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Sinn und Unsinn der Zertifikate oder der Bubble-Wahnsinn

Grafik gelbe Kreisfläche mit einem Pokal in der Mitte
Bubble Pokal
Foto: pixabay

Berlin (kobinet) Sind Zertifikate wirklich Belege der Qualität? Wem nützen sie, wer braucht sie?
Bubble ist ein englisches Wort und bedeutet soviel wie Blase, Luftblase, Seifenblase, Schaumblase.

Einige Prüfungen habe ich in meinem langen Arbeitsleben abgelegt und manches Zertifikat erworben. Besonders wichtig für mich waren die für meine Berufsausübung nötigen. Beginnen wir mit dem Autoführerschein, meine Ausbildereignungsprüfung, um als Lehrer und Ausbilder arbeiten zu dürfen, mein Berufsabschluss und mein Diplom zu meinem IT-Studium. Das sicherte meine Arbeitswelt. Sie bescheinigen mein Wissen und Können. Sie sind für andere ein Garantieversprechen.

Auch Zertifikate von TÜV oder DIN belegen die technische Funktionstüchtigkeit, so, dass von der Technik keine Gefahr für Menschen, Tiere, Umwelt und dem Gemeinwohl ausgeht.

Diese Zertifikate sind gesetzlich geregelt und meist in irgendeiner Form auch kostenpflichtig. Das ist völlig in Ordnung.

Wer darf Zertifikate erteilen?
Jeder, da gibt es keine Einschränkungen. Jeder kann ein Zertifikat anbieten, es muss ja keiner erwerben. Und damit ist einem besonderen Markt Tür und Tor geöffnet. Spricht man Eitelkeit und Angst der Menschen an fällt immer wieder einer darauf rein. Die Werbung kann sachlich, leise oder laut, hintenherum oder direkt sein, Hauptsache sie generiert Kunden. Der Erwerb solcher Bubble ist meist kostenpflichtig. Das ist die Geschäftsidee. Verkaufen von Bubble-Zertifikaten ist eine Gelddruckmaschine. Angst und Eitelkeit sind die Triebkräfte der Bubble-Industrie. Geringer Aufwand mit garantiert hoher Rendite.

Früher ließ man sich seine HTML-Webseiten zertifizieren und heftete das erworbene Bubble auf jede Webseite. Heute ist das lächerlich. Heute bringt man Zertifikate für "Barrierefreie Webseiten" heraus. In 10 Jahren lacht man darüber, die Websysteme (CMS) werden bald technisch barrierefreie Webseiten generieren können. Die Zertifikate haben beachtliche Preise. Zielmarkt sind Webagenturen, Website-Anbieter der öffentlichen Hand, Webdesigner und -entwickler, Hochschulen und staatliche Bildungseinrichtungen usw. usf.

Beispielsweise entsteht gerade in den deutschsprachigen Ländern eine Zertifizierungs-"Institution" IAAP-DACH (deutschsprachige Niederlassung der IAAP International Association of Accessibility Professionals in Atlanta, USA; DACH steht für Deutschland-Österreich-Schweiz). Webentwickler (Programmierer usw.) können dort kostenpflichtige Zertifikate erwerben, wobei nach amerikanischen Kriterien geurteilt wird. Die in deutscher Sprache vorliegenden Unterlagen sind Übersetzungen aus dem amerikanischen. Besonderheiten und Kriterien, die nach europäischen Regeln und deutschen Gesetzen (BITV) gelten kommen darin gegenwärtig nicht vor.
IAAP-DACH ist nicht die erste Einrichtung in Deutschland, die Websites und Webentwickler zertifiziert. Es besteht ein Markt, der umworben wird. Jedes Bubble hat seinen Preis.

Schön und gut. Und auf was kommt es an? Werden dadurch die Webseiten barrierefreier? Hoffentlich.

Liebe Webmacher, bildet Euch weiter. Für Deutschland gilt die BITV, welche sich nach der WCAG richtet. In der WCAG steht nicht nur das WAS sondern auch das WIE. Studiert die WCAG. Das kostet nichts, außer Eure Zeit. Man muss kein Bubble haben, um barrierefreie Webseiten zu machen. Bubble sind befriedigte Eitelkeit und beruhigte Angst. Erstellt barrierefreie Webseiten. Das sind Eure Referenzen für jeden Auftrag. Und, arbeitet mit Menschen zusammen, die Behinderungen haben. Für diese Menschen macht Ihr die Seiten barrierefrei, diese wollen die Webseiten nutzen. Dem Nutzer interessieren Eure Bubble nicht. Ihr müsst nicht die Bubble-Industrie unterstützen.
Ich finde, ein guter Webentwickler macht es einfach barrierefrei.

Die Websites öffentlicher Stellen müssen heute schon barrierefrei sein. Die Entscheider dort haben natürlich Erfolgsdruck, zumal nicht selten die Sachkenntnis nicht ausreicht. Wäre da nicht ein Zertifikat eines Dienstleisters hilfreich?

Liebe Entscheider, Sie haben genügend IT im Hause. Vertrauen Sie Ihren Fachleuten. Zahlreiche Open Source und kostenpflichtige Software kann helfen den technischen Zustand der Barrierefreiheit zu prüfen. Viele behinderte Webspezialisten ünterstützen gern beim Prüfen der meschlichen Aspekte der Webseiten. Sie sind Spezialisten der Barrierefreiheit in eigener Sache. Überwachungsstellen können beraten und unterstützen. Sie können es doch selbst mit Ihren eigenen Möglichkeiten, barrierefreie Websites erstellen zu lassen.

Ich glaube, der beste Entwickler und Prüfer, die beste Entwicklerin und Prüferin barrierefreier Websites sind die Menschen, die in eigener Sache, als behinderte Menschen tätig werden. Sie können die Spezialisten der Webentwickler unterstützen und zur Seite stehen. Ich kenne zahlreiche Webspezialisten, die blind, gehörlos, stumm, manuell eingeschränkt, lernbehindert usw. sind. Es gibt sie, die behinderten Web-Spezialisten.
Oft sind diese nicht beschäftigt. Sie können am ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Die Mittel für Zertifikate sind dann besser angelegt. Die behinderten Webspezialisten werden Steuerzahler, statt Sozialhilfeempfänger zu sein.

Das macht Sinn.

Berlin (kobinet) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sacrvx8


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