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Cringe: Die Alibiwebseiten Leichte Sprache bei der Bundesfachstelle Barrierefreiheit und der Überwachungsstelle BFIT-Bund

Screenshot mit Text Bundesfachstelle Barrierefreiheit Leichte Sprache
Scrennshot Ausschnitt Webseite der Bundesfachstelle Barrierefreiheit
Foto: Screenshot

Berlin (kobinet) Der Versuch, den Newsletter der Bundesfachstelle Barrierefreiheit zu abonnieren, brachte mich auf eine unverständliche Webseite. Völlig ohne Zusammenhang zum Ablauf des Bestellvorganges erhielt ich den Hinweis "Kontaktbestätigung. Ihre Nachricht wurde erfolgreich versendet. Vielen Dank!" . Kein Hinweis auf eine versendete Bestätigungsmail für den entgültigen Abschluss des Abonniervorgang, nichts, kein weiterer Hinweis.
Da ging mir einiges durch den Kopf.

Die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit hat vielfältige Aufgaben rund um die Barrierefreiheit im Allgemeinen und Speziellen „in einem breiten Spektrum: angefangen vom baulichen Zugang bis hin zur barrierefreien Information und Kommunikation“, schreiben sie selbst auf Ihrer „Wer sind wir?“-Seite. Sowohl für die Zivilgesellschaft als auch für die Wirtschaft stellt sie ihr Wissen und Können bereit. Ihre eigene Website ist somit Aushängeschild ihres Könnens.

Das Gesetz zur Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsrechts (2016) lies dieses Amt entstehen. Ob mir jemals jemand erklären kann, warum dieses Amt einer wirtschaftlich arbeitenden Krankenkasse/Versicherung (Knappschaft Bahn See, KBS) angegliedert wurde? Eine Behörde, die staatliche Aufgaben zu erfüllen hat wird einem Wirtschaftsunternehmen zugeordnet – ob das gut funktioniert?

Ähnlich verhält es sich ja auch mit der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT-Bund), die inhaltlich sich nur um barrierefreie Webseiten der öffentlichen Hand kümmert (überwacht und dokumentiert) und auch einem wirtschaftlichen Unternehmen, eben auch der KBS zugeordnet wurde.
Niemand wird mir beantworten, warum die Überwachungsstelle BFIT-Bund nicht Teil der Bundesfachstelle Barrierefreiheit geworden ist.

Die KBS stellt Büro, Personal, Verwaltung usw. und das BMAS (Bundesministerium Arbeit uns Soziales) ist die Fachaufsicht. Also zwei Dienstherren.
Wem nützt das? Sicher der KBS als Wirtschaftsunternehmen. Ob das der Barrierefreiheit wirklich dienlich ist muss die Praxis zeigen.

Alle drei verwenden für Ihre Websites (Bundesfachstelle Barrierefreiheit, BFIT-Bund und KBS) das für Behörden vorgesehene Conten Management System (CMS, System zum Betreiben und Verwalten der Webseiten) Government Site Builder GSB (siehe auch Wikipedia). Sicher hat KBS eine eigene Lizenz dafür von der Aufsichtsführenden Bundesbehörde erhalten. GBS wurde einmal von der Firma Materna entwickelt und wird heute vom ITZBund betreut. Für die statistische Erfassung von Webseitenzugriffen wird Matomo bei BF und BFIT-Bund verwendet. KBS benutzt Google Analytics.
Das GSB liefert nach technischen Gesichtspunkten weitestgehend barrierefreien Code aus.

Zu den vorhandenen und bekannten Barrierefreiheits-Problemen der Websites haben alle drei Instanzen je eine jährlich zu aktualisierende Erklärung zur Barrierefreiheit (BF vom März 2020, BFIT-Bund von Oktober 2021 und KBS vom September 2019). Man hat es also nicht ganz so eilig, bestehende Mängel abzustellen und die Erklärung zu aktualisieren. Es reicht nicht, nur das Datum anzupassen. Die Mängel müssen auch abgestellt werden. Manche angeführten Mängel sind relativ einfach zu beheben, wenn man es sich einmal vornimmt. Das ist kein technischen Problem, es ist ein menschliches.

Wie ist es nun mit der Leichten Sprache?

Wenn man weiß, dass etwa 14 % der in Deutschland lebenden Menschen (siehe Statistisches Bundesamt unter Analphabetismus) Schwierigkeiten mit dem VERSTEHEN von Webseiteninhalten haben (Analphabetismus, Bildungsferne, Migration, kognitive Einschränkung usw.) und vergleicht mit den anderen Behinderungsarten wie Blind, Sehbehindert, Hörbehindert, Mobilitätsbehindert usw. usf. (etwa 7% haben einen Schwerbehindertenausweis), dann erkennt man schnell, Leichte Sprache ist für doppelt so viele Menschen nötig, um eine Voraussetzung zur Teilhabe an der Gesellschaft zu haben. Die Priorität, ohne dabei die Barrierefreiheit für die anderen einzuschränken, muss doch bei Leichter Sprache liegen. Oder etwa nicht?

Demnach kann ich erwarten, dass auch auf Webseiten von Behörden Leichte Sprache mindestens doppelt so viel Aufmerksamkeit finden muss. Die Lösung der KBS, die für 9 einzelne Themen eigene Seiten in Leicher Sprache hat, ist ein guter Weg, aber auch nicht perfekt.

Nun komme ich auf mein Erlebnis mit dem Bestellen des Newsletter der Bundesfachstelle zurück. Im Bestellprozess erhielt ich eine aus dem Kontext fallende Antwort („Kontaktbestätigung. Ihre Nachricht wurde erfolgreich versendet. Vielen Dank!“). Es veranlasste mich, eine Barriere zu melden. Es gibt da eine Seite dazu.
Im „Barriere melden“-Formular verwies ich auch auf den Umstand, dass der auf jeder Webseite befindliche Link „Leichte Sprache“ immer nur auf eine einzige Webseite „Leichte Sprache“ führt. Diese Webseite enthält eine Inhaltsangabe aller Webseiten, und das in einer Sprache, die extrem weit von regelgerechter Leichter Sprache entfernt ist. Der Text wurde auch nicht durch Prüfer untersucht.

Ich erhielt eine E-Mail als Antwort. Zitat: „Der Leichte-Sprache-Button oben auf unserer Website, den Sie ansprechen, ist der Link zu den nach §4 BITV 2.0 (https://www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/BJNR184300011.html) vorgeschriebenen Inhalten in Leichter Sprache.“.

Mir hat es die Sprache verschlagen. Wird so eine Alibiseite produziert, und das noch extrem schlecht, um nur dem Gesetz Genüge zu tun? Steht nicht der Mensch im Vordergrund, alle Menschen sollen den Text der Webseiten (weitestgehend alle) VERSTEHEN können. Solch eine Alibiseite ist eine Diskriminierung.

Weiter heißt es auch in der Mail: „Bezüglich der Leichten Sprache: Selbstverständlich sind die Texte auf unserer Website, die in Leichter Sprache verfasst sind, von qualifizierten Übersetzern erstellt worden. Wir haben allerdings bei den Texten kein Siegel und keinen Autor veröffentlicht. Die Qualität der Texte ist für uns essentiell.“ Diese Aussage kann nicht stimmen. Wenn sie wahr wäre, würde der Text der Alibiseite anders aussehen und mit Prüfsiegel Leichte Sprache versehen worden.

Und da gleichen sich beide, Bundeseinrichtungen Bundesfachstelle und BFIT-Bund. Die Alibiwebseite(n) Leichte Sprache sind zum Schämen.

Was ich an dem CMS des Bundes, dem GSB, vermisse ist ein Modul (Plug-in) welches eine Mehrsprachigkeit jeder einzelnen Seite technisch möglich macht. Andere CMS haben so etwas, z. B. das Plugin für WordPress WPGlobus mit eigener Flagge (Symbol) für Leichte Sprache. Mit solch einem Modul könnte man zu jeder beliebigen Seite parallele anderssprachige Seiten stellen, die duch Klick auf angezeigte Sprachbutton geöffnet werden können. Eine Webseite in Deutsch könnte dann parallel auch in Türkisch, Ukrainisch, Leichte Sprache, Gebärdensprache, Englisch usw. eingestellt werden (die Inhalte müssen natürlich sachkundig richtig gefüllt werden). Je nach dem, welche Sprachenseiten vorhanden sind, werden Sprachbutton auf der Seite angeboten. Es kann auf die Alibiwebseite verzichtet werden. Ich gehe davon aus, das ITZBund kann das programmieren. Es hat ihnen nur bisher keiner gesagt. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit könnte den Auftrag erteilen, solche Software zu entwickeln.

Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit äußerte in der E-Mail ihre Absicht, es besser machen zu wollen. Von ihr und von der Überwachungsstelle BFIT-Bund erwarte ich, dass Leichte Sprache zu allen Inhalten der Webseiten existiert. Sollen die Webseiten dieser Stellen nicht Vorbild sein?
Ich schaue mir das im Oktober / November wieder an. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nimmt eine Mitteilung über fehlende Barrierefreiheit sicher entgegen.

Cringe!

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Zum Thema erschien bei kobinet bisher auch

Amtsstuben und Leichte Sprache (?) am 08.11.2021

Studie zur Barrierefreiheit in der Verwaltung oder „Barrierefreiheit nervt“ am 23.01.2022

Kennzeichen Leichte Sprache am 15.03.2022

Lesermeinungen

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Sabrina Mevis
25.04.2022 10:30

Das Problem ist ganz einfach, dass die Stellen unterbesetzt und unterfinanziert sind. Mit den paar Leuten kann man nichts reießen und Übersetzungen in Leichte Sprache und Gebärdensprache, die sollte nicht unerwähnt bleiben, sind teuer, wenn sie gut gemacht werden sollen. M.E. ist aber generell das Problem, dass die Sprache der beiden Stellen zu kompliziert ist. Siehe mal die „Studie“ zu genergerechter Sprache der BFIT.

Antwort auf  Sabrina Mevis
25.04.2022 23:25

Ganz richtig. Barrierefreiheit kann man nicht zum Nulltarif bekommen. Und Gutes hat seinen Preis. Da ist staatliche Verantwortung gefragt.

Dabei denke ich ganz naiv: wenn eine Legislative ein Gesetz beschließt, dann sollte das Gesetz in Sachen Barrierefreiheit ganzheitlich gedacht werden und die real nötigen Mittel und Ressourcen geplant und bereitgestellt werden. Dieses ganzheitliche Denken müssen die gewählten und abstimmenden Abgeordneten ausführen. Das erwarte ich als Wähler.
Wenn nun in der Executive die Mittel, um alle Webseiten öffentlicher Stellen für alle Menschen zugänglich und verständlich zu machen, wegen mangelhafter ganzheitlicher Denke in der Legislative, fehlen, ist es doch normal, Gesetze nachzubessern, die Mittel zu geben. Das erwarte ich als Wähler.
Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, gesellschaftliche Teilhabe ebenso. Punkt.

Es ist mühsam immer wieder verständlich zu machen: wenn man gleich, von Anfang an, ganzheitlich bei Barrierefreiheit denken würde, könnten die nachträglich entstehenden Kosten eingespart werden. Die BITV gibt es seit über 20 Jahren!

Barrierefreiheit ist kein Almosen, es ist Menschenrecht für alle.
Es ist kein technischen Problem, es ist ein menschliches.
Nicht nur meine Großmutter kennt den Spruch: Wo ein Wille ist, ist ein Weg.