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Unterwegs für einen inklusiven Arbeitsmarkt

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Alexander Ahrens und Maria Trümper vor der BA in Nürnberg
Alexander Ahrens und Maria Trümper vor der BA in Nürnberg
Foto: ISL

Regensburg/Nürnberg (kobinet) "Wir trafen uns heute mit der Koordinationsstelle #Inklusion der @Bundesagentur. Wir sprachen über folgende Themen: Übergang Schule-Beruf, Job-Speed-Dating, EAA, 4. Staffel der Ausgleichsabgabe. Vielen Dank für den guten Austausch!" Dies twitterte die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) mit einem Bild von Alexander Ahrens und Maria Trümper vor der Bundesagentur für Arbeit am 27. Juni. Dass die beiden diese Woche nicht nur in Nürnberg in Sachen inklusiver Arbeitsmarkt unterwegs waren, sondern auch bei einem Coaching für barrierefreie und inklusive Job-Speed-Datings in Regensburg unterwegs waren, das erfurt kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul im Gespräch mit Alexander Ahrens und Maria Trümper von der ISL.



kobinet-nachrichten: Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) bietet seit einigen Jahren Job-Speed-Datings für behinderte Menschen an. Nun waren Sie in Regensburg und Nürnberg unterwegs – was haben Sie da genau gemacht?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: Als ISL wollen wir das Job-Speed-Dating außerhalb Berlins etablieren und bekanntmachen. Auf unserer ersten Station waren wir in Regensburg. Mit unserem Mitgliedverband Phönix, einem „Zentrum für selbstbestimmtes Leben“ (kurz: ZsL), ist dies als Erstes gelungen. Im letzten Jahr haben wir mit den ZsL-Kolleg*innen vor Ort das Coaching und das Job-Speed-Dating zusammen organisiert und als ISL durchgeführt. In diesem Jahr hat der Verein Phönix das Format komplett selber übernommen. Wir haben uns diese Woche davon in Regensburg vor Ort überzeugen können und begleiten das Ganze mit der Kamera. Am 11. Juli 2023 findet das Job-Speed-Dating für Menschen mit Behinderungen von Phönix in Regensburg dann wirklich statt – ein toller Erfolg.

Auf unserer zweiten Station haben wir die „Koordinierungsstelle Inklusion“ bei der Bundesagentur für Arbeit in der Zentrale in Nürnberg besucht und über verschiedene Aspekte von Erwerbstätigkeit und Behinderungen gesprochen. Ein besonderes Anliegen war uns, auch über den inklusiven Übergang Schule-Ausbildung-Beruf und eine inklusive Berufsvorbereitung zu sprechen, denn dort sehen wir bundesweit erhebliche Mängel.

kobinet-nachrichten: Heißt das, dass die Job Speed Datings jetzt auf mehreren Schultern verteilt und sozusagen multipliziert werden sollen? Wie aufwändig ist denn die Organisation solcher Job-Speed-Datings?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: In Planung ist der Aufbau der Job-Speed-Datings durch Selbstvertretungsorganisationen der ISL in Regensburg, Stuttgart und Kiel. Die einzelnen Vereine sollen mit unserem Projekt dazu befähigt werden, dieses Format der erfolgreichen Vermittlung von echten Bewerbungsgesprächen selbstständig kontinuierlich durchzuführen und anderen Interessierten in ihrer Umgebung vermitteln zu können. Dies ist natürlich sehr aufwändig, erfordert viel Engagement und Motivation. Es ermöglicht aber auch die Chance, eigene Projekte in diesem Bereich auf Länderebene akquirieren zu können, dafür neues Personal einzustellen und wichtige Netzwerkkontakte zu knüpfen (besonders auch an der Schnittstelle Arbeit und Verwaltung, sprich: Jobcenter und Bundesagentur für Arbeit). Wichtig ist uns dabei immer, dass das Konzept der Selbstbestimmung und des Empowerments von behinderten Menschen eingehalten wird, sowohl das Vorbereitungscoaching als auch das Job-Speed-Dating muss auf Peer-Ebene, also von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen, erfolgen. Das ist uns und den Zentren vor Ort ein hohes Gut.

kobinet-nachrichten: Welche Erfolge konnten Sie bisher mit solchen Job-Speed-Datings erzielen?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: Regensburg ist der erste Standort, der jetzt schon zum zweiten Mal diese Bewerbungsgespräche im Acht-Minuten-Takt durchführt und weiterhin kontinuierlich anbieten möchte. Denn: Statt nur Bewerbungsgespräche zu vermitteln, hatten auch hier ein Viertel der Teilnehmenden danach eine Festanstellung. Das hat auch die Bundesagentur für Arbeit beeindruckt. Ganz wichtig ist uns auch zu sagen: Das Job-Speed-Dating ist offen für alle! Alle Formen der Beeinträchtigungen, für Teilnehmende allen Alters, mit allen Abschlüssen von Fachpraktiker für Bürokommunikation bis zum Doktortitel, mit und ohne Migrationshintergrund, usw. Es wird nicht exkludiert und auch nicht „sortiert“, sondern einzig und allein auf die Bedarfe geachtet, zum Beispiel eine Dolmetschung in Deutscher Gebärdensprache (DGS) für taube Teilnehmer*innen oder beispielsweise mehr Redezeit für Menschen, die etwas langsamer sprechen. Auch ein klarer Ablauf, verbindliche Ansagen und Versprechen (zum Beispiel, dass wir anbieten, bei Fragen zum Kurzprofil Unterstützung zu leisten), sind angemessene Vorkehrungen bei Job-Speed-Datings, damit alle gleichberechtigt teilhaben können und sich die behinderten Teilnehmer*innen wertgeschätzt fühlen.

kobinet-nachrichten: Was steht jetzt in Regensburg an?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: Wir haben das Vorbereitungscoaching begleitet, die behinderten Menschen konnten sich empowern und standen uns für Interviews vor der Kamera zur Verfügung. Jetzt haben die Bewerber*innen mit Behinderungen zwei Wochen Zeit, um sich ein sogenanntes „Kurzprofil“ für das Job-Speed-Dating zu erstellen, Informationen über die zugesagten Arbeitgeber*innen einzuholen und müssen sich aktiv, freiwillig entscheiden, mitzumachen. Dann schlägt bereits zum zweiten Mal der Gong für das Kennenlerngespräch zwischen Jobsuchenden und Unternehmen aus der Region.

kobinet-nachrichten: Anschließend haben Sie noch Station in Nürnberg bei der Bundesagentur für Arbeit gemacht. Was hat Sie dorthin getrieben und was kam dabei raus?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: Mit den Mitarbeitenden der „Koordinierungsstelle Inklusion“ pflegen wir seit Entstehung dieser Abteilung einen regelmäßigen Austausch und guten Kontakt. Durch die Ortsnähe unseres Aufenthalts in Regensburg haben wir die Möglichkeit bekommen, uns mit verschiedenen Abteilungen in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA) zu den Themen Übergang Schule-Beruf, der 4. Staffel der Ausgleichsabgabe und über die gestiegenen Chancen für Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt durch Fachkräftemangel und das neue Arbeitsmarktgesetz persönlich austauschen zu können. Auch unsere frischen Eindrücke aus dem Vorbereitungscoaching von Regensburg konnten wir hier bezüglich der Hürden und Hemmnisse bei der Vermittlung von Menschen mit Behinderungen einfließen lassen. Dies stieß auf hohe Zustimmung.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen Beschäftigung behinderter Menschen frei hätten, welche wären das?

Maria Trümper und Alexander Ahrens: Bei behinderten Menschen, die vor allem nach der Schule ins Berufsleben starten wollen, sollte immer erst geschaut werden, wie man eine inklusive betriebliche Ausbildung oder Anstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden kann. Die Praxis zeigt unserer Erfahrung nach, dass viel zu schnell zum Sonderweg der Einrichtungen wie dem Berufsbildungswerk und der Behindertenwerkstatt gegriffen wird. Wir wissen aus eigenen persönlichen Erfahrungen und noch verstärkt durch die persönlichen Erfahrungsschilderungen junger Menschen mit Behinderungen, die an unseren Job-Speed-Datings teilgenommen haben, dass zum Beispiel für Jugendliche mit Behinderungen kaum bis keine Möglichkeiten geboten werden, ein Berufsberatungsangebot zu besuchen. Die meisten wissen noch nicht einmal, dass sie, dass alle Jugendliche und junge Menschen, ob mit oder ohne Behinderungen, das Recht und die Möglichkeit haben, beispielsweise ganz niedrigschwellig eine Jugendberufsagentur (JBA) aufzusuchen, um im Rahmen der Jugendberufshilfe eine qualifizierte, diskriminierungsfreie Berufsberatung und Unterstützung bei Bewerbungen zu erhalten.

Oft wird von vorneherein in der Schule schon gesagt, dass es für sie als Menschen mit Behinderungen besser sei, gleich eine Ausbildung in einem BBW zu absolvieren. Das ist keine Berufsorientierung, wie sie alle Jugendlichen eigentlich erhalten sollten. Jeder junge Mensch hat Wünsche und Vorstellungen von seiner Zukunft, das wird in diesem Fall überhaupt nicht berücksichtigt. In Deutschland gibt es über 300 Ausbildungsberufe, in einem Berufsbildungswerk maximal 30, viele davon für Berufe, die in Deutschland nicht mehr von Nutzen sind oder schon vorbereitend auf handwerkliche Tätigkeiten in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) sind. Der Menschenrechtsbericht 2020 vom Deutschen Institut für Menschenrechte zum Thema „Junge Menschen mit Behinderungen: anerkannte Berufsausbildung statt Sonderwege“ unterstreicht all das, was wir in den letzten Jahren auch beobachtet, geschildert und/oder selbst erlebt haben in der eigenen Schul- und Bildungskarriere.

Außerdem erhalten viele junge Menschen bestimmte Fördermöglichkeiten, wie zum Beispiel einen finanziellen Zuschuss zum Führerschein oder für den Umbau für ein behindertengerechtes Auto erst, nachdem sie einen Job haben. Aber genau hier liegt die Krux: Gerade im ländlichen Raum, wo es keinen barrierefreien Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gibt, kommen viele behinderte Menschen nicht einmal selbstbestimmt zum Bewerbungsgespräch.

kobinet-nachrichten: Danke für das Interview.

Link zum Tweet der ISL zum Besuch bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg