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Ich habe mir das „Frau sein“ zurückgeholt!

Foto von Jennifer Sonntag mit ihrem Blindenführhund Paul
Jennifer Sontag sitzt auf einem Stuhl vor rotem Hintergrund. Ihr schwarzer Hund sitzt neben ihr.
Foto: Privat

Halle (kobinet) Jennifer Sonntag, 42 Jahre, TV-Moderatorin, Autorin, Fachjournalistin

Eine tiefgründige Rebellin

Ein Portrait, geschrieben von kobinet-Korrespondentin Gracia Schade.

Herkunft: Jennifer Sonntag wurde in Halle an der Saale geboren, wuchs dort auf und lebt auch heute noch dort. Studiert hat sie an der Hochschule in Merseburg. Von sich sagt Jennifer Sonntag: „Ich bin ein Stadtmensch und trotzdem in der Natur verhaftet.“ Während ihrer Punkjahre lebte sie in der Südstadt in einem Hochhaus, einer Gegend im sozialen Brennpunkt.

Familie: Zu ihrer Familie zählen ihr Partner, ihr Blindenführhund und ihre Eltern. Ihren Partner Dirk Rotzsch lernte Jennifer Sonntag vor 15 Jahren kennen, er war der Keyboarder ihrer Lieblingsband, sie war Groupie. Sie erzählt: „Ich habe mich sozusagen langsam an ihn rangetastet, habe viele Konzerte besucht, ihm geschrieben, ihn angesprochen. Irgendwann habe ich ihn dann zu mir nach Hause eingeladen. Dort war es ruhiger als in einer Kneipe. Wir haben sieben Stunden durchgequatscht und gemerkt, dass wir uns noch viel zu erzählen haben.“

Wohnen: In ihrer Fantasie lebt Jennifer Sonntag in einem verwunschenen Häuschen im Wald ohne Nachbarn. In der Realität braucht sie das Gefühl, schnell in der Stadt zu sein, daher lebt sie am Stadtrand mit viel Grün drum herum. Das Wohnzimmer ist mit dunklen Kolonialstilmöbeln eingerichtet. Die Möbel stehen einzeln und wirken für sich, sie lassen genug Raum, um die Details zu betrachten. Auf einer Kommode steht eine sehr alte Punktschriftmaschine. Alte Bücher, Apothekerfläschchen und kleine Skulpturen lassen den Eindruck einer Zeitreise entstehen. In einer Vitrine stehen kleine Frauenkörper. Dazu erzählt Jennifer Sonntag: „Ich wollte Dinge plastisch darstellen. Durch mein Schreiben habe ich den Zugang zu Erotik gefunden und habe dem Ausdruck durch die Frauenkörper aus Ton verliehen.“.

Subkultur: Mit dem Wechsel von der Sehbehindertenschule ins Gymnasium fühlte sich Jennifer Sonntag zur konservativen Welt nicht zugehörig. Wegen ihrer dicken Brille wurde sie oft gehänselt, man warf mit Dingen nach ihr oder stellte ihr ein Bein. Sie erzählt: „Ich war ein Integrationsversuch nach der Wende. Ich wollte nicht länger der ausgestoßene Engel sein und habe mich bewusst zu den anderen an den Rand der Gesellschaft gesetzt. Das waren bunte Jungs und Mädels – Punks.“ Der Zusammenhalt in der Gruppe gab ihr Kraft. Es war eine raue Seite, durch die sich Jennifer Sonntag abgrenzen und nach außen gehen konnte. Als sie weniger sah, wechselte sie in die schwarze Szene. „Ich ging mehr nach innen, setzte mich mit meinen Gefühlen auseinander. Ich suchte einen kreativen Umgang damit und begann zu schreiben. Wie eine Tiefentaucherin beschäftige ich mich mit unseren Grenzen. Die schwarze Szene ist für meinen Partner und mich Normalität. Bewusst wird es uns wieder, wenn wir darauf angesprochen werden, beispielsweise aufgrund unseres Kleidungsstils.“

Verluste: „Als ich mit 15 Jahren erfuhr, dass ich mein Sehvermögen verlieren werde, hat mich das schon sehr getroffen. Der schlimmste Verlust war für mich, als ich mein Arbeitsverhältnis aufgeben musste. Die Rahmenbedingungen hatten sich so verschlechtert, dass ich richtig krank wurde. Ich habe nicht mehr an mich geglaubt, das hat mich gebrochen. Ich habe mich am Ende regelrecht weggebissen gefühlt.“ Jennifer Sonntag war dort als Sozialpädagogin tätig. Sie sagt: „Das war eine „Über euch – ohne euch“ Organisation.“ Der Tod ihrer Oma hat sie auch sehr mitgenommen, die beiden standen sich sehr nahe. Hinzu kam noch ihre Schmerzerkrankung, die viel Einfluss auf ihren Alltag hat.

Berufung: Jennifer Sonntag erzählt: „Eigentlich wollte ich Streetworkerin werden. Ich habe viele Menschen scheitern sehen. Jugendliche Drogentote und der Übergang in die Prostitution gehörten dazu.“. Als sich während ihres Studiums ihr Sehen immer mehr verschlechterte, entschied sie sich für Rehapädagogik. Rückblickend sagt sie dazu: „Das hatte mehr mit mir zu tun, als ich damals ertragen konnte.“ Nach 20 Jahren hat Jennifer Sonntag sich aus der Sozialpädagogik zurückgezogen. Ihr hat in der Zusammenarbeit mit nichtbehinderten Akteuren oft der Austausch auf Augenhöhe gefehlt. Sie sagt dazu: „Meist war ich die billige Expertin in eigener Sache. Trotz gleichrangiger Qualifikation musste ich in den letzten Jahren immer wieder um Honorare ringen. Jetzt bin ich als Fachjournalistin tätig. Endlich darf ich Dinge von außen betrachten und auch kritisch bewerten. Mit meiner Arbeit möchte ich Themen Sichtbarkeit verschaffen, die sonst im Verborgenen liegen.“ Das unabhängige Arbeiten, losgelöst von Strukturen, bekommt ihr gut.

Mode: Ist Jennifer Sonntag wichtig. „Mode erzählt mir Geschichten und drückt Gefühle aus. Ich will damit nicht aktuellen Trends entsprechen oder anderen gefallen. Sie verschafft mir Lebendigkeit, Kraft und Erinnerungen.“ Als Teenager wurde ihr die Weiblichkeit abgesprochen. Sie ergänzt: „Mit der Mode habe ich mir das „Frau sein“ zurückgeholt und kann nun mit dem Älterwerden entspannter leben.“.

Paul: Liebevoll bezeichnet Jennifer Sonntag ihren Blindenführhund Paul als Hilfsmittel mit Seele. Paul hat lackschwarzes Fell und passt damit hervorragend zur Kleidung seiner Besitzerin. Sie erzählt: „Ich bin ein absoluter Hundemensch, ein Leben dauerhaft ohne Hund kann ich mir nicht vorstellen. Als meine erste Hündin starb, war das ein herber Verlust. Sie hatte keine Ausbildung, hat mir aber viel Halt gegeben.“ Jennifer Sonntag liebt das Rausgehen und die Bewegung. Mit Paul läuft sie viel entspannter. „So bin ich weniger auf Begleitpersonen angewiesen.Aber das geht nur, wenn man Bock auf einen Hund hat.“

Essen: „Ich kann nicht gut kochen, aber gut essen. Ich werde von meinem Koch verwöhnt. Ich bin ein Genussmensch, am liebsten esse ich Indisch.“ Auf dem Balkon finden sich jede Menge Duftkräuter. Jennifer Sonntag bezeichnet sich als Flexiganer, hat aber das Ziel vegan zu leben.

Kunst: „Die Schriftstellerei ist meine Ausdrucksform. Je schlechter ich sah, desto mehr habe ich geschrieben.“ Für Jennifer Sonntag ist Kunst jede Form der Kreativität, die Relevanz hat, anders gesagt: Themen, die sie berühren. Auch das Thema Inklusion spielt hier eine Rolle. Ausstellungen müssen barrierefrei sein, beispielsweise durch Beschreibungen der Kunstwerke. Auch der freie Eintritt von Begleitpersonen muss selbstverständlich sein. Hierfür setzt sie sich ein.

Musik: Zum Thema Musik sagt Jennifer Sonntag: „Laute, rotzige Gitarren und Songtexte, die ich schnell verstehe, so mag ich Musik.“ Alte Punkbands, Deutschrap sowie Stilmixe zwischen Klassik und Rock gehören zu ihren bevorzugten Musikrichtungen. Laut und kräftig muss es sein.

Lebensziele: Mit ihrer journalistischen Arbeit möchte Jennifer Sonntag Missstände aufdecken, auch Themen wie Rassismus und Sexismus betrachten. Sie will damit Veränderung erzeugen. Sie plant für die spätere Generation ein digitales Gedächtnis, damit Themen dauerhaft auffindbar bleiben, Zahlreiche Ideen hat sie für Buch,- Fernseh-, und Bildprojekte. „Und natürlich mit meinem Partner alt werden.“

Halle (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/saks238