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Hinter den Horizont geschaut oder zur globalen Barrierefreiheit

im Porträt
Hubertus Thomasius
Foto: privat

Berlin (kobinet) Wo steht Deutschland im DARE-Index (Digital Accessibility Rights Evaluation, digitale Zugändlichkeitsrecht Evulation)? Deutschland hat 2020 den Platz 21 in der Indexliste von 135 Ländern.

Über G3ict, IAAP Global und IAAP-DACH.

Wo steht Deutschland im DARE-Index (Digital Accessibility Rights Evaluation, digitale Zugändlichkeitrecht Evulation)? Deutschland hat 2020 den Platz 21 in der Indexliste von 135 Ländern. Ok, aber unter den Industrienationen ist das eher ein schlechter Platz. Wenn man den Tönen der Politik Glauben schenken würde, müsste Deutschland unter den ersten 10 sein. Es ist so, Deutschland hat 2020 etwa 62,5 von 100 Punkten. Siehe https://g3ict.org/country-profile/germany und nur in Europa Platz 9.
Bemängelt werden besonders (2020)

  • Es gibt keine Regierungsbehörde für barrierefreie IKT (Informations- und Kommunikationstechnik)
  • Websites sind nur zu etwa 60% barrierefrei
  • Es gibt keine Richtlinie für Verfügbarkeit und Nutzung, Internetverfügbarkeit für Behinderte
  • Es gibt keine Richtlinie für unterstützende Technologien und IKT für unabhängiges Leben Behinderter.

Wo klemmt es?
Es mangelt zutiefst am Bewusstsein, dem Denken der Menschen: Behinderung ist Alltag. Jeder 10. Mensch hat eine Behinderung bescheinigt bekommen. Einige weitere Millionen verwenden diese oder jene Hilfsmittel zum Zurechtkommen. Wie es in Deutschland oft gedacht wird „Freie Fahrt für freie Bürger“ sollte sich nun endlich auch als „Freie Teilhabe für alle Bürger“ im Bewusstsein durchsetzen. Medien und Bildung spielen dabei eine Rolle.

Ich frage mich schon immer, warum in der Architektenausbildung Barrierefreiheit ein Mauerblümchen ist, so auch beim Produktdesign. Und erst bei den Juristen ist Barrierefreiheit eher ein Fremdwort, außer vielleicht beim Sozialrecht. Wo ist die Lehre für Barrierefreiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Inklusive Schule ist genauso wichtig wie geschlechtsneutrale Schule. Inklusive Schule muss selbstverständlich sein. Ausreden aus baulichen, die Eltern wollen es nicht (auch Bewusstsein), kein Personal, zu starke Klassen, Gründen zählt für mich nicht mehr. Das kann man alles ändern. Muss man ändern. Mehr Lehrer mit inklusionaler Kompetenz ausbilden, Schulen umbauen, mehr Lehrer einstellen …
Es steht doch schon im Grundgesetz als fundamentales Recht, kein Mensch darf behindert (diskriminiert) werden.

Und das gilt insbesondere auch für die IKT (Informations- und Kommunikationstechnik, engl. ICT).

Über den Horizont geschaut: Die Organisationen G3ict, IAAP Global, IAAP-DACH

Die Globale Initiative für Inclusive Information and Communikation Technologies (G3ict) wurde im Dezember 2006 von der Global Alliance für ICT and Development der UN zusammen mit der Konvention der Rechte Behinderter der UN DESA gegründet und ist eine globale Interessenvertretung in den Vereinigten Nationen UN. G3ict ist eine Nichtregierungsorganisation mit beratenden Status bei der ECOSOC (Wirtschafts- und Sozialrat der UN). G3ict ist bei den Vertragsstaaten der UN-BRK akkreditiert. Die IKT-Zugänglichkeit ist Gegenstand der G3ict. Das erste Ziel der G3ict ist „Förderung des Bewusstseins für die IKT-Zugänglichkeit“ und schließt ab mit „Fördern der Berufsbildung Barrierefreiheit…“ zur Schaffung barrierefreier Produkte, Zugänglichkeit zu Informationen und Dienstleistungen.

Finanziert wird diese Organisation durch zahlreiche finanzkräftige Firmen, IT-Konzernen usw. Durch diese Finanzierung fließen Mittel in die Entwicklung von Standards, Regeln, Produkte, Software für Barrierefreiheit. Neue Produkte können für die Firmen nicht schlecht sein. So entsteht eine sinnvolle Win-Win-Situation. Alle Menschen können barrierefreie Produkte genießen (kaufen).

Eine Abteilung der G3ict ist die Organisation IAAP (International Asseciation of Accessibility Professionals, internationale Vereinigung Barrierefreiheitsberufe). Bewusstsein, Wissen und Können durch Ausbildung und Zertifizierung sind die Grundlage der Tätigkeit der IAAP Global. Sie schult, stellt Wissen bereit (Webinare, Knowledge base) und prüft (zertifiziert) Menschen, die Barrierefreiheit in der IKT zum Beruf machen wollen bzw. haben. Siehe https://g3ict.org/what-we-do/training-education.
IAAP Global zertifiziert für Barrierefreiheit von Websites, Software und Produkte der IKT, zum Beispiel

Diese Zertifikate können direkt bei IAAP Global beantragt, geprüft und zertifiziert werden. Man sollte dabei die englischen / amerikanischen Sprache gut beherrschen.
Mit Hilfe von Lehrmaterialien, IAAP-Blogs, monatliche Newsletter und vielen Webinare kann man sich gut vorbereiten.

IAAP Global baut regionale Abteilungen (Chapter) auf und unterstützt diese. So ist gegenwärtig für die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und Schweiz eine Organisation im Aufbau, die IAAP-DACH. IAAP-DACH vertritt IAAP Global und stellt die Prüfung in deutscher Sprache zur Verfügung. Dazu werde ich in einem weiteren Artikel mehr berichten.

Barrierefreiheits-Zertifizierung ist eine fundierte Möglichkeit für jeden interessierten Menschen, behindert oder nicht, Barrierefreiheit in der Informations- und Kommunikationstechnik mit einem Zertifikat als Beruf auszuüben. Ein Zertifikat bescheinigt das Wissen um diese Dinge.

Die Arbeit der IAAP findet meine volle Befürwortung.
Lernen Sie und lassen Sie sich zertifizieren. Die öffentliche Hand hat solch einen gesetzlichen Druck nach barrierefreier IKT, dass Sie bestimmt eine Stelle mit Perspektive finden können. In Deutschland gibt es keine vergleichbare Einrichtung.
Studenten der Medienwissenschaften, der IT und andere tangierende Fächer, nutzen Sie diese Möglichkeit der Qualifikation. Es macht Sinn, mit praktischer Arbeit das Bewusstsein Barrierefreiheit breit auszubilden, keiner soll diskriminiert werden.

Wie läuft eine Zertifizierung ab?
Man muss sich natürlich mit den bereitgestellten Mitteln der IAAP und weiteren Wissensquellen gut vorbereiten. Lernen, lernen, lernen und den Test beantragen.
Die Prüfung findet online statt. Man erhält die Multiple Choice Fragen in einem geschützten Fenster. Nur eine Antwort von Vieren ist richtig. Die richtige Antwort sollten Sie finden. Je nach Zertifizierungsziel sind das 80, 100 oder auch 120 Fragen aus einem großen Fragenpool der IAAP.

Nachtrag: Kritik an dem Zertifizierungsverfahren

  • Es wird das Wissen geprüft. Können und Fähigkeiten kann mit Multiple Choice nicht geprüft werden. Wer ein Zertifikat mit 100% erfüllt hat zumindest gut gelernt. Glückwunsch.
  • Das gesperrte Fenster lässt nicht zu, dass man während der Prüfung andere Programme starten kann. Aber, Screenreadernutzer müssen den Screenreader haben, mit dessen Hilfe können auch andere Programmen neben dem Prüfungsfenster gestartet werden. Weltweite Suche mit einem Browser ist kein Problem. Das ist bekannt. Kontrollpersonen sollen das verhindern. Mir ist gegenwärtig nicht bekannt ob inzwischen eine Hintergrundroutine feststellt, ob das gesperrte Fenster im Fokus verlassen wurde und bei der Abgabe diese Info mit versandt wird.
  • Mit geeigneter Software kann man von jeder Frage einen Screenshot machen, die Fragen und richtigen Antworten sind in Foren begehrt. Nach einer gewissen Zeit sind alle Fragen aus dem Pool in den Foren bekannt. Nutzen Sie diese Foren bei der Vorbereitung.

Für den einen ist ein erfolgreiches Zertifikat wertvoll und hilft bei der beruflichen Entwicklung. Für andere ist es die Gelegenheit, gepauktes Wissen bescheinigt zu bekommen. Wer was wirklich kann müssen andere ergründen.

Viel Erfolg bei Ihrer Prüfung.

Berlin (kobinet) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sagmp37