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Wir müssen draußen bleiben: Präklinische Triage und ihre Folgen

Franz-Josef Hanke
Franz-Josef Hanke
Foto: Franz-Josef Hanke

Marburg/Lahn (kobinet) Für den Journalisten und Bürgerrechtler Franz-Josef Hanke treten in der aktuellen Corona-Krise alle sozialen Ungerechtigkeiten ganz deutlich ans Tageslicht. Am bedrohlichsten ist seiner Ansicht nach nicht nur für behinderte Menschen die "präklinische Triage", wie er in seinem Kommentar für die kobinet-nachrichten schreibt.

Kommentar von Franz-Josef Hanke

Alle sozialen Ungerechtigkeiten treten in der Corona-Krise ganz deutlich ans Tageslicht. Am bedrohlichsten nicht nur für behinderte Menschen ist die "präklinische Triage". Unter "Triage" versteht die Katastrophenmedizin die Einteilung behandlungsbedürftiger Patientinnen und Patienten in zunächst drei Gruppen: Wer schnell gerettet werden kann, kommt sofort in Behandlung. Danach folgen diejenigen, deren Behandlung schwieriger oder deren Erfolgs- und Überlebensaussichten nicht eindeutig sind. Als Letzte fallen meist die Menschen hinten runter, denen die Behandelnden beim ersten Blick die geringsten Überlebenschancen oder Erfolgsaussichten einräumen.

In Sekundenschnelle wird dabei über die weitere medizinische Behandlung von Menschen und ihr Überlebensrecht entschieden. Diese Entscheiddung ist zutiefst unmenschlich, bleibt im Ernstfall aber die schwer vermeidbare Folge der grundsätzlichen Unmenschlichkeit des Kriegs. In einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat ist ein solches Herangehen vollkommen unannehmbar.

Dennoch besteht begründete Besorgnis, dass eine besondere Form der Triage im Zuge der Corona-Pandemi seit einigen Wochen auch in Deutschland bereits praktiziert wird. Sie erfolgt jedoch auf subtilerem Wege als die direkte Aussonderung Behandlungsbedürftiger durch Ärztinnen und Ärzte in der Klinik, über deren Notwendigkeit sich bereits ein Arzt in Sachsen öffentlich beklagt hat. Für diejenigen, die über Leben und Tod entscheiden müssen, ist die Triage eine erhebliche seelische Belastung, die sie auch an die Grenzen ihrer beruflichen Motivation bringen kann.

Aus Spanien, Italien und Frankreich wurde bereits während der ersten Welle der Corona-Pandemie im Frühjahr gemeldet, dass der Weg von den Pflegeheimen in die Kliniken in der Regel versperrt blieb. Schwere Verläufe von Covid-19 wurden direkt im Pflegeheim behandelt und nicht auf der Intensivstation.

Dergleichen könnte man als "präklinische Triage" bezeichnen, weil die Aussonderung bereits außerhalb des Krankenhauses erfolgt. Den Betroffenen werden damit die - in aller Regel wesentlich besseren - Behandlungsmöglichkeiten in der Intensivstation vorenthalten. In ihrem Heim erhalten sie eine "Notbehandlung", die ihre Überlebenschancen eher nicht ausreichend ausschöpft. Vor allem darum werden die meisten Corona-Todesfälle aus Pflege- und Altenheimen gemeldet.

Von den mittlerweile mehr als 58.000 Menschen, die in Deutschland an oder mit dem Corona-Virus gestorben sind, sind Statistiken zufolge weniger als 20.000 auf Intensivstationen in Krankenhäusern verstorben. Die weitaus größte Zahl der Corona-Toten ist älter als 70 Jahre und befand sich in Altenpflegeheimen. Diese Tatsache nährt den Verdacht, dass eine Verlegung erkrankter Infizierter aus dem Heim auf die Intensivstation häufig nicht erfogt ist.

Damit wird die Pflege im Heim bei einer Pandemie zum Überlebensrisiko. Wer wird künftig noch freiwillig ins Heim gehen, wenn ihm dort die Abschneidung von der bestmöglichen Gesundheitsversorgung droht? Welche Wirkung wird diese kollektive Erfahrung künftig auf Motivation und Qualität der Pflege in stationären Einrichtungen haben?

Gleichzeitig war kurz nach Beginn der Pandemie ein Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht beatmungspflichtiger Menschen zu beobachten, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit seinem Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz (IPReG) unternommen hat. Einen Heimzwang lehnen viele Menschen mit einer Behinderung aber aus guten Gründen ab. Die Gefahr der "präklinischen Triage" wäre nur ein weiterer Grund gegen eine Einschränkung des Rechts auf ein unterstütztes Leben in der eigenen Wohnung.

Die vielfach wiederholten Bekundungen, in der Pandemie müsse man "besonders Schutzbedürftige" abschotten und den Zugang zu Heimen dicht machen, ist nicht nur eine paternalistische Wiederbelebung einer überkommenen "Almosen"-Mentalität, sondern angesichts der Zustände in manchen Heimen ein verlogenes Eingeständnis eigenen Versagens. "Schutzbedürftig" sind alle Menschen ohne Ansehen ihrer Herkunft, Krankheit oder Gesundheit, ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Situation und ihres Aufenthaltsorts. Schützen kann die Bevölkerung in der Pandemie nur gemeinschaftliches solidarisches Handeln aller Bürgerinnen und Bürger durch Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Impfungen und gezielte Maßnahmen zur Vermeidung unnötiger Kontakte.

Bei der Impfkampagne wurden Heime als höchste Priorität eingestuft. Menschen mit Behinderungen, die nicht im Heim leben, wurden jedoch "vergessen". Ein Körperbehinderter aus Frankfurt hat vor Gericht erstritten, dass ihm frühzeitig ein Impftermin angeboten werden muss.

Der heimliche Druck auf behinderte Menschen zeugt von einem Menschenbild, dem nicht nur Betroffene entschieden entgegentreten müssen. Sprüche wie Philipp Missfelders achselzuckende Parole vom "sozialverträglichen Frühableben" alter Menschen ist ein Wiedergänger der Nazi-Ideologie vom angeblich "lebensunwerten Leben". Solche Gedanken schaden den grundlegenden Ansprüchen jeder dwemokratischen Grundordnung mit ihrer Gleichheitsvermutung und unveräußerlichen Grundrechten jedes Mwenschen.

Eine offene und inklusive Herangehensweise an die Pandemie ist der einzige Weg, Verschwörungsmythen und berecchtigten Sorgen entgegenzutreten. Eine Pandemie ist leider ebensowenig planbar wie das Leben mit einer Behinderung, wie beispielsweise Rheuma. Den viel bejammerten "Lockdown" erleiden viele Menschen mit einer Behinderung als alltägliche Lebenssituation.

Darum sollten die Erfahrungen der Menschen mit einer Behinderung viel stärker in den gesellschafttlichen Diskurs über die Pandemie mit einbezogen werden. Zudem müssen die Betroffenen auch vehement streiten für ihr Recht auf Selbstbestimmung und Inklusion. Inklusion ist kein zuckersüßes Bonbon für Feiertage und Schönwetterperioden, sondern die notwendige Voraussetzung für eine demokratische und solidarische Gesellschaft.

Marburg/Lahn (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sbgvw45