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Inklusion beginnt im Kindesalter

drei rote Ausrufezeichen
Drei rote Ausrufezeichen
Foto: ht

Gröbenzell (kobinet) Unter dem Motto "Inklusion beginnt im Kindesalter“ hatten für den vergangenen Sonntagnachmittag der Behindertenverband Bayern und die ortsansässige Familie Lill zu einer Demonstration auf dem Forumsplatz vor dem Gröbenzeller Freizeitheim aufgerufen. Nach Angaben der Veranstalter kamen trotz klirrender Kälte 80 bis 100 Menschen – darunter viele Ortsansässige, aber auch Inklusionsbefürworter*innen aus der Region.

"Von einem kraftvollen Zeichen für die Teilhabe von Behinderten“, sprach Mitveranstalterin Elke Lill nach der Kundgebung. Die Demonstration im Freien unter strikter Einhaltung der Corona-Regeln wandte sich gegen Diskriminierung von behinderten Kindern innerhalb des Schulsystems. Wahrscheinlich kenne jeder jemanden, der eine Schwerbehinderung oder ein seelisches Leiden habe, sagte Patricia Koller, Vorsitzende des Behindertenverbands Bayern. "Doch kaum jemand ahnt, wie vielen Existenzkämpfen, Respektlosigkeiten und Demütigungen und Angriffen Betroffene ausgesetzt sind“, fügte sie hinzu. Sie kritisierte: "Wir erleben Ausgrenzung schon ab der Kindheit. Kinder mit Behinderungen werden häufig aussortiert und in Sonder- beziehungsweise Förderschulen abgeschoben“, sagte die Frau, die im Rollstuhl sitzt, unter dem Applaus des Publikums.

Die schwerbehinderte Grünen-Inklusionsaktivistin und Künstlerin Kornelia Wagner sagte: Es scheine so, als habe sich seit ihrer Kindheit "nichts verändert“. Die Contergan-Geschädigte, die als Kind selbst eine Sonderschule besuchte, betonte: "Inklusion ist kein Sonderrecht.“ Sie kritisierte, dass es in den Regelschulen an ausreichend Sonderpädagogen und Lehrern fehle. Würde das Geld, das noch in Sonderschulen fließe, in die Regelschulen umgeleitet, "wäre eine Förderung aller Kinder möglich“.

"Der Besuch einer Förderschule hat für viele Kinder schwerwiegende Folgen“, so Wagner. Es gebe eine "grundsätzliche Ablehnung von Kindern von Sonderschulen seitens der Wirtschaft und damit fehlende Zukunftsperspektiven“, sagte sie. "Derzeit verlässt der Großteil der Kinder die Förderschule ohne jeden Abschluss“, kritisierte Mitveranstalter Tobias Lill, Vater eines Achtjährigen mit Asperger-Syndrom. FDP-Bezirksrätin Gabriele Berg resümierte: Es sei "traurig“, wenn Eltern auch mehr als ein Jahrzehnt nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion erstreiten müssten.

Konkreter Anlass für die Demonstration ist, dass die Gemeinde Gröbenzell sich weigert, den achtjährigen Sohn der Lills ab dem Halbjahr die nahe Sprengelschule besuchen zu lassen. Bereits Ende Januar hatten die Eltern den Gastschulantrag für den Jungen mit Asperger-Syndrom und einem IQ von 118 an einer weiter entfernten Regel-Grundschule zurückgenommen. Die Eltern klagen, an der Gastschule gebe es "ein inklusionsfeindliches Umfeld“. Der Junge sei aus ihrer Sicht diskriminiert worden. Der Zweitklässler ist einer Stellungnahme seines Kinderpsychologen zufolge aufgrund mehrerer negativer Vorfälle an der Schule "traumatisiert“. So war laut Eltern mit der Gastschule vereinbart, dass der Bub, wenn es ihm zu viel wird, mit seiner Schulbegleiterin in seinen Rückzugsraum gehen kann. "Doch der war bereits am zweiten Tag ohne jede Ankündigung abgesperrt. Dabei brauchen Asperger-Kinder Stabilität und Verlässlichkeit“, sagt die Mutter Elke Lill. Dass sich die Schule nicht an die Absprachen hielt, habe den Jungen extrem verunsichert. Auch andere Rahmenbedingungen waren alles andere als inklusionsoffen: So wurden etwa die Klassenkameraden den Eltern zufolge viel zu spät darüber aufgeklärt, dass der Junge behindert ist. Kindern dort war nicht klar, warum er sich zum Teil anders verhält. Auch wurde, das Kind, das aufgrund einer Sepsis als Baby manchmal unter starkem Speichelfluss leidet, als Folge der späten Aufklärung etwa als "Sabberer“ bezeichnet. Als der Junge mangels Schulbegleiter wochenlang die Schule nicht besuchen konnte, erhielt er den Angaben zufolge nicht den vollständigen Unterrichtsstoff. "Mitunter bekam der Junge ohne Rücksprache mit uns auch schwerere Aufgaben als seine Mitschüler“, so die Mutter.

Im offenen Mail-Verteiler, mit dem die Schule die Corona-bedingte Aufteilung der Klasse für den Wechselunterricht bekanntgab, sei man als einzige Familie nicht Adressat gewesen. Und der Junge war als einziges Kind nachweislich keiner der beiden Gruppen des Wechselunterrichts zugeteilt. Dies löste Nachfragen seitens von Eltern aus. Besucht der Junge noch weiter die Schule? Er hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Schulbegleiter. "Doch er war dennoch Teil der Klassengemeinschaft“, sagt die Mutter. Es habe "noch mehr diskriminierende Vorfälle gegeben“. Dennoch weigert sich die für Gastschulanträge zuständige Gemeinde Gröbenzell, dem Antrag nachzukommen.

Redner kritisierten dies. "Manchmal gehört nur ein Stück Offenheit, Mut, Wille und Liebe für die Kinder dazu, unbürokratische Lösungen zu finden“; sagte die Münchner Kommunalpolitikerin Wagner. Sie fragte: "Wo ist das Problem, einen Ruheraum zur Verfügung zu stellen?“ Zur Unterstützung des Jungen kamen Familie, Freunde, Nachbarn, Mitglieder seiner Inklusions-Fußballmannschaft und Eltern von behinderten Kindern und viele interessierte Gröbenzeller. Auch die bekannte Schriftstellerin Lena Gorelik unterstütze mit ihrer Familie bei der Demo den Jungen. Ein Redner war der Gröbenzeller Ex-Gemeinderat Johann Böhmer. Er kam mit seiner Lebensgefährtin, der Volksschauspielerin Monika Baumgartner. Böhmer berichtete, wie er sich für die schwerbehinderte Concetta Tatti einsetzte. Auch einzelne Gröbenzeller Kommunalpolitiker, wie der 2. Bürgermeister Martin Runge oder die Gröbenzeller SPD-Vorsitzende Sonja Scherzinger, schauten dem Bericht der Veranstalter zufolge bei der Kundgebung vorbei.

Gröbenzell (kobinet) Kategorien Nachricht

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