders umtreibt ist die Frage „wie können wir die Menschen dabei unterstützen, die von den Werkstätten für behinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt wechseln möchten, um dadurch auch dem Fachkräftemangel etwas entgegenzuwirken. Das alles schaffen wir aber nicht nur durch die Umsetzung von passenden Vorschriften, wir sollten das Verständnis und die Sensibilisierung für das Thema, also „was bedeutet es, eine Behinderung zu haben“ und „wie gehe ich damit um“, attraktiver gestallten und das schaffen wir nur in dem wir offen über die Probleme aber vor allem auch über die Lösungen sprechen. Weil „gleiche Chancen für alle“ auch „ein Gewinn für alle“ bedeutet!

kobinet-nachrichten: Was haben Sie sich noch für die zweite Hälfte der Wahlperiode vorgenommen?

Maria Stafyllaraki: Um Inklusion erfolgreich umzusetzen, sollten wir die vermeintliche Angst vor Inklusion den Leuten nehmen, und dabei spreche ich von Menschen mit, aber auch ohne Behinderung. Ja, auch ich hatte mal Angst vor dem was Inklusion für mich und meine Umgebung bedeuten würde, bis ich mich intensiv damit beschäftigt nd erkannt habe, dass vieles anfangs komplizierter klingt als es letzten Endes ist. Und wie gesagt, dies können wir nur dadurch erreichen, in dem wir über das Thema offen sprechen und Menschen, wie zum Beispiel aus der Privatwirtschaft, bei der Umsetzung wie bei Umbauten unterstützen und beraten. Und ich freue mich schon sehr auf die hauptamtliche Behindertenbeauftragte Person, die wir für Kassel gewinnen werden und hoffe viele Projekte mit ihr aber selbstverständlich auch gemeinsam mit dem Behindertenbeirat umsetzen zu können. Ich denke es werden spannende Zeiten auf uns zukommen.

kobinet-nachrichten: Vor kurzem hatten Sie mit der Barrierefreiheit in Ihrem eigenen Umfeld zu kämpfen und waren in Ihrer Freiheit eingeschränkt. Was war da los?

Maria Stafyllaraki: Der Fahrstuhl bei uns im Haus war knapp, vier Wochen defekt, und ich wohne im 5. Stock. Und bis vor ein paar Tagen lag ich mit einer Mandelentzündung und Fieber flach. Das heißt ich habe seit über 6 Wochen so gut wie gar nicht meine Wohnung verlassen können. Was mich dabei ehrlich gesagt sehr schockiert hat, waren die unterschiedlichen Reaktionen von Menschen, die das erfahren haben. Ich wurde gefragt, ob ich mir mal Gedanken darüber gemacht habe, in eine Erdgeschoss Wohnung zu ziehen oder zumindest vorübergehend eine andere Unterkunft aufzusuchen bis der Fahrstuhl wieder repariert ist. Als ob ich eine endlose Auswahl hätte an Möglichkeiten, um jederzeit spontan umziehen zu können. Und ja, es ist ein Unding, dass heutzutage ein Fahrstuhl fast 4 Wochen defekt bleibt und Menschen mit Behinderung nicht mehr das Haus verlassen können. Aber da bringt es meiner Meinung nach eher wenig darüber zu schimpfen ob die Verwaltung, die Lieferengpässe oder der Fachkräftemangel daran schuld waren, sondern da sollten alle einen kühlen Kopf bewahren und nach konstruktive Konfliktlösungen suchen.

kobinet-nachrichten: Nicht lange nach dem Einzug ins Stadtparlament haben Sie auch einen neuen Job im Abgeordnetenbüro des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Boris Mijatovic, bekommen? Können Sie dort auch etwas in Sachen Behindertenpolitik bewegen?

Maria Stafyllaraki: Boris Mijatovic ist Sprecher für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe – und die Belange von Menschen mit Behinderung gehören definitiv auch dazu. Im Rahmen meiner Möglichkeiten setze ich mich für diese Themen ein und gebe in den passenden Momenten den nötigen Anstoß.

kobinet-nachrichten: Haben Sie zwei Tipps für andere behinderte Menschen, die sich in der Kommunalpolitik engagieren wollen?

Maria Stafyllaraki: Lasst euch niemals einschüchtern und denkt immer daran, dass jeder noch so kleine Stein, den wir ins Rollen bringen, sich auf das große Ganze auswirken wird. Also traut euch, für eure und unsere Rechte einzustehen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

„Mein Anliegen ist es, die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung im öffentlichen Sektor der Stadt Kassel zu erhöhen. Maria Stafyllaraki, Sprecherin für Inklusion und Antidiskriminierung“, heißt es auf einem Plakat mit einem Bild von Maria Stafyllaraki der Kasseler Grünen.