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Man müsste ein Kunstwerk sein und im Museum hängen!

sitzt auf einer Bank am Wald
Hans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Merzhausen (kobinet) Kein Behinderter, der nicht nur nicht im Museum hängt, bei dem auch anderswo in der Öffentlichkeit die Leute sich nicht darum reißen, ihn zu sehen. Vielmehr oft genug lieber wegschauen, wenn er zufällig an ihnen vorüberläuft, so wie ich, der Blinde mit seinem Stock (meine Begleiterin hat das immer wieder beobachtet). Eine Glosse.

Und was uns Behinderte ebenfalls vom Kunstwerk unterscheidet, von seiner privilegierten gesellschaftlichen Stellung als ein zugleich bewundernswertes und schützenswertes öffentliches Gut: Sobald ein Kunstwerk Ziel eines Angriffs oder Anschlags wird, ist dem Ereignis die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit gewiss und die Wogen der Empörung schlagen hoch. Anders als in der Regel bei Behinderten werden diese angegriffen oder zum Opfer eines Anschlags. Schon allein
wegen des ausbleibenden Medienechos empört sich auch so gut wie niemand über derlei „Vorkommnisse“.

Aber fliegt ein Kartoffelpüree gegen einen Claude Monet hinter Glas, klatscht auf die Scheibe und beschmutzt dieselbe, dann gibt es für die veröffentlichte Meinung und ihre Macher kein Halten mehr, die Entrüstung eskaliert bis zum Anschlag. Wolfgang Kraushaar, Chronist jugendlicher Protestbewegungen, ereifert sich, Künstler und ihre Werke seien „massivster Entwürdigung“ ausgesetzt. Jugendliche Protestler lassen sich zu einer zweifelhaften symbolischen Aktion hinreißen
und unisono verurteilen Medien-Intellektuelle ihre Tat mit einem Superlativ moralischer Verwerflichkeit, der schwerlich zu toppen ist.

Um aus eigener Erfahrung zu sprechen: wenn meine Begleiterin und ich, der Erblindete, vor unserer Tür auf der Gasse verbal und tätlich angegriffen werden, der Täter uns mit einer schlierigen Flüssigkeit attackiert, dann sieht der Staatsanwalt darin keineswegs eine Entwürdigung. Wir hätten keine „ernsthafte Verletzung“ davongetragen und der Nachbar habe uns mutmaßlich „nur ärgern“ wollen, so sein mattes Schreiben an uns. – Wir beide sind eben keine toten Künstler, die man soeben mit Kartoffelpüree „massivst entwürdigt“ hat, wir bilden uns die Entwürdigung lediglich ein und ich selbst bin auch bloß ein schutzloser Behinderter und kein Kunstwerk hinter Glas, da muss
ich mir den Flüssigkeitsanschlag schon gefallen lassen.

Und apropos Faschismus, die jugendlichen Hitzköpfe stünden in der schlimmen Tradition faschistischer Bilderstürmerei, lautet ja das gleichfalls vernichtende Urteil über ihre Aktionen: Wenn der Behinderten- und Angehörigenschänder in unserer Gasse uns beide wissen lässt, wir
gehörten „ins Tierheim und eingeschläfert“, so juckt dieser faschistische Sound kein Schwein, nicht die Presse vor Ort und nicht die Zivilgesellschaft. Abgesehen von denen, die den mörderischen
Worten vom Einschläfern im Tierheim noch etwas Witziges abgewinnen, geben uns die meisten den ungemein ermutigenden Rat, Ohren zu und durch.

Die letzte Meldung zum Topthema, die sozusagen vor Redaktionsschluss aus dem Radio an mein Ohr dringt: Bundesjustizminister Buschmann fordert, Kunst hierzulande besser zu schützen und für Anschläge auf Kunstwerke härtere Strafen gesetzlich sofort auf den Weg zu bringen. – Mir fällt dazu noch eine weitere Verschärfung ein. Eine Grundgesetzänderung in Artikel Eins, etwa nach der Art, „die Menschenwürde ist genauso unantastbar wie ein Kunstwerk“.

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