
Foto: Franz-Josef Hanke
Soest / Marburg (kobinet) "'Ich bin 577 Jahre alt.' Diese Altersangabe konnte Matthias Hoffmann durchaus plausibel begründen. Geboren wurde er am 13. Oktober 1939 in Rheinbach bei Bonn als Matthias Esser. Gestorben ist Matthias Hoffmann am 26. Juli 2023 in Soest. 'Die Hälfte des tausendjährigen Reiches habe ich miterlebt', erklärte er. 'Das sind 500 Jahre. Hinzu kommen dann noch die Jahre der Nachkriegszeit.' So begründete Hoffmann das unglaubliche Alter, das möglicherweise auch seine schwierige Kindheit in Kriegs- und Hungerjahren andeuten sollte." Dies schreibt der Journalist Franz-Josef Hanke in einem Nachruf auf seinen vor kurzem verstorbenen sehbehinderten Onkel Matthias Hoffmann aus Soest.
Bericht von Franz-Josef Hanke zum Tod von Matthias Hoffmann
Die musikalische Schule des Lebens mit Behinderung
„Ich bin 577 Jahre alt.“ Diese Altersangabe konnte Matthias Hoffmann durchaus plausibel begründen. Geboren wurde er am 13. Oktober 1939 in Rheinbach bei Bonn als Matthias Esser. Gestorben ist Matthias Hoffmann am 26. Juli 2023 in Soest. „Die Hälfte des tausendjährigen Reiches habe ich miterlebt“, erklärte er. „Das sind 500 Jahre. Hinzu kommen dann noch die Jahre der Nachkriegszeit.“ So begründete Hoffmann das unglaubliche Alter, das möglicherweise auch seine schwierige Kindheit in Kriegs- und Hungerjahren andeuten sollte. Aufgewachsen ist „Matthes“ – wie seine Familie ihn nannte – an seinem Geburtsort in Rheinbach. Er war das zwölfte von 13 Kindern der Eheleute Kunigunde und Josef Esser.
Gelegentlich vertrat der musikalische Schüler den Organisten beim sonntäglichen Gottesdienst. „Sie sind ja ein Schelm, hier in der Kirche beim Gottesdienst einen Blues zu spielen“, sprach sein Musiklehrer ihn einmal an. „Aber außer mir hat das wohl keiner gemerkt.“ Eigentlich wollte Matthias Lehrer werden. Doch wegen seiner Sehbehinderung rieten die Berufsberater ihm davon ab. Der Lehrerberuf sei für Blinde nicht möglich, erklärten sie ihm damals.
So studierte er Sozialarbeit und ging in die Jugendarbeit. An seinem Heimatort Rheinbach leitete er das „Jugendheim“ der Katholischen Kirche, das dort Anfang der 60er Jahre gerade erst neu gebaut worden war. Es bot Treffmöglichkeiten bei Spiel und Sport ebenso wie einen Proberaum für Musikbands.
Der Schüler Wolfgang Niedecken machte seine ersten Erfahrungen mit Musikbands bei dem musikalischen Jugendleiter. In seinen Erinnerungen berichtete er von einem „versifften Jugendheim“, wo er in Rheinbach gespielt habe. Das ärgerte Hoffmann, der darauf erwiderte: „Was meint Ihr, wer den Dreck hinterlassen hat und wer aufräumen musste?“
Als sich der Kirchenvorstand zunehmend mit rigiden Moralvorstellungen in die Arbeit des Heimleiters einmischte, beschloss Matthes, nun doch Lehrer zu werden. Sein Referendariat absolvierte er an der Blindenschule in Düren. Danach kam er zur Blindenschule in Soest.
Dem neuesten Mitglied im Kollegium wurde die schwierigste und unbeliebteste Aufgabe übertragen: Matthias Hoffmann übernahm die Klasse der blinden Kinder mit Lernbeeinträchtigungen. Im Kollegium galten sie als kaum lernfähig. Doch dem musikalischen Blindenlehrer kam nun seine Erfahrung mit den Bands im Jugendclub zugute. Mit seiner Gitarre spielte er Lieder und sang dazu an jedem unterschiedlichen Wochentag ein anderes Lied. So lernten die Kinder die Wochentage auswendig.
Mit Rasseln und Rhythmusinstrumenten begleiteten die Kinder ihn. Die Lernfortschritte der über die Musik vermittelten Inhalte waren deutlich zu erkennen. Darum entwickelte Hoffmann seine Methode weiter und machte daraus ein musikpädagogisches Konzept.
Mitte der 70er Jahre stellte er dieses Konzept dem Musikpädagogen Carl Orff vor, den er an seinem Wohnsitz in Bayern mehrmals besuchte. Dank der Unterstützung des berühmten Komponisten wurde die gemeinsam ausgefeilte Methode anschließend in Nordrhein-Westfalen zum Lehrplan für Schulklassen mehrfachbehinderter blinder Kinder erhoben. Mit den sogenannten „Orffschen Instrumenten“ erlernen sie seitdem nach Hoffmanns und Orffs Methode grundlegende Dinge des Alltags.
Auch im Soester Blindenverein war Matthias Hoffmann aktiv. Einige Jahre war er dessen Vorsitzender.
Die Trauerfeier für Matthias Hoffmann findet am 4. August, 2023 um 12 Uhr in der Kapelle am Osthofenfriedhof in Soest statt. Seine Ehefrau Regine und seine beiden Kinder bitten darum, statt Blumenschmuck eine Spende an die Christoffel-Blindenmission zu überweisen.




