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Es lebe die Work – Life – Balance!

Stephan Laux sitzt auf einem Steinhaufen vor einem Tunnel in kurzem Hemd und Hosen
Stephan Laux sitzt in kurzen Hosen, auf einer Geröllhalde vor einer Höhle.
Foto: Stephan Laux

Villmar-Wayer (kobinet) Stephan Laux befasst sich in seiner neuesten Kolumne mit der Frage, ob die Work – Life – Balance in helfenden Berufen eigentlich ein „Tabuthema“ ist.

Für diese Kolumne werden mich einige meiner ehemaligen Kolleg*innen verachten!

Das ist weniger tragisch als noch vor wenigen Wochen. Denn seit dem befinde ich mich im Ruhestand. Unter nicht monetären Gesichtspunkten ein Privileg. Denn jetzt ist es meiner „Karriere“ und meinem Renommee „Wurscht“, ob ich mit diesem Text anderen oder mir selbst auf die Füße trete.

Ich durfte einmal aus meiner beruflichen Autobiografie, in einer Schule für Heilerziehungspflege, lesen und mich einer anschließenden Diskussion stellen. Dort konfrontierte mich ein junger Berufsanfänger mit folgender Aussage und Frage:

„ Ich befinde mich im letzten Ausbildungsjahr und beginne mich nun, bei verschiedenen Trägern, zu bewerben. Wenn ich, bei einem Bewerbungsgespräch den Begriff Work – Life – Balance erwähne, rollen meine Gesprächspartner (oft Männer und Frauen Ihren Alters) mit den Augen. Dann traue ich mich nicht, das Thema weiter auszuführen. Dabei denke ich, die Ignoranz von Teilen Ihrer Generation zu diesem Thema, diskriminiert eine ganze, nämlich meine, Generation. Denn etliche, meiner Altersgenoss*innen suchen sich ihren Job u.a. genau nach diesem Kriterium aus. Fragen Sie sich auch manchmal im Nachhinein, ob sie in ihrer über 40 jährigen Berufslaufbahn besser auf Ihre Work – Life – Balance hätten achten sollen?“

Wenn ich mir bisher diese Frage nicht gestellt habe, dann spätestens nach diesem, mutigen Diskussionsbeitrag des jungen Mannes.

In meinen ersten berufstätigen Jahren arbeitete ich als Zimmermann. Da ging es mehr um die körperliche Balance. Denn ich und meine Kolleg*innen „kraxelten“ bei Wind, Regen, Schnee oder 30 Grad im Schatten, mit Motorsägen bewaffnet auf halbfertigen Dachstühlen herum. Neben der Tatsache, dass ich es wohl auch mit dem Sport schon früh übertrieben habe, waren es diese Bedingungen und die Erfahrungen aus dem Zivildienst, die mich zu einer Umschulung zum Heilerziehungspfleger veranlassten. Von den Erfahrungen im Handwerk und auf dem Bau profitiere ich bis heute. Den Zivildienst und die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger in der Behindertenhilfe empfand ich nicht als Pflicht sondern als willkommene Erweiterungen meines Horizontes, die noch dazu, größtenteils in überdachten und geheizten Räumlichkeiten stattfanden. Doch schon damals deutete sich an, dass es für dieses Berufsfeld wenig nachhaltige Wertschätzung in der Gesellschaft geben würde.

Tätigkeiten in helfenden Berufen sind, im Gegensatz zu handwerklichen, nicht immer einfach zu beschreiben. Wenn man denn überhaupt dazu kommt! Ich machte schnell die Erfahrung, und mache sie bis heute, dass ich bei Gesprächen über die berufliche Tätigkeit und Laufbahn, im Freundes- und Bekanntenkreis, spätestens wenn ich in pflegerische oder zwischenmenschliche Details einsteige, mit Aussagen wie:

  1. „Toll, dass Du das machst!“
  2. „Das ist bestimmt eine sehr schwere Arbeit!“
  3. „Das könnte ich nie!“ und am schlimmsten:
  4. „Es muss ja Menschen geben, die so etwas machen!“

ausgebremst werde.

So genau wollte es nun doch niemand wissen. Aber man war und ist sich einig: „Pfleger*innen, Erzieher*innen, Sonderpädagog*innen. So was muss es geben! Sie produzieren nichts, sie steuern nichts zum Bruttosozialprodukt bei, aber gut, dass es sie gibt!

Als Zivildienstleistende und Auszubildende in der Heilerziehungspflege gab man uns damals viele Freiheiten. Als Nicht – Fachkräften erlaubte man uns Fehler, soweit sie nicht aus Übergriffen oder groben Fahrlässigkeiten bestanden. Man gab uns die Gelegenheit uns auszuprobieren und uns mit den Altvorderen anzulegen. Eine aufregende und wertvolle Zeit! Wir hatten wenig Geld. Aber unsere Work – Life – Balance stellten wir auch nicht durch Konsum sondern durch soziale Kontakte und Peergroups, gegebenenfalls sogar in Wohn und Interessengemeinschaften sicher.

Doch auch durch die öffentliche Wahrnehmung helfender Berufe, stellte sich für mich allmählich heraus, dass die überwiegende Mehrheit der Protagonist*innen sich in einer besonderen Sozialisation und Eigenwahrnehmung Ihres Berufsstandes wiederfand.

Einen helfenden Beruf übt man nicht aus, weil man Spaß daran hat. Man übt Ihn aus weil: „Es muss ja Menschen geben, die so etwas machen!“ (siehe oben). Man wird ausgenutzt, schlecht bezahlt, muss zu allen Zeiten, nachts, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten.

„Die behinderten, pflegebedürftigen und alten Menschen geben uns aber auch so viel zurück!“, hört man, in diesem Zusammenhang, manchmal von Verantwortlichen u.a. aus den Wohlfahrtsverbänden, die vielleicht ein mehrwöchiges Praktikum in diesen Bereichen absolviert haben……

Und um es mit, von Karrieredenken und arbeitsrechtlichen Konsequenzen vollkommen losgelösten Provokationen auf die Spitze zu treiben, stelle ich dieser Aussage die Frage entgegen: „Was genau ist es, was uns die behinderten, pflegebedürftigen und alten Menschen zurückgeben? Volle Windeln, Kratzen, Spucken, Schlagen, unentwegtes Schimpfen und Nerven?“ Nein! Natürlich nicht! Es ist ein Lachen! Manchmal schon ein Lächeln oder ein zufriedenes Gesicht! Ein „Danke!“ oder ein „Ich hab Dich gern!“

Fragt man nach der größten Belastung von Pfleger*innen oder Erzieher*innen in Wohnheimen der Behindertenhilfe, dann sind es nicht, in erster Linie die gelegentlichen Verhaltensauffälligkeiten der Klient*innen.

  • Es ist die Unsicherheit der Einsatzzeiten. Die Tatsache, dass ein Dienstplan in den wenigsten Fällen verlässlich ist.
  • Dass man sich in seiner Freizeit nie sicher sein kann.
  • Dass ein Kollege oder eine Kollegin anruft und einem bittet einen Ausfall zu kompensieren.
  • Dass man dann in einen moralischen Zwist gerät, weil man Kolleg*innen und Klient*innen nicht im Stich lassen will und weil man sich so seine Work – Life – Balance sonst wo hinhängen kann.
  • Für Anrufende bzw. Anfragende ist der Umstand, in die Freizeitplanung einer Kollegin oder eines Kollegen einzugreifen nicht weniger belastend!

In letzter Zeit klagen Krankenpfleger*innen und Beschäftigte in Einrichtungen der Behinderten- und Altenhilfe über Belastungen, die sich aus dem Formularwesen, der Dokumentation, den gesetzlichen und versicherungsrechtlichen Vorgaben ergeben. Eine Klage, der ich mich uneingeschränkt anschließe. Als noch belastender habe ich allerdings die Ökonomisierung des Gesundheits- und Sozialwesens empfunden. Sie führte dazu, dass Einrichtungen und deren Träger den absurden Versuch starteten, sich in moderne, profitorientierte Unternehmen zu verwandeln. Es wurden Zielvereinbarungsgespräche eingeführt, Unternehmensentwickler*innen Qualitätsmanager*innen eingestellt. Und der Hausmeister wurde in Facility Manager unbenannt.

„Neoliberale Kacke“ nannte das ein im Ruhestand befindlicher Kollege das mal. Das darf ich ja dann jetzt auch:

Neoliberale Kacke! Sehr belastend! Wahrscheinlich ist die Work – Life – Balance auch so eine neoliberale Erfindung?

Im Bezug darauf, muss man wohl auch den, in den helfenden Berufen überwiegend üblichen Schichtdienst als belastend bezeichnen. Ich selbst habe das in über 30 Jahren Schichtdienst nicht so empfunden. Er war in einem Wohnheim unvermeidlich und eröffnete mir die Möglichkeit einkaufen und zum Arzt zu gehen, während der Rest der Bevölkerung am Arbeiten war. Mit etwas Absprache unter den Kolleg*innen, war es mir sogar, wenn auch mit Einschränkungen, möglich am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und meinen Hobbies ansatzweise nachzugehen. Außerdem war der Schichtdienst, willkommene Ausrede, um unliebsamen Terminen aus dem Weg zu gehen. Selbst meinen familiären Aufgaben kam der Schichtdienst entgegen und ich konnte meine 3 Kinder bei Spätdienst, ohne Zeitdruck zum Kindergarten oder in die Schule bringen.

Ja! Doch! Meine Balance zwischen Arbeiten und Leben war eine Zeit lang überwiegend ausgeglichen. In den letzten Jahren, also nach Beginn der „neoliberalen Kacke“ war sie das nicht mehr. Kann es sein das die „neoliberale Kacke“ (ich kann es gar nicht oft genug sagen) und der Beginn des Social Media Zeitalters etwa zeitgleich stattfanden? Das alles hat mich wohl überfordert! Da bin ich froh, dass ich mich im Ruhestand nur noch mit der real Life – interactive Life Balance beschäftigen muss.

Wäre ich heute ein junger Einsteiger in einen helfenden Beruf, würde ich mindestens auf eine 4 Tage Woche, bei vollem Lohnausgleich bestehen! Und zusammen mit meinen Kolleg*innen bei den Betriebsräten und Wohlfahrtsverbänden darauf drängen endlich entschieden dafür zu kämpfen. Ebenso für ein verpflichtendes soziales Jahr. Und gegen eine Akademisierung der Heilerziehungspflege- Erzieher- und Krankenpflegeausbildung, die sowieso viel zu theoretisch angelegt sind.

Das könnte die helfenden Berufe wieder so attraktiv machen, wie sie es eigentlich sind. Und es würde sich weniger die Frage stellen: „Was geben uns die behinderten, pflegebedürftigen und alten Menschen zurück?“ sondern es würde die Frage beantworten: „ Was gibt uns die Gesellschaft dafür zurück, dass es ja Menschen geben muss, die so etwas machen!“?

Gute, wertschätzende Arbeitsbedingungen!

Es lebe die Work – Life – Balance!