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Erhebliche Mängel bei barrierefreiem Nah- und Fernverkehr

Kevin Schultes
Kevin Schultes
Foto: privat

Berlin (kobinet) Erhebliche Mängel in Sachen barrierefreier Nah- und Fernverkehr sind beim Gipfel für einen barrierefreien öffentlichen Personennahverkehr und Fernverkehr deutlich geworden, der am 6. September von der Fördergemeinschaft Querschnittgelähmter (FGQ) im Estrel Hotel in Berlin durchgeführt wurde. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit Kevin Schultes, der den Gipfel mitinitiiert hat, u.a. auch darüber, wie es mit der Umsetzung der Verpflichtung für einen barrierefreien Nahverkehr zum 1. Januar 2022 aussieht und wie es nun nach dem Gipfel weitergeht.

kobinet-nachrichten: Der 1. Januar 2022 ist ein wichtiges Datum für all diejenigen, die sich für einen barrierefreien öffentlichen Personennahverkehr einsetzen und diesen nutzen wollen, weil dieser dann ja eigentlich nach den Vorschriften des Personenbeförderungsgesetzes barrierefrei sein muss. Wie wurde die derzeitige Situation beim Gipfel dargestellt?

Kevin Schultes: Vielleicht sollte man besser sagen, der 1. Januar 2022 hätte ein wichtiges Datum sein können. Denn die exemplarische Auswertung von 65 Nahverkehrsplänen im Hinblick auf ihre Erreichung einer vollständigen Barrierefreiheit, die der Deutsche Bahnkunden-Verband (DBV) aktuell durchgeführt und auf dem Gipfel vorgestellt hat, zeigt auf dramatische Art und Weise wie weit wir noch von diesem Ziel entfernt sind. Nicht nur, dass kein einziger der untersuchten Träger des ÖPNV eine vollständige Barrierefreiheit erreicht, die Auswertung zeigt auch die fehlende Perspektive im Hinblick auf die Umsetzung und die mangelhafte Einbindung von Betroffenen, die im Personenbeförderungsgesetz ebenfalls festgeschrieben sind.

kobinet-nachrichten: Gibt es Tipps, was man vor Ort tun kann, damit die gesetzlichen Anforderungen entsprechend umgesetzt werden können?

Kevin Schultes: Da sind wir als Betroffene gefordert. Die Einbindung von Verbänden und Organisationen ist vorgesehen und diese müssen wir auch flächendeckend einfordern, uns nachhaltig in den weiteren Prozess einbringen und mit mehr Nachdruck auf die schnellstmögliche Umsetzung drängen. Dazu ist auch eine bessere Vernetzung untereinander notwendig, eine der Ideen hinter dem Gipfel.

kobinet-nachrichten: Welche Themen waren beim Gipfel noch wichtig?

Kevin Schultes: Wir haben den Gipfel ganz bewusst "Barrierefreier ÖPNV und Fernverkehr“ betitelt. Das Personenbeförderungsgesetz ist die eine Vorgabe, unsere Forderungen reichen aber weiter. Die UN-Behindertenrechtskonvention sieht ganz klar den selbständigen Zugang ohne fremde Hilfe zur gesamten öffentlichen Infrastruktur vor, Transportmittel sind in dieser explizit erwähnt. Auf der Schiene und im Busfernverkehr ist dies derzeit noch nicht einmal Bestandteil der bestehenden Konzepte. Wir sehen dort sogar eher einen Rückschritt, zum Beispiel, indem die neueste Generation des ICE nur noch zwei Rollstuhlplätze bei bis zu 918 Sitzplätzen insgesamt vorsieht. Wir wollen deutlich machen, dass Barrierefreiheit eben gerade nicht ein Randgruppenthema ist. In einer alternden Gesellschaft, die mobil bleiben möchte, und bei einem umfassenden Mobilitätsanspruch aller Teile der Gesellschaft sind ca. 30 Prozent der Bevölkerung unmittelbar auf eine Barrierefreiheit angewiesen, für alle anderen stellt sie ein Komfortmerkmal dar. Denken wir nur an die Familien, die mit Kindern und Koffern reisen oder die Fahrgäste, die ihr Fahrrad in Bus und Bahn mitnehmen möchten.

kobinet-nachrichten: Wie geht es nun mit dem Thema weiter?

Kevin Schultes: Wir haben den Gipfel durchgeführt, um ein breites Aktionsbündnis zu initiieren, welches beständig an dem Thema dran bleibt. Immerhin waren erstmalig fast 40 Verbände eingebunden, viele Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung, Vertreter aus der Politik und von den Verkehrsbetrieben waren vor Ort. Nun gilt es dieses Momentum aufrecht zu erhalten und in eine kontinuierliche Arbeit zu überführen. Meine Beobachtung ist, dass es bisher an einer nachhaltigen Bearbeitung dieses Themas von Seiten der Institutionen für Menschen mit Behinderungen, Senioren und den Verbänden für zum Beispiel Fahrgäste gefehlt hat. Es gab sicher viele gute Einzelaktionen, aber die meisten sind dann doch wieder "im Sande verlaufen“ und haben wenig Öffentlichkeit erzeugt. Das wollen wir ändern.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Berlin (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/saft579


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