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Frank Belling informiert über die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Porträt von Frank Belling
Frank Belling
Foto: ISL

Berlin/Hamburg (kobinet) Frank Belling ist immer am Ball in Sachen Inklusion. Wenn er in seiner Freizeit nicht gerade inklusiven Tanz betreibt oder als Behindertenaktivist engagiert ist, dann prüft er Texte in Leichter Sprache hin auf ihre Verständlichkeit oder bewegt sich auf politischem Eis für die Belange behinderter Menschen. Er ist Mitglied im Werkstattrat und setzt sich dort für die Umsetzung von Grund- und Menschenrechten ein. Maria Trümper vom Projekt "CASCO – Vom Case zum Coach“ der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) führte mit Frank Belling ein Interview über sein Wirken als Referentin und sein Engagement.

Das Projekt „CASCO – Vom Case zum Coach“ ist ein vierjähriges Projekt der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), das Ende 2020 endete. In dieser Zeit wurden insgesamt 32 Menschen mit Behinderungen zu fachlich qualifizierten Referent*innen für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausgebildet. Unter http://www.referenten-mit-behinderung.de/ kann man sie für Veranstaltungen, Seminare und Workshops buchen.

Maria Trümper: Hallo Frank, schön, dass du die Zeit für ein Interview finden konntest. Wie geht es dir? Was hat sich bei dir durch Corona verändert?

Frank Belling: Mir geht es soweit gut, ich musste mich neulich testen lassen und war aber negativ. Aber es fällt mir manchmal mit den ganzen Einschränkungen im Alltag schwer. Was hat sich verändert? Ja, ich kann weniger Leute treffen und viele Läden sind zu, also Restaurants, Kneipen, wo ich mich mit Freunden treffen konnte. Das finde ich schade. Und dass man überall Masken tragen muss, fällt mit manchmal schwer, weil ich kriege immer nur schlecht Luft unter der Maske. Mit der Arbeit ist es so: Ich muss eine Woche arbeiten und eine Woche Zuhause sein. Weil das sonst nicht anders geht mit dem Abstandhalten. An den geraden Wochen arbeite ich und an den ungeraden Wochen arbeite ich nicht. Und das finde ich auch ein bisschen schade. Ich werde aber auch bezahlt für die Zeit, wo ich nicht arbeite, weil es sonst unfair wäre, denn es ist ja von der Firma bestimmt, dass ich Zuhause bleiben muss. Und ich werde ja auch mit einem Bus befördert und da kann man nicht ein bis zwei Meter Abstand halten. Es ist also auch ein Risiko, wenn ich mit dem Bus fahre.

Maria Trümper: Du hast von 2018 bis 2019 an der CASCO-Weiterbildung teilgenommen – was hat dir gut an der Ausbildung zum CASCO-Referenten gefallen und wie bist du dazu gekommen?

Frank Belling: Weil mir das Projekt, als ich davon gehört habe, sehr gut gefallen hat. Dass eben auch behinderte Menschen Vorträge halten können durch CASCO und dass Leute mit Lernschwierigkeiten mit Unterstützung Vorträge halten und so auch auf ihre Lage aufmerksam machen können. Das hat mir einfach gut gefallen. Ich wollte meinen Horizont auch erweitern. Durch CASCO ist mir das gut gelungen. Ich hatte auch schon vorher mit Anja Teufel einige Vorträge zu Leichter Sprache gehalten und mit Christian Judith zum Thema Tanzen. Vorträge zu halten machte mir sehr viel Spaß. Und so kann ich den Leuten auch einfach zeigen, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten auch was können und nicht nur als "armer Behinderter“ abgestempelt zu werden.

Maria Trümper: Frank, wenn du Vorträge machst, welche Themen sind deine "Super-Themen“ und welche Themen sind dir wichtig?

Frank Belling: Bei mir ist das erstmal das Thema Barrierefreiheit, vor allem in öffentlichen Einrichtungen und in der Öffentlichkeit. Dann bin ich ja auch politisch aktiv und deswegen informiere ich auch gerne über Wahlmöglichkeiten für Menschen mit Lerneinschränkung, sodass sie auch ihre Wahlunterlagen bekommen, sodass eben auch die Rechte von behinderten Menschen mehr berücksichtigt werden.

Maria Trümper: Und welches Thema, das mit Behinderung zu tun hat, ist sehr wichtig für dich? Wofür brennst du?

Frank Belling: Einmal die Barrierefreiheit vor Ort, das ist mir ganz wichtig. Die Rechte in den Werkstätten und dass eine gerechte Entlohnung in den Werkstätten stattfindet. Dass jeder das Recht bekommt, selbst zu bestimmen, wo er arbeiten möchte und wo nicht. Und dass die Werkstätten auch ausbilden dürfen. Und auch politisch gesehen: Dass die Bundesregierung die Rechte von den behinderten Menschen mehr stärkt oder dass auch behinderte Menschen mal endlich in den Bundestag gewählt werden, sodass man sich da noch intensiver für seine Belange einsetzen kann, was das angeht.

Maria Trümper: Was bedeutet dir persönlich das Motto: "Nichts über uns ohne uns!“?

Frank Belling: Die Frage kann ich ganz einfach beantworten. Weil ich bin ja Experte in eigener Sache, was mich betrifft. Und weiß doch, was ich mach‘, was ich mag, was ich kann und was ich nicht kann. Da bin ich in eigener Sache einfach für mich, wenn ich über mich rede, einfach der beste Experte.

Maria Trümper: Derzeit wird viel darüber diskutiert, wo Menschen (ob das nun Frauen, behinderte oder schwarze Menschen sind), in unserer Gesellschaft benachteiligt werden. Was findest du wichtig, dazu noch zu sagen?

Frank Belling: Dass die Akzeptanz in der Bevölkerung, ob das nun behinderte Menschen oder Menschen mit Migrantionshintergrund sind, dass alle Menschen so akzeptiert werden sollen, wie sie sind. Also jeder Mensch hat das Recht, so zu leben wie er oder sie möchte, egal, in welchem Land. Ich finde, viele Menschen hier sind sehr unfreundlich gegenüber Migrant*innen, es heißt manchmal, sie nähmen uns die Arbeit weg. Und das stimmt nicht! Es gibt viele falsche Vorurteile gegen sie. Und die Akzeptanz, dass jeder hier arbeiten und leben kann, ist wichtig. Akzeptanz – dass eben jeder so akzeptiert wird, wie er ist mit seiner Persönlichkeit – das ist wichtig.

Maria Trümper: Welche Rolle spielen Menschenrechte in deinem privaten Leben und im Arbeitsalltag? Wo wirst du an der Wahrnehmung deiner Menschenrechte behindert?

Frank Belling: Im Grundgesetz gibt es ja für alle Rechte und Pflichten. Aber in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zum Beispiel, das Werkstattgesetz sagt zum Beispiel, wir dürfen nicht streiken. Im Grundgesetz heißt es aber, jeder darf streiken und wir dürfen das nicht. Wir dürfen in der Werkstatt die Arbeit nicht niederlegen, wir müssen das umgehen, indem wir sagen, wir nutzen das Versammlungsrecht. Insofern ist das alleine schon, dass wir die Grundrechte teilweise nicht so ausleben können und uns nicht so zur Verfügung stehen, nicht gerecht. Dass wäre so mein Fazit: Ob behindert oder nicht, jeder Mensch hat doch Grundrechte und die sollte man kennen. Und dafür plädiere ich auch: dass die Grundrechte eben auch in Leichter Sprache verfasst werden.

Maria Trümper: Stichwort Leichte Sprache. Zusammen mit Anja Teufel engagierst du dich für die Leichte Sprache. Kannst du kurz erklären, was machst du dort genau, und warum findest du es wichtig, dass Leichte Sprache immer dabei ist und warum sollte Leichte Sprache immer mitgedacht werden neben der schweren Sprache?

Frank Belling: Das ist einfach so, weil viele Leute verstehen Leichte Sprache einfach besser als die komplizierte und schwere Sprache. Sprache sollte für jeden auch zugänglich sein, ob das nun behinderte Menschen sind oder Menschen aus anderen Ländern, die wenig deutsch können. Also insofern sollte es eine Sprache sein/geben, die für jede*n gut zu verstehen ist.

Maria Trümper: Du bist auch Prüfer für Leichte Sprache. Was machst du da mit Anja genau?

Frank Belling: Anja bekommt von Auftraggebern Texte zugeschickt, sie übersetzt das dann in Leichte Sprache und wir prüfen danach gemeinsam, ob der Text verständlich ist für Menschen, die Leichte Sprache brauchen. Ich als Nutzer von Leichter Sprache kann da mein Wissen als Experte nutzen und behilflich sein.

Maria Trümper: Ich weiß, dass du in die Partei Die Linke eingetreten bist. Warum hast du dich dazu entschlossen, in eine Partei einzutreten und warum bist du zu den Linken gegangen?

Frank Belling: Ich möchte einfach etwas verändern. Man schimpft ja immer über die Politik, dass sie nichts tut. Und wenn man dann selber in einer Partei ist, hat man auch ein bisschen Einfluss darauf, dass die auch was tut. Und Die Linke setzt sich eben auch für viele Belange von behinderten Menschen ein. Es gibt auch einen Arbeitskreis für Öffentlichkeitsarbeit, und da bin ich drin. Es macht Spaß.

Maria Trümper: Dann wird es ja auch spannend sein, was du 2021 dort erreichen kannst. Was hast du für dieses Jahr geplant, privat und in deiner Funktion als Referent?

Frank Belling: Es ist alles sehr schwierig im Moment aufgrund von Corona, wenn wir aber wieder reisen dürfen, würde ich gerne mal wieder nach Berlin fahren, damit man sich mal wiedersehen kann. Aber vortragsmäßig findet alles nur online statt, mit Christian Judith zusammen oder zum Thema Leichte Sprache.

Maria Trümper: Lieber Frank, du hast so viele schlaue und wichtige Sachen gesagt - herzlichen Dank für deine Zeit und das Interview! Da wir ja eine CASCO-Interviewreihe sind: Welche*n CASCO-Referent oder Referentin möchtest du für das nächste Interview nominieren und warum?

Frank Belling: Ich möchte Uwe Wypior nominieren. Uwe kennt sich gut mit der UN-Behindertenrechtskonvention aus. Er weiß auch viel über das Thema Arbeit und Behinderung und ist wie ich auch politisch aktiv.

Berlin/Hamburg (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scgjopw