Werbung:
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Hilfsaktion für Hournalist'innen in Afghanistan
Cartoon Phil Hubbe Ausschnitt Rolli liest kobinet
Springe zum Inhalt

Heute vor 40 Jahren: Krüppelbewegung beim Gesundheitstag

Dr. Martin Theben
Dr. Martin Theben
Foto: privat

Hamburg/Berlin (kobinet) Der 2. Gesundheitstag vom 30. September bis 4. Oktober 1981 führte die Krüppelbewegung und Ihre Protagonist*innen im UNO-Jahr der Behinderten in die Rolle aktiv Partizipierender. Er fand vor vierzig Jahren statt und der kobinet-Chronist Dr. Martin Theben berichtet darüber im nachfolgenden Artikel.

Bericht von Dr. Martin Theben

Der 2. Gesundheitstag fand vom 30. September – 4. Oktober 1981, also mitten im UNO-Jahr der Behinderten, in Hamburg statt. Der erste Gesundheitstag, gedacht als Alternative zum eher konservativ geratenen Deutschen Ärztetag fand ein Jahr zuvor in Westberlin mit 12.000 Teilnehmer*innen statt. Zu den Initiator*innen gehörte der ehemalige Gesundheitsstadtrat und spätere Präsident der Berliner Ärztekammer Elis Huber. Auf diesen Gesundheitstagen sollte nicht nur über fachmedizinische Erkenntnisse, sondern alternative Behandlungsmethoden, vor allem aber unter Beteiligung der Betroffenen auch sozial- und gesundheitspolitische Themen diskutiert werden. Die Gesundheitstage waren eine gesellschaftspolitische Variante der in den 80ziger Jahren erstarkten alternativen Friedensbewegung.

Das Besondere an diesem zweiten Gesundheitstag in Hamburg war die Tatsache, dass Protagonist*innen der Krüppelbewegung hier nicht als protestierende Störenfriede, sondern aktiv Beteiligte mit eigenen, zum Teil sehr gut besuchten Veranstaltungen in Erscheinung traten. Dazu berichten etwa Nati Radtke und Udo Sierck in der Krüppelzeitung 3/81:

"Vom 30. September bis zum 4. Oktober findet in Hamburg der Gesundheitstag 1981 statt. Dieser Gesundheitstag bietet einerseits die Möglichkeit, die Beziehungen zwischen Experten und Laien zu verändern, andererseits wird die medizinische Versorgung Infrage gestellt und nach Alternativen gesucht. Um zu vermeiden, daß wieder von Experten über die Interessen der Betroffenen unter Ausschluß derselben gesprochen wird, ist es wichtig, daß viele Betroffene/Behinderte/ Krüppel kommen."

Dieser einladenden Aufforderung folgten viele Krüppel, Sie traten nicht nur als Besucher*innen, sondern auch als Kritiker der "Expert*innen" auf. Darüberhinaus boten einzelne Krüppel, zum Teil auch als Gruppe, eigene Veranstaltungen an. Einige Themen waren: Krüppelgruppe - Selbsthilfe oder Isolation? - Selbsterfahrung für Körperbehinderte - "Krüppelfrauen, erobern wir uns den Tag!" - Problematik der Helfer - Vernichtung von Krüppel. Vor allem die Veranstaltung "Krüppelfrauen, erobern wir uns den Tag!“ bot den Krüppelfrauen Gelegenheit, schon zweieinhalb Monate vor dem Krüppeltribunal auf die besonderen Probleme von Frauen mit Behinderung aufmerksam zu machen.

Über einen persönlichen Triumph der Krüppelteilnehmer*innen über den damals verhassten Hans Mohl, Moderator des Gesundheitsmagazins Praxis und Gründervater der damals ebenso verhassten Aktion Sorgenkind berichtete die Ausgabe der Luftpumpe 10/81 in einem Artikel von Lothar Sandfort:

"Auch bei einer anderen Veranstaltung kam es zum Eklat. Uschi Willeke von der Krüppelgruppe Berlin hatte das Thema "Krüppelgruppe - Isolation o. Selbsthilfe" vorbereitet. Da dieses Thema im Moment "in" ist, war auch ein Fernsehteam erschienen und hatte schon fast selbstverständlich sein Instrumentarium aufgebaut, doch das Team hatte nicht damit gerechnet, daß die Teilnehmer gegen die Vermarktung exotischer Themen der Behindertenarbeit eingestellt waren, und als wir dann noch hörten, daß sie für das Gesundheitsmagazin Praxis filmen wollten, deren Chef unser spezieller "Aktion Sorgenkind"-Freund Mohl ist, war's ganz aus. Auf unseren Hinweis, sie könnten unsere Verweigerung der Aufnahmen als Boykott gegen Dr. h.c. Mohl auffassen, drohten sie uns noch mit den Worten, '9 Mio. Zuschauer werden das nicht verstehen' und zogen ab. Ist es so schwer zu verstehen, daß wir uns mit allen Mitteln dagegen wehren, von der Aktion Sorgenkind ständig als leidende Geschöpfe vermarktet zu werden, die nur durch Spenden einigermaßen erfüllt leben können? Mir jedenfalls hat dieser Boykott gut getan.“ Hans Mohl gehörte auch zu den "Angeklagten“ des Krüppeltribunals Mitte Dezember 1981.

Die besondere Rolle der Krüppel auf diesem Gesundheitstag reflektierte ein weiterer Artikel in der schon zitierten Ausgabe der Krüppelzeitung:

"Das gesamte Programm war imposant. Allerdings neu und für uns Krüppel eine gewaltige Veränderung stellten die zahlreichen Veranstaltungen zum Verhältnis Krüppel und Nichtbehinderte bzw. meist noch genauer zum Gesundheitswesen dar. Ob das Verhältnis zu den Gesundheitsarbeiten von der Krüppelgruppe Bremen, zum Faschismus von Udo, zu den Helfern oder Rehabilitationsindustriellen, von mir oder auch allgemein zu den Nichtbehinderten von den Berliner Krüppeln aufgegriffen wurde, es entwickelten sich Diskussionen und Konfrontationen, die in dieser Konkretheit und diesem zeitlichen Spielraum vorher nie auf einem Kongress stattgefunden haben. Bisher war unsere Position, die des Störers, des von außen die Ruhe der Nichtbehinderten Störenden. Man war zunächst er-schrocken über uns, verblüfft und überfahren. Daher mußte man unsere plötzliche Konfrontation ertragen. Mittlerweile baut man dieses als progressiven Gag mit ein, sich oder bzw. die konservativen Kollegen auf Behindertenpädagogik-Kongressen in engbegrenztem Rahmen verunsichern zu lassen. Man stimmt sogar Resolutionen gegen sich selbst zu. Der Widerstand der Krüppel ist zwar etwas unberechenbar, aber meist auf kurze Zeit begrenzt. Anders beim Gesundheitstag! Dort beschränkte sich die Beteiligung nicht auf 20-Minuten-Anmache und Übergang zur Tagesordnung, sondern wir Krüppel nahmen in unseren Veranstaltungen ihre Verhaltensweisen, Machtpositionen und vor allem ihre tägliche Unterdrückung aufs Korn. Nicht Abwehr von Scheiße, die auf unsere Köpfe gegossen werden soll, sondern Angriff mit den Exkrementen als Wurfgeschosse.“

Dieses letzte, etwas unflätige Resümeé gilt im Kern auch heute noch. Es mag den noch Sondierenden und demnächst Regierenden als Mahnung gereichen, angesichts unzureichender Regelungen zur Assistenz im Krankenhaus oder beim Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz … MIT BEHINDERUNGEN MUSS GERECHNET WERDEN!

Links zu den Beiträgen und dem Buch zum Gesundheitstag – Sie nennen es Fürsorge

4-3-1981_(08-01-2020_23-38-33).pdf (archiv-behindertenbewegung.org) ab S.16

3-10-1981_(08-01-2020_23-47-45).pdf (archiv-behindertenbewegung.org) S.3-6

Sie nennen es Fürsorge

Hamburg/Berlin (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sadlnx8