Werbung:
Hilfsabfrage.de Flucht Behinderung
Cartoon Phil Hubbe Ausschnitt Rolli liest kobinet
Text Live-Blog Flucht und Behinderung
Springe zum Inhalt

Aktiv gegen Diskriminierungen in Bussen und Bahnen

Annett Heinich
Annett Heinich
Foto: privat

Dresden (kobinet) Das Antidiskriminierungsbüro Sachsen führt derzeit eine Online-Befragung durch, die sich an Nutzer*innen von Bus und Bahn richtet. Im Fokus stehen dabei Menschen mit Behinderung und Menschen mit Rassismus-Erfahrungen. Aber auch alle anderen sind eingeladen, ihre Erfahrungen noch bis zum 31. Juli mitzuteilen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit Annett Heinich vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen, die selbst einen Rollstuhl nutzt, ein Interview über die Umfage und das Projekt, in dessen Zusammenhang diese stattfindet.

kobinet-nachrichten: Sie sind schon länger in Sachen Inklusion aktiv und eine von über 100 Inklusionsbotschafter*innen, die sich in einem mittlerweile abgeschlossenen Projekt der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) engagiert haben. Aktuell arbeiten sie im Antidiskriminierungsbüro (ADB) Sachsen für das Projekt mit dem Titel "Wir fahren fair! - Wie ein diskriminierungsfreier ÖPNV gelingen kann". Was wollen Sie und Ihre Kolleg*innen mit diesem Projekt erreichen? Und wie kam es zu dieser Projektidee?

Annett Heinich: Eine repräsentative Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ergab, dass am zweithäufigsten Diskriminierungen im Lebensbereich Öffentlichkeit und Freizeit und dort am zweithäufigsten in Bus und Bahn passieren. Zudem sind Zugang und Inanspruchnahme von öffentlichen Verkehrsmitteln im rechtlichen Sinne privatwirtschaftliche öffentlich angebotene Waren und Dienstleistungen. Es kann also das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zur Anwendung kommen. Es gibt aber oft noch wenig Wissen und Handlungssicherheit, Diskriminierung in Bus und Bahn zu begegnen und zu verhindern. Betroffene kennen ihre Rechte auf Gleichbehandlung nicht, wissen nicht was sie tun können, trauen sich nicht oder haben sich mit der Situation abgefunden. Mit diesem Projekt wollen wir einerseits von Diskriminierung betroffene Menschen stärken, indem wir sie über ihre Rechte aufklären und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Zum anderen wollen wir natürlich auch die Verkehrsbetriebe gewinnen und bestärken, eine diskriminierungssensible Perspektive einzunehmen und damit auf Diskriminierung reagieren und Diskriminierung verhindern zu können. Gefördert wird unser Projekt übrigens von der ADS.

kobinet-nachrichten: Das ist viel Theorie. Was macht Ihr ganz konkret?

Annett Heinich: Begonnen haben wir mit einer Befragung, die sich an Nutzer*innen von Bus und Bahn richtet. Im Fokus stehen zwei Personengruppen: Menschen mit Behinderung und Menschen mit Rassismus-Erfahrungen. Aber auch alle anderen sind eingeladen, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Wir wollen anhand dieser Befragung die Erfahrungsrealität dieser Personengruppen im ÖPNV darstellen. Je mehr Personen sich also beteiligen, umso besser. Wir haben darum die Frist auf den 31. Juli 2022 verlängert. Wer sich noch beteiligen möchte, bekommt hier auf unserer Website alle Infos:

https://www.adb-sachsen.de/de/aktuelles/artikel/umfrage-bis-31-juli-verlaengert-diskriminierung-erlebt-bus-und-bahn

kobinet-nachrichten: Wo seht ihr echte Chancen, mit eurem Projekt etwas bewegen zu können?

Annett Heinich: Die Ergebnisse unserer Befragung sollen in Form einer Situationsanalyse in einen Handlungsleitfaden einfließen. Wir wollen die Bandbreite von Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und Menschen mit Rassismus Erfahrung abbilden. Uns wurden bereits einige Erfahrungen in Bus und Bahn mitgeteilt. Diese Erfahrungen reichen von Bus- und Bahnfahrer*innen, die Rollstuhlnutzer*innen nicht mitnehmen oder die Rampe nur widerwillig ausklappen, über Benachteiligung durch fehlende Informationen und Barrierefreiheit generell, bis hin zu Beschimpfungen und verbalen und körperlichen Angriffen.

Im Handlungsleitfaden werden wir rechtliche Möglichkeiten aufzeigen und Akteur*innen, die bei der Durchsetzung dieser Rechte und der Schaffung von mehr Chancengerechtigkeit begleiten und unterstützen, vorstellen. Wir wollen Menschen empowern, gegen Diskriminierung aktiv zu werden und diese zu verhindern. Der Leitfaden soll dabei mehr Handlungssicherheit geben.

kobinet-nachrichten: Und was ist mit den Bereitstellern von Bus und Bahn, also den Verkehrsbetrieben?

Annett Heinich: Wir sind froh, dass wir die Leipziger Verkehrsbetriebe gewinnen konnten, gemeinsam mit uns eine Kooperationsvereinbarung einzugehen.

Ziel dieser Vereinbarung ist es, Strategien und konkrete Maßnahmen zur Prävention und Intervention bei Diskriminierung im ÖPNV zu erarbeiten, zu entwickeln und umzusetzen. Ganz konkret heißt das:

- Weiterentwicklung des Beschwerdemanagements zur Aufnahme und Bearbeitung von Diskriminierungsfällen

- Schulungen/Sensibilisierung von LVB-Mitarbeiter*innen für das Thema Diskriminierung

- gemeinsame Kampagne in den Verkehrsmitteln zu Diskriminierung

Auch hier gilt, die gewonnenen Erkenntnisse sollen in den Handlungsleitfaden aufgenommen werden und beispielgebend auch für andere Verkehrsbetriebe sein.

kobinet-nachrichten: Es sind schon viele gute Bücher geschrieben worden. Was wollt Ihr tun, dass die gewonnenen Erkenntnisse auf fruchtbaren Boden fallen und euer Projekt auch über den Projektzeitraum hinaus Wirkung zeigt?

Annett Heinich: Der Handlungsleitfaden darf natürlich nicht in der nächsten Schublade verschwinden, sondern muss unter "die Leute". Außerdem sollen aufgebaute Kontakte und gelungene Zusammenarbeit, zum Beispiel auch mit den Akteur*innen des Projektes "ÖPNV für ALLE" (Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderte und Sozialverband VdK), nicht mit dem Projekt enden. Im Rahmen der Antidiskriminierungs-Beratung, auch bei uns im ADB Sachsen, wird der Leitfaden ein gutes Instrument sein und für die Antidiskriminierungsarbeit der Verkehrsbetriebe auch!

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Kontakt:
ADB Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V. Regionalstelle Dresden - Annett Heinich Projektmitarbeiterin Bürozeiten: Di & Do, 10 - 15 Uhr Seminarstr. 2 in 01067 Dresden Tel. 0351 485 096 97 www.adb-sachsen.de

Link zur Umfrage

Dresden (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scfhjqy