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Das Wohnzimmer wurde zum Debattencamp

Porträt von Katrin Gensecke
Bild von Katrin Gensecke
Foto: Susie Knoll

Gersdorf (kobinet) Katrin Gensecke, 49 Jahre, kandidiert für die SPD bei der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt im Juni 2021. Bereits als Jugendliche scheute sie keine politischen Diskussionen. Lesen Sie mehr über Katrin Gensecke im folgenden Portrait:

Herkunft:

Geboren wurde Katrin Gensecke 1972 in Erfurt. Sie schwärmt: „Ich hatte immer viel Freude an der Innenstadt, dieses mittelalterliche Flair ist einfach schön.“

Ihre Großeltern und ihre Mutter sind 1966 von Würzburg über Eisenach nach Erfurt umgezogen. Ein ungewöhnlicher Schritt. Die DDR kannten sie nur aus Zeitschriften. Die Großeltern waren sich dennoch sicher, dass sie in dem System sich etwas Eigenes aufbauen könnten. Es gelang ihnen, sie gründeten einige Jahre später ein Sportfachgeschäft. Ihr Vater stammt aus Sachsen.

Von der DDR sagt Katrin Gensecke: „Ich habe mich wohl gefühlt und nichts Schlechtes empfunden. Sehnsucht hatte ich nur nach dem Reisen.“

Die Phase des Mauerfalls bezeichnet sie als „friedliche Zeit der Revolution.“ Bei den Freitagsdemonstrationen fiel sie nicht weiter auf, vielleicht wurde sie mit ihren 1,60 Meter damals noch übersehen.

Nach dem Abitur begann sie 1990 ihr Studium der Geisteswissenschaften, Sport und Geschichte später Deutsch in Magdeburg. Sie wollte Lehrerin werden. Als der Hochschulstandort geschlossen werden sollte, kam ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn zum Tragen. „Als Studentensprecherin habe ich mich für den Erhalt eingesetzt,“ berichtet Katrin Gensecke.

Familie:

„Familie geht über alles!“, äußert Katrin Gensecke direkt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer erwachsenen Tochter in der Niederen Börde in Gersdorf, einer kleinen Gemeinde mit rund 400 Einwohner*innen. Ihre Eltern sind inzwischen im Ruhestand. Ihr Vater war Lehrer – Musikpädagoge. Ihre Mutter arbeitete zunächst als Industriekauffrau, später als Schulsachbearbeiterin. Besonders mit den Großeltern haben Katrin Gensecke und ihr älterer Bruder viele politische Diskussionen geführt, manchmal auch darüber gestritten. Sie erinnert sich: „Manchmal wurde aus dem Wohnzimmer ein Debattencamp. Meine Großeltern sagten immer: Einer von euch geht in die Gewerkschaft und der andere in die SPD.“

Sport:

Durch Talentsucher an der Schule kam Katrin Gensecke zum Sport. Dabei schaute man nach Schüler*innen mit guter Konstitution und kräftiger Muskulatur. Schwimmen, Turnen, Laufen, Leichtathletik, all das, wobei Ausdauer gefragt war, probierte Katrin Gensecke aus. Eine besondere Leidenschaft galt dem Wintersport. Schnell ging es auf der Winterrodelbahn her, etwas langsamer beim Skilanglauf. „Mit meinem Vater sind wir oft Sonntags früh mit den Langlaufski los in den Thüringer Wald.“

Das Sportstudium lag damit nahe. Nach vier Jahren, mit Anfang 20, kam jedoch alles anders. Katrin Gensecke erinnert sich: „Ich hatte alle Abschlüsse in der Tasche, nur beim Tanzen fehlte mir die praktische Prüfung. Doch eines Morgens kam ich beinah nicht mehr aus dem Bett, ich konnte schlecht sprechen, kaum greifen.“. Begonnen hatte alles mit einem Sturz, nachdem ihr Bein wegen eines Meniskusrisses eingegipst wurde. Heute vermutet sie: „Wahrscheinlich kam es schon wegen der MS (Mutiple Sklerose) zu dem Unfall. Es hat lange gedauert, bis ich eine Diagnose bekam, man hat rum gedoktert. Irgendwann hieß es: „Wir schicken Sie mal zum Nervenarzt.“ Ich war froh, als ich wusste, es ist MS. Endlich musste ich mich nicht mehr erklären.“ Die Abschlussprüfung konnte sie damit nicht absolvieren. Stattdessen machte sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Ein halbes Jahr nach Ende der Ausbildung wurde ihr jedoch gekündigt. Man sagte ihr: „Sie sind keine vollwertige Arbeitskraft.“

Wohnen:

Das Haus ist ruhig am Feldrand gelegen. Dreh- und Angelpunkt für gute Gespräche ist die lichtdurchflutete Küche mit dem großen Tisch in der Mitte. Katrin Gensecke sagt: „Der Weg zur Kaffeemaschine ist hier am nächsten.“ Eine wichtige Grundlage für Treffen jeglicher Art. Den Blick zieht eine orange gestrichene Wand auf sich. Die hellen rustikalen Küchenmöbel bekommen Akzente durch dunkelgrüne Arbeitsplatten.

Essen:

Spontan äußert Katrin Gensecke: „Ich esse Vieles gern. Meine Lieblingsgerichte sind die mit Hähnchen. Am besten dazu selbst gemachte Pommes. Nudeln mit Tomatensoße war das erste Gericht, das ich selber kochen konnte. Die Reste, mit Käse überbacken, schmecken nochmal so gut.“ Zu Hause kocht oft ihr Ehemann. Sie sagt dazu: „Männer kochen anders, sie haben mehr Fantasie.“.

Politik:

Ihre Großeltern haben Katrin Gensecke politisch geprägt. Vorbilder des Großvaters waren Willy Brand, Helmut Schmidt und Franz Müntefering. Sie erzählt: „Das hat auf mich abgefärbt, ich wollte schon sehr früh in die SPD eintreten.“. Doch zunächst engagierte sie sich ab 1998 in der Deutschen Mutiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Dazu sagt sie: „Ich wollte nicht, dass es anderen auch so geht wie mir. Damals herrschte in der Selbsthilfe noch ein veraltetes Fürsorgedenken.“ Doch die Grenzen in der Selbsthilfe waren Katrin Gensecke zu eng. Daher entschied sie sich 2011, Mitglied in der SPD zu werden. „Ich hatte null Ahnung und musste erst lernen, wie man in der Politik agiert. Ich habe immer wieder Unterstützung erfahren, man hat mir etwas zugetraut. Die Landes-Arbeitsgemeinschaft „Selbst Aktiv“ in Sachsen-Anhalt habe ich aufgebaut. Wir müssen positiv nerven und unsere Rechte einfordern. In der SPD wird Partizipation gelebt, wir werden einbezogen und gefragt. Das ist mir wichtig. Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Menschen mit Behinderung für politische Ämter aufstellen lassen. Durch Corona wurden wir in die Schublade „vulnerable Gruppe“ gepackt. Es heißt auch, jetzt gibt es Wichtigeres als Inklusion. Dinge, die wir erkämpft haben, müssen wir uns zurückholen.“

Inklusion:

Inklusion Bedeutet für Katrin Gensecke: „Jeder ist anders normal.“ Sie sagt dazu: „Alle Menschen sollen ohne wenn und aber auf allen gesellschaftlichen Ebenen teilhaben können. Dafür müssen die Barrieren in unserer Umwelt abgebaut werden. Angemessene Vorkehrungen erfordern Kreativität, auch ein Klagerecht fehlt uns noch. Wir müssen sichtbar sein, dann spricht man über Inklusion. Das ist der Beginn zum Perspektivwechsel.“ Ein Politiker hat mal gesagt: „So viel Inklusion wie nötig, aber so viel Förderschulen wie möglich“, das hat Katrin Gensecke fast zum Platzen gebracht.

Reisen:

Zweimal im Jahr reist Katrin Gensecke in die Berge, ins Ötztal. Je höher der Ort gelegen ist, umso besser kann sie laufen. Aber sie ist auch schon die Straße der Romantik abgefahren. Ebenso stehen Städtetouren immer wieder auf dem Programm. Alles, was dazu dient, Land und Leute kennenzulernen. „Ich habe richtig Sehnsucht nach dem Reisen, wenn Corona es wieder zulässt, fahre ich als erstes wieder ins Ötztal.

Ziele:

Katrin Gensecke hat das Ziel, Mitglied des Landtags in Sachsen-Anhalt zu werden. „Als Abgeordnete möchte ich für mehr Partizipation von Menschen mit Behinderung sorgen und diese aktiv bei Gesetzesvorhaben einbeziehen. Das Thema Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und hier sehe ich in meiner Arbeit überall Schnittmengen mit anderen Themen. Die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen will ich mit neugestalten. Vor Ort etwas bewegen und verändern, das ist mir wichtig.“

Gersdorf (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scfhz38