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Gibt es eine Pflicht zu leben?

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Foto: ht

Bonn (kobinet) Der assistierte Suizid ihrer Kinderfreundin, die die gleiche Behinderung hatte wie sie, beschäftigt Dr. Annette Standop und andere Menschen mit einer Behinderung sehr. Dr. Annette Standop hat daher in einem von ihr auf Facebook veröffentlichten Beitrag die Frage aufgeworden: Gibt es eine Plficht zu leben? Im folgenden veröffentlichen wir den Beitrag von Dr. Annette Standop, den diese freundlicherweise zur Veröffentlichung in den kobinet-nachrichten freigegeben hat und der auf Facebook bereits für rege Diskussionen sorgt.

Gibt es eine Pflicht zu leben?

Beitrag von Dr. Annette Standop

Der assistierte Suizid meiner Kinderfreundin, die die gleiche Behinderung hatte wie ich, beschäftigt mich und andere Menschen mit einer Behinderung sehr. Ich bin auf Facebook in einer Gruppe von Frauen mit Spinaler Muskelatrophie, die seit gestern sehr intensiv darüber diskutieren, was dieser Suizid für uns persönlich bedeutet, aber auch für das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft.

Es macht mich wütend und ist für mich in gewisser Weise unbegreiflich, dass durch die Medien jetzt wieder die für mich längst überwunden geglaubte Meinung zementiert wird, ein Leben mit dieser Behinderung sei nicht erträglich. Davon geht so mancher Zeitungsartikel ganz selbstverständlich aus. Für viele Menschen (vor allem jene, die nicht allzu viel Kontakt mit behinderten Menschen haben) ist es absolut plausibel, dass man sich in einer solchen Situation lieber umbringt. Die Ermöglichung des assistierten Suizids wurde auch aus diesem Grund in Österreich, wo er seit 1. Januar zugelassen ist, und in anderen Ländern von Behinderten- und Sozialverbänden skeptisch gesehen, die – wie ich finde zu Recht – befürchten, dass der öffentliche Druck auf Menschen mit Behinderung größer wird, ab einem bestimmten Punkt auch diese Möglichkeit für sich ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Viel schwerer wiegt für mich aber, dass ein positives, selbstbestimmtes und glückliches Leben mit Behinderung noch weniger für möglich gehalten wird als bisher. Man muss nicht den ewigen Vergleich mit dem Nationalsozialismus bemühen, um zu wissen, dass Behinderung in vielen Köpfen weiterhin gleichgesetzt wird mit Leiden, Schwäche, Unglück. Und dass man so doch nicht leben wollen kann …

Für manche Menschen mit Behinderung mag das auch so sein. Nicht jeder behinderte Mensch genießt sein Leben und fühlt sich wohl, so wie er ist. Umgekehrt gilt aber genauso wenig, dass eine Behinderung automatisch Leiden bedeutet. Ich kenne im Übrigen auch Menschen ohne diagnostizierte Behinderung, die unglücklich und unzufrieden sind. Ohnehin bringen sich allein deshalb schon mehr nichtbehinderte Menschen um als behinderte, weil sie zahlreicher sind… Und? Bei einem behinderten Menschen scheint es verständlicher zu sein, wenn er selbst sein Leben beendet. Wie kommen die Leute auf diese Idee?

Ich frage mich, welche Wirkung es hat, wenn ein Mensch wie ausgerechnet meine Kinderfreundin so öffentlich, wie sie es getan hat, ihr Recht auf assistierten Selbstmord erstreitet und umsetzt. Sie stand mit und wegen ihrer Behinderung in der Öffentlichkeit, seit Jahrzehnten war sie eine der Ikonen der Behindertenbewegung in Österreich, wo – auch das ist eine Wahrheit – Menschen mit Behinderung noch wesentlich mehr Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie ganz selbstverständlich mitten in der Gesellschaft ihr eigenes Leben leben wollen. Wenn ausgerechnet eine solche Person, die für mich und viele andere ein echtes Vorbild, ein role model, war, sich im Rampenlicht der Medien umbringt, so hat das eine ganz andere Wirkung als wenn das die kleine Rollifahrerin von nebenan tut. Denn sie stand für Selbstbestimmung und Inklusion, für das Recht auf Gleichstellung, für Assistenz und gleichberechtigte Teilhabe.

Ihre Geschichte kenne ich gut, und allein aus dieser Geschichte heraus kann ich nachvollziehen, dass sie zu dieser Entscheidung kam. Aber eine Frage bleibt: Gibt es nicht auch eine Art Pflicht zu leben, wenn der eigene Selbstmord solche politischen Auswirkungen haben kann und zum Teil auch schon hat wie in ihrem Fall?

Sie ist letztendlich gescheitert an dem aufreibenden Kampf gegen Behörden, Vorurteile und Benachteiligungen. Das ist das, was ich anklagen will: Dieser ewige Kampf, den wohl jeder aktive Mensch mit Behinderung nur allzu gut kennt, kann dich in die Knie zwingen, und wenn die eigene Kraft nicht mehr reicht, kann er dich offensichtlich auch umbringen. Von daher stelle ich mir ernsthaft die Frage, ob der Suizid meiner Kinderfreundin nicht auch so etwas wie von außen provoziert oder zumindest in Kauf genommen war.

Ich selbst lebe wie viele andere Menschen mit Behinderung (besonders in Deutschland) in der privilegierten und glücklichen Situation, grundsätzlich die nötigen Hilfen zu haben, die mir ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, sei es persönliche Assistenz, seien es Hilfsmittel oder auch schlicht der Respekt unserer Umwelt. Von daher weiß ich, dass es mir nicht wirklich zusteht, über einen anderen Menschen zu urteilen, in dessen Schuhen ich nicht stehe (oder besser, in dessen Rollstuhl ich nicht sitze). Ich kann aber persönlich und politisch alles daran setzen, dass Menschen mit Behinderung das selbstverständliche Recht auf Teilhabe wirklich wahrnehmen können, und wenn sie sich tatsächlich umbringen wollen, dann zumindest nicht deshalb, weil es ihnen an der notwendigen Unterstützung von außen fehlt.

Link zum Facebookeintrag von Dr. Annette Standop und zur Diskussion dazu